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Ein trüber, trübseliger Tag. Ein Himmel so schiefergrau und hoffnungslos wie ihn nur der Melancholie-Monat November zu Stande bringt. Krähen hüpfen flügellahm auf dem fahlen, fleckigen Grün des englischen Rasens herum. Es kann nicht mehr lange dauern, dann wird das ausgebleichte, fadenscheinige Grün unterm weißen Leichentuch des ersten Schnees spurlos verschwinden, von Eis und Kälte erstickt. Die richtige Zeit, der richtige Ort um sich zu erinnern: an die stockfleckig gewordenen, den Gang der Geschichte jedoch für immer verändernden Tage des Novembers 1918.

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95 Jahre ist das her, doch der erinnernde Blick fällt einem heute nicht schwer. Szenen die im Grau der Fotografien verschwimmen. Ein Grau, das dem Nebel dieser herbstlichen Düsternis auf gespenstische Weise gleicht, den Gesichtern ihre Farben extrahiert. Die Lebenden leichenbleich erscheinen lässt. Eine Leblosigkeit die es einem leicht macht, einzutauchen in die Lichtleere der Vergangenheit. Ein Sturz durch die Nebelwände der Zeit. Wie durch ein auf dem Kopf stehendes Fernrohr erkennen wir die Protagonisten als schemenhafte Scherenschnitte, erblicken Marionettenfiguren, in einer vor großer Kulisse inszenierten Charade.

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Es ist Revolution in München! Nur der König, ein schon etwas seniler, eisbärtiger Herr von bald 75 Jahren weiß nichts davon – oder will nichts davon wissen. Zumindest wagt ihm noch niemand zu sagen, dass er ausgespielt und er, der Dritte Ludwig, nicht länger König von Bayern ist. Ja das sein illustres Geschlecht, das im Bayernland seit dem Jahr 1180 regiert, die große Weltbühne über den Lieferantenausgang zu verlassen hat. Ein tragisches, unrühmliches Ende – ganz nach dem Gusto derjenigen Historiker, die danach trachten die Wendepunkte der Geschichte vom heroischen Glanz zu entkleiden.

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Nun, was ist den Annalen der Zeit nach passiert? Nennen wir einige Stichpunkte um das revolutionäre Geschehen in seiner Ungeheuerlichkeit zu verstehen. Am 7. November spricht Kurt Eisner, ein Jude und Berliner dazu, mit anderen Rednern auf der Münchner Theresienwiese.

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Die Menge der Zuhörer zählt in die Hunderttausende. Die Menschen sind erregt, revolutionäre Empörung, der Geruch nach Zunder und Russ liegt in der staubigen Luft der Hauptstadt des Noch-Königreich Bayerns. Im Anschluss an die Massenkundgebung nutzt Eisner die Gunst der Stunde. Er zieht nicht in den Dunst der Bierkeller, sondern schert quasi nach links aus.

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Eisners Intimus Felix Fechenbach gibt am Ende der Kundgebung mit den Worten,„Es lebe die Revolution“ das Startsignal. Zusammen mit dem Vertreter des revolutionären Flügels des Bayerischen Bauernbundes Ludwig Gandorfer führt der Rädelsführer mit seinem dichten, schwarzen Marxbart eine stetig anschwellende Schar von Demonstranten zu den Kasernen im Münchner Stadtgebiet. Ihr erstes Ziel: die Kraftfahr-Ersatzabteilung in der Kazmairstraße. Die Kraftfahrer im Westend schließen sich dem „Zug der Roten“ an. Weiter geht es im „Laufschritt“: zur Ersatzkompanie des Münchner Landsturmbataillons, zur Marsfeldkaserne, zur Türkenkaserne und zu den Kasernen auf dem Oberwiesenfeld und an der Dachauer Straße. Der Protestzug entwickelt sich zum Triumphmarsch.

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Nirgends regt sich Widerstand, nicht ein Schuss knallt aus dem Dunkel eines Hinterhalts. Ein Großteil der einfachen Soldaten und Unteroffiziere der Garnison solidarsieren sich mit den Aufständischen, die nichts weniger als den Umsturz planen. Von den Offizieren ist nichts mehr zu sehen, noch ein über den Kasernenhof gebelltes Kommando zu hören. Der Staat und seine Institutionen schweigen. Noch am selbigen Abend werden die Schlüsselpositionen in der Stadt, der Hauptbahnhof, das Telegrafenamt und der Bayerische Landtag okkupiert.

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Um 19 Uhr gesteht Kriegsminister Philipp von Hellingrath seine Ohnmacht ein, die Truppen gehorchen keinen Befehlen mehr. Sie haben nur noch ein Ziel, kennen nur noch eine Parole: Nieder mit dem Krieg, nieder mit dem König! Noch in der Nacht zum 8. November konstituieren die Revolutionäre im „Mathäserbräu“ einen Arbeiter- und Soldatenrat sowie einen Bauernrat und erklären die Herrschaft des Hauses Wittelsbach für beendet.

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Der letzte Ministerpräsident des bayerischen Königreichs Otto Ritter von Dandl rät Ludwig III., dem „Millibauer“ auf dem Thron, dringend noch in der Nacht zu fliehen. Ludwig verläßt die Residenz in Zivilkleidung und über die Hintertreppe. Seine todkranke Gemahlin, drei seiner Töchter, sein Enkel Erbprinz Albrecht begleiten den von den Ereignissen überrumpelten Monarchen. Drei Mietautos warten. Das Ziel des Königs und seiner Entourage: Schloss Wildenwart am Chiemsee.

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Als die „braven Bürger“ am nächsten Morgen erwachen ist schon alles vorbei. Verwundert reiben sie sich die Augen: Auf Plakaten und in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ springt ihnen die Proklamation des von Kurt Eisner geführten Arbeiter- und Soldatenrats in großen, druckfrischen Lettern entgegen: „Bayern ist fortan ein Freistaat“ steht dort schwarz auf weiß. Und: „Eine Volksregierung, die von dem Vertrauen der Massen getragen wird, soll unverzüglich eingesetzt werden. … Eine neue Zeit hebt an.“

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Noch am selben Tag werden auch andernorts die Sturmglocken der Revolution geläutet: von der streikenden Belegschaft der Maschinenfabrik MAN in Augsburg, von meuternden Soldaten in Regensburg, Nürnberg und Straubing und tags drauf in Rosenheim und der Maxhütte bei Burglengenfeld. Eine neue Ära in Bayern hatte begonnen. Und das mitten im Monat November.

Dinesh Bauer

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