De Hemadlenz’n

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Ein jeder echte Bayer – zumindest diejenigen, die wie ich in den 60er Jahren aufgewachsen sind, weiß was ein „Hemadlenz“ ist – eine Person, die nur mit einem Hemd bekleidet, unterwegs ist. Im übertragenen Sinn bezeichnet es einen Halbwüchsigen, egal ob Bub oder Mädchen. In meiner Jugendzeit war es bei uns Brauch nicht etwa einen Pyjama, sondern lediglich ein Nachthemd zu tragen.

Der Name „Lenz“ respektive Lorenz lässt sich vom heiligen Laurentius herleiten, der in der Frühzeit des Christentums in Rom so eine Art Tafel für in Not gerate Mitglieder der Gemeinde organisierte. Unter Kaiser Valerian wurde er der Legende nach am 10. August 258 öffentlich hingerichtet – sprich er wurde gefoltert und wie eine Bratwurst auf einem glühenden Eisenrost gegrillt. Kein angenehmes Ende, doch der Lenz soll dem Kaiser vor dem Tod noch zugerufen haben: „Du armer Mensch, mir ist dieses Feuer eine Kühle, dir aber bringt es ewige Pein.“ Zu Lebzeiten bekleidete Laurentius das Amt eines Diakons, der von Amts wegen eine Dalmatika trug.

Das Outfit erinnerte die Menschen späterer Jahrhunderte an ein Hemd – und so war der Ausdruck „Hemadlenz“ in der Welt. Die Bezeichnung Hemadlenz wurde in ganz Altbayern verwendet. So hieß es bei meiner Oma immer scherzhaft: „Jetzt aber schleunigst ab in die Federn, du kleiner Hemadlenz!“ Bei manchen Faschingsumzügen liefen die Hemadlenzen – ausschließlich Männer – mit. Zu einer besondern Blüte gelangte der Brauch in Dorfen, einer Kleinstadt im Isental.

Bei den Dorfener Maschkera waren die „Hemadlenzen“ – weißes Hemd, weiß gepudertes Gesicht, schwarze Zipfelmütze – eine feste Institution. Gefeiert wurde vor allem am Unsinnigen Donnerstag. Die Hemadlenzen waren schon vormittags auf der Straße – um sich bei den Anwohnern gebührend mit Würstel, Semmeln, Bier und Wein einzudecken. Als besondere Attraktion wurde der Hemadlenz herumgekarrt: eine Strohpuppe in einem Käfig. Zur Krönung des wilden Treibens wird der Puppe einen Strick um den Hals gelegt, dann baumelt sie am Galgen, nur um anschließend verbrannt zu werden. So wird – für alle sichtbar – der Winter ausgetrieben. Beim nachmittäglichen, eigentlichen Faschingsumzug darf sich kein Hemadlenz mehr blicken lassen – denn der Winter ist ja nun – zumindest für dieses Jahr – in Flammen aufgegangen.

Dinesh Bauer

Boandl & Kramer – Buena Vista auf boarisch

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Boandl & Kramer, das ist bayrischer Garagen-Volk mitten aus dem Oberland. Odraht, handgemacht, urwüchsig. Manchmal übermütig, manchmal nachdenklich, manchmal hinterkünftig, aber oiwei „gradraus“. Ohne Schubladen und Schablonen. Die Musiker „Boandl“ Bauer und „Kramer“ Schwarz kommen beide aus dem Isar-Loisachtal, aus Nantwein respektive Waldram – und kennen sich, seit mittlerweile 50 Jahren, sappradi. Die Musik und die Texte sind durch die Bank selbst gedrechselt – Originale, wie die beiden Musiker selbst. Dass es bei Boandl & Kramer recht lustig zugeht, merkt man ihren Schmuck-Stückerl’n an. Ob nun der „letzte Cowboy“ mit den Buffalo-Buam auf Tour geht, sich die „Bichler-Buam“ als Grenzgänger und Gipfelstürmer durch die Steilwände hangeln oder sich der „Wildschütz vo Wall“ auf Knall und Fall zu einer Menage à trois bequemt. Boandl & Kramer – boarisch, sakrisch, guad. Hört’s mei nei!

https://www.youtube.com/watch?v=pPM9N088N58&t=200s

Betrachtungen zum Boandl – ein Psychogramm

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Der Boandl oder der Boandlkramer ist ein allegorischer Begriff, die Personifikation des Todes, der einen tief in die bayerische Seele blicken lässt. Zu den Vorfahren der Bajuwaren zählten die im Oberland und in den Alpenregionen ansässigen keltischen Stämme, die Räter, die Breonen, die Vindeliker mit ihren vier Unterstämmen, den Cosuaneten, Rukinaten, Likatier und Caternaten – archaisch klingende Namen, die ohne die römischen Geschichtsschreiber wie Cassius Dio längst vergessen wären. In dem großen Feldzug des Jahres 15 vor Christus besiegen die römischen Feldherrn Drusus und Tiberius die keltischen Stämme und besetzen das Land bis zur Donau. Die keltischen Einwohner werden in den folgenden Jahrhunderten romanisiert und weitestgehend assimiliert. Mit dem Abzug der römischen Legionen im 5. Jahrhundert entstand im Gebiet zwischen Alpen und Donau ein Machtvakuum. Dieses füllen nach und nach die Baiern, die ab dem 6. Jahrhundert ein eigenes Herzogtum bilden. Woher die Bayern respektive Bajuwaren kommen, ist in Kreisen der Historiker bis heute umstritten. Wahrscheinlich kommen sie – im Gegensatz zu all den anderen germanischen Stämmen – von nirgendwo her.

Die Genese des bayerischen Volks erfolgte wohl eher in einem dynamisch, organischen Prozess. Die hier siedelnden Keltoromanen vermengten sich über einen Zeitraum von 250 Jahren hinweg mit einigen „Zuzüglern“: Slawen aus dem Nordosten, Germanen aus dem Nordwesten, dinarischen Stämmen aus dem Südosten. Aus dieser genetischen Mixtur entwickelte sich nach und nach ein eigener Phänotyp. Von eher stämmiger Statur, mit kantigen, grob gehauenen Gesichtszügen, schwarzer Mähne und eher dunklem Teint. Dazu die typischen Charaktereigenschaften des „Homo Bavaricus“: streitlustig, schlitzohrig, starrköpfig, abergläubisch, fatalistisch, nicht sonderlich sittsam und zur Trunksucht neigend. Ein Charakterbild das noch Anfang des 20. Jahrhunderts von aus Norddeutschland stammenden Gelehrten kolportiert wurde. Das „keltische Erbe“, samt seiner Geisterwelt, hat in der bayrischen Seele bis heute sichtbare Spuren hinterlassen. Archetypische (Kult-)Figuren wie der Krampus, die Perchten, der Sparifankerl oder eben der Boandlkramer sind genuin keltischen Ursprungs.

Der „Boandlkramer“ ist eine ureigene, bayrische Wortschöpfung, die sich aus den Begriffen „Boandl“, sprich dem Gebein, sowie dem „Kramer“, einem herumfahrenden Händler und Geschäftemacher, eben einer Art „Kleinkrämer“ zusammensetzt. Einer solchen, eher armseligen, etwas schmierigen Erscheinung bringt man wenig Achtung und Respekt entgegen. Der bayrische Tod hat im Gegensatz zum gebieterischen Sensen- oder Knochenmann nichts „Dämonisches“, „Unheimliches“ an sich. Um den Tod macht man in Folge dieser „Ikonografie“ kein großes Aufhebens – er gehört zum Leben dazu, nicht mehr und nicht weniger.

Der „Boandl“ ist nicht etwa ein selbstherrlich agierender Popanz, sondern eher ein untertänig auftretender Knecht, der im Auftrag des „Herrn“ seine Arbeit erledigt. Vom Aussehen her, ein bleicher Gesell, ein Armenhäusler, hohlwangig und „knochig“, der halt seinen Job macht, weil es ihm aufgetragen respektive „aufgesetzet“ ist. Als typische „Krämerseele“ ist er einem Handel, einem Spielchen nie abgeneigt. Der Tod ist ein „odrahta Schlankl“. Per se kein unsympathischer Bursche, der einen eben „in aller Unschuld“ ins Jenseits befördert – ohne großes Brimborium. Wer findig und hinterfotzig genug ist, kann den Boandlkramer jedoch überlisten und über den Tisch ziehen. Sprich: in Bayern steht man mit dem Gevatter Tod auf vertrautem Fuß. Wie weiland die alten Kelten fürchtet sich ein echter Alpen-Aborigine vor wenig – und schon gar nicht vor dem Tod. Höchstens, dass einem – nach der sechsten Maß – doch noch der Himmel auf dem Kopf fällt.

Dinesh „Boandl“ Bauer

Stad’l-Session mit „Boandl & Kramer“ – vui Spaß dabei:

De grantige Wirtin

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Photo2946Das Tegernseer Tal ist heute das Kernland der bayerischen Bonzokratie. Rund um den Lago di Bonzo hat die burschikose Bussi-Bussi-Society ihr Domizil aufgeschlagen. Hier trägt man Tracht – auch wenn die aufgebrezelte Botox-Diva und der abgetakelte Joppen-Jüngling kein Wort Bayrisch kauderwelschen. Ende des 19. Jahrhunderts war die schon damals blaublütig, bourgeois angehauchte Gegend rund um den See im schreienden Kontrast zu der seelenlosen Schicki-Szene, ein Hot Spot der bayrischen Literatur und Mundartdichtung. In der zweiten Hälfte ließen sich an dem im Sonnenlicht funkelnden Gewässer inmitten grüner Hügel zahlreiche „Verseschmiede“ und „Federfuchser“ nieder. Die beiden „Wiggerl“ – Ludwig Ganghofer und Ludwig Thoma lebten hier und liegen Seite an Seite am Friedhof von Egern begraben.

800px-Ludwig_Thiersch_Bildnis_des_Dichters_Karl_Stieler_1868Es kommt schließlich nicht von ungefähr das Franz von Kobell die Parade-Figur des schlitzohrigen Bayern, den Brandner Kaspar, in Tegernsee verortet. „Der Brandner-Kasper is a‘ Schlosser g’west und hat bei Tegernsee a‘ kloa’s Häusl g’habt, hübsch hoch ob’n a’m Albach, wo mar auf Schliersee ’nübergeht“, heißt es am Anfang der humorigen Geschichte. Kobell war eine der großen literarischen Vorbilder eines anderen, heute weniger bekannten Tegernseer „Romanciers“, der in seinen Dichtungen, seinen Natur-. und Lebensbildern mit Vorliebe das rurale und rustikale Element bediente. Zu seiner Zeit war der 1842 geborene Karl Stieler eine feste literarische Größe. Der gelernte Jurist war als Schriftsteller höchst erfolgreich – sein Stil gefiel.

800px-Karl_stieler02Die zeitgenössische Literaturkritik bescheinigte dem Autor, dass die Auswahl seiner Stoffe und deren moralischer Gehalt den Beifall des kundigen Publikums verdiene: „Freier Lebensgenuss in den Bergen, Liebesglück und vaterländische Begeisterung“ seien „die immer wiederkehrenden Motive seiner Poesie“. Seine Werke – darunter „Weil’s mi freut!“, „Habt’s a Schneid?“ oder „In der Sommerfrisch“ zeichneten sich überdies durch eine untadelige, formale Gestaltung aus. Der gebürtige Münchner war am Tegernsee aufgewachsen – und Zeit seines Lebens zog es ihn zu den magischen Orten seiner Jugend. Und er verstand es, den einfachen Leuten, den Bauern, Schankdirnen und Holzknechten, aufs Maul zu schauen…Ein Beispiel aus der Gedichtsammlung „Habt’s a Schneid?“ gefällig? „De alte Wirtin z‘ Unterberg, die macht a grantig Gfriss, die ko de Fremdn gor ned leid’n, weil Sie a Wirtin is.´Und wenn wer hikimmt, nachad gront’s, was wollt’s denn Gsindel fremd’s, kriagt’s wieda gor nix z’fressen z’Haus, daß’s bis da eini kemmt’s?“

Dinesh Bauer

P.S: Mehr von mir als Autor? Meine Bayern-Krimis san so schlecht aa ned. Schmökert’s und schnüffelt’s eini. Im Buchhandel und online in den Book-Shops.

Kreuzfahrt ins Gesäuse

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I wanna see the Eiger! Ja und natürlich auch das Matterhorn. Seit die Menschen anfingen, in der unwirtlichen Bergwelt ein fernes, romantisch verbrämtes „Sehnsuchtsziel“ zu erblicken, also seit etwa 175 Jahren, lockten die imposanten Gipfelkulissen die Alpin-Touristen in Scharen nach Grindelwald oder Zermatt.

Wer die lotrechte Nordwand des Eigers vor Augen hat, ist schwer beeindruckt – zweifelsohne. Einen ähnlich tiefen Eindruck hinterlassen die Kalkkolosse des Gesäuses. Doch steter Tropfen höhlt den Stein. So haben sich die Elemente mit der ihnen eignen Hartnäckigkeit daran gemacht, einen Weg durch den Fels zu fräsen. Ein Werk für die Ewigkeit, der einen engen Canyon entstehen ließ. Zwischen Admont und Hieflau, auf einer Länge von 15 Kilometer, zwängen sich die wilden Wasser durch die lotrecht aufragenden Kalkklippen aus teils dunklem, teils hellgrauem Dachstein-Dolomit.

Nördlich der Enns bestimmt die Buchsteingruppe die Szenerie, südlich schieben sich nacheinander die Admonter-Reichensteingruppe, die Hochtorgruppe und die Zinödl-Lugauer-Gruppe wie gewaltige Kulissenwände ins Bild. Felsschicht um Felsschicht hat die Urgewalt des Wassers mit der Präzision eines Seziermessers freigelegt und lässt Geologen tief in die Vergangenheit blicken. Die wilde Welt des Gesäuse ist für jeden Berg-Enthusiasten ein absolutes Highlight. Schwindelerregende Höhen, tief eingeschnittene Täler, Natur pur. Das strudelnde, schäumende, über Stromschnellen wirbelnde Wasser war der Namensgeber dieses rauen, wilden, nahezu menschenleeren Landstrichs. Erst im späten Mittelalter entstanden kleine Siedlungen wie Johnsbach oder Radmer, um Erz abzubauen, Almen anzulegen und den Holzhunger der Barockzeit zu stillen.

Das steinerne Herz des Gesäuses bildet die Hochtorgruppe, mit ihren 1000 Meter hohen Kalkwänden. Eine schier unüberwindliche vertikale Barriere, die in den Gipfeln des Großen Ödsteins und des 2369 Meter hohen Hochtors kulminiert. In den berühmt, berüchtigten Nordwände verunglückten Hunderte von Alpinisten. Selbst die einfachsten Aufstiege, die Normalwege, erfordern Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und ein gewisses klettertechnisches Können. Drei „versicherte“ Wege führen aus dem Ennstal hinauf, durchs Haindlkar, über den Wasserfallweg oder den ursprünglichen Zustieg, dem Peternpfad. Von ähnlich beeindruckender Wildheit und Schroffheit sind die gezackten Zinnen der Reichenstein-Gruppe, mit dem Kalbling, dem Sparafeld und dem 2251 Meter hohen Reichenstein als Kulminationspunkten. Im Weichbild der Wände zeichnen sich auch hier anspruchsvolle Kletterrouten ab.

Dass es in einem solch wild gebärdenden Gebirge wie dem Gesäuse zu zahlreichen tödlichen Unfällen und Bergdramen kam, liegt in der Natur der Berge. Dort wurde ein Holzknecht vom Baum erschlagen, dort ein Almhirt vom Stier aufgespießt, dort erfror eine verirrte Bäuerin in der Eiseskälte des Winters. Von den zahllosen Bergsteigern und Kletterern gar nicht zu reden, die auf ihren Touren den Tod fanden.

Auf dem Johnsbacher Bergfriedhof zeugen die von Efeu überwucherten Grabplatten, die rostigen Gedenktafeln von den Opfern, die der Berg immer wieder einfordert. Auch andere Alpinisten, die in den fernen Anden oder im Himalaya in den Abgrund stürzten, fanden unter den ringsum aufragen Felswänden ihre letzte Ruhestätte – umrahmt von den Bergen, die ihr Schicksal besiegelten. Ein Ort, wie aus Raum und Zeit gefallen.

Dinesh Bauer

P.S: Meine Alpen-Krimis finden Sie im Buchhandel oder im Online-Handel bei den üblichen Verdächtigen:

Drenta da Isar: Originell, eigen, uneben

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DineshBauer2_kleinWie entstehen meine Bücher, diese bayerischen Krimis? Sehnsucht nach zu Hause, nach der Heimat, nach einem Fixpunkt im Leben? Wieso erzählt man überhaupt Geschichten? Was treibt einen dazu, sich einen Plot auszudenken, Figuren zu erfinden und übers Schachbrett zu schieben? Um nach Antworten zu graben, habe ich mir eine imaginäre dritte Person ausgedacht, die mir quasi von „drenta da Isar“, also vom anderen Ufer drüben, sieben Fragen stellt…

Wenn schon einen Roman. Warum schreibst du Krimis und keine heiteren Romanzen oder Road Movies?

Bluadige Hennakrepf, was für eine Frage. Um ein paar Zipfelklatscher ins Jenseits zu expedieren, ohne dabei Gefahr zu laufen, selber im Häfen zu landen. Spaß bei Seite. Ich mag eigenwillige, schräge Charaktere, mit starkem, regionalem Bezug. Unikate, die in Schottland, Schweden oder Sizilien völlig fehl am Platz wären, aber bei uns „dahoam“ prima funktionieren. Die Geschichten selber sind ziemlich verzwickt, schon um den kriminalistischen Spürsinn des Lesers zu wecken. Das Setting, hoffe ich zumindest, spricht jeden an, der ein Faible für die abgründigen Seiten Bayerns hat. Der Begriff „Hoamad“ ist ja extrem vielschichtig und hat etwas Unergründliches, Hintergründiges. Wenn zum Beispiel mein Lederhosen-Lenin Joe Greiner in die Rolle des bayerischen Revoluzzers schlüpft, dann hat das zwar etwas Tragikomisches, aber auch Authentisches. Denn es gibt diesen Typus ja „in natura“, wenn auch an versteckten, „hinteren Plätzen“.

DineshBauer_TotaleWie ist das, wenn du ein neues Buch anfängst? Gibt es da bestimmte, immer wiederkehrende Rituale?

Ritual? Na, eher einen Ritualmord. Im aktuellen Krimi „Herrgottswasser“ habe ich eingehend mit den Gedanken gespielt, einen Ritualmord an den Anfang zu stellen, also im Thriller-Stil zu beginnen. Habe den Gedanken aber wieder verworfen – und mich für eine eher klassische Exposition des Themas – ganz „Old School“ entschieden. Am Anfang steht aber immer die eine Frage: Welche Geschichte will ich erzählen – und wieso?

Welcher Charakter ist dir besonders ans Herz gewachsen – als Identifikationsfigur oder auch Projektionsfläche?

Puh, ich hab ja schon vor 20 Jahren begonnen mich mit diesem Genre zu beschäftigen – lange bevor es den Eberhofer-Hype gab. Über den Zeitraum von 20 Jahren sind zahlreiche Figuren aus der Schablone gefallen, Charaktere die mir lieb und vertraut geworden sind. Darunter ein gewisser Schorsch Wammetsberger, ein anarchischer Querulant, notorischer Quertreiber und starrsinniger Sturschädel, der prinzipiell nie nach Vorschrift arbeitet, sondern mit unorthodoxen Methoden ans Werk geht – und seine Vorgesetzten, aber auch die zuständigen Kripo-Beamten konsequent mit Missachtung straft. Nach dem alten Motto: Ein Bayer ist ein Bayer ist ein Bayer. In „Herrgottswasser“ hat er auch eine winzige Nebenrolle bekommen. Die eigentlichen „Helden“ kommen jedoch als Quartett daher, die Vier kennen sich seit ewigen Zeiten und machen zusammen Musik, sind sich ansonsten jedoch in der Sache selten einig, was wiederum reichlich Zündstoff birgt. Denn was wäre ein echter Bayer ohne seine Maß und eine ordentliche Stammtisch-Streiterei? Noch unausstehlicher.

Die_Gartenlaube_(1876)_b_169Was hat dich dazu animiert, deinen kriminellen Neigungen nicht in Feuerland oder am Kongo nachzugehen, sondern „dahoam“, in deiner Heimat zu drastischen Mitteln zu greifen?

Das Bayerische liegt mir im Blut, oder in der DNA – wie man will. Mein Stammbaum reicht bis in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs zurück und meine sämtlichen Vorfahren stammen aus dem Biermuda-Dreieck zwischen Bad Aibling, Wolfratshausen und Bad Tölz. Das hat zwangsläufig Spuren hinterlassen. Ich bin eng mit meiner Heimat verflochten: dazu zählt die Sprache, die gewachsene Kultur, das Brauchtum, das kulinarische Erbe und die echte Volksmusik. Mit den Bauernfünfern, den halbseidenen Haderlumpen und Odel-Outlaws kenn ich mich bestens aus. Man muss wahrlich nicht die gängigen Klischees bedienen, um genügend „Modelliermasse“ zur Hand zu haben: knorrige, knurrige, in sich stimmige Charakterköpfe zu kneten. Natürlich kenn ich auch das weiß-blaue Land wie meine Joppentasche: die schroffen Berge, die dunklen Wälder, die windschiefen Winkel – zwischen Idyll und Ideal gähnt immer irgendwo ein Abgrund.

Nun, dein neues Buch ist fix und fertig. Es liegt druckfrisch vor dir am Bankerl. Beginnst du darin, mit sagen wir mal „breiter Brust“ zu blättern?

Iatzt hast mich aber am falschen Fuß erwischt. Es kommt darauf an, würde ich sagen. Gerade wenn eine Lesung ansteht, schau ich mir die einzelnen Kapitel noch einmal genau an. Welche Szene bildet die Quintessenz der Geschichte am besten ab? Welche Dialoge lassen den ureigenen Charakter der Protagonisten durchscheinen? Es fällt mir nämlich meistens echt schwer, mich für eine bestimmte „Untat“ meines „Bavarian Dream-Teams“ zu entscheiden.

Photo2772Wie sieht es bei dir am Schreibtisch aus? Was ist immer in Griffweite – jetzt mal außer der Maus und der Tastatur?

Ohne ein paar Schmiermittel komme ich nicht aus. Da bekenne ich mich in allen Anklagepunkten schuldig. Im wesentlichen lässt sich da zwischen festen und flüssigen „Betriebsstoffen“ unterscheiden. Jeder, der das Vergnügen hat mich etwas näher zu kennen, weiß dass ich ein Blätterteig- und Sahne-Junkie bin. Ein „Süßer“ halt, wie meine Oma immer gesagt hat. Lieber Preiselbeeren als Presssack. Eine besondere Zuneigung bringe ich dem Strudel entgegen. Apfel-, Topfen-, Marillen-Strudel, mmh. Gerade am Nachmittag, zu einem Kaffee-Kanderl. Wenn’s vorm PC mal später wird, geht schon mal ein Stamperl Apfel- oder Birnbrand, am liebsten von einer Privatbrennerei in Bad Feilnbach. Ein Traum, die wissen wie es geht. Noch etwas – meine Maskottchen dürfen keinesfalls unter den Schreibtisch fallen. Die sind so etwas wie ein Talisman oder besser gesagt Talis-Tierchen für mich. Da wäre erstens der freche Elch Ole aus dem Mittsommerland, dann Yosemite Joe, mein Schwarzbär von der West Coast und Yumba, die Dame des Hauses, die hauptberuflich im Tierpark Hellabrunn logiert und etwas kamerascheu ist. Die schauen mir beim Schreiben auf die Finger.

Photo2771Wo stöberst du am liebsten nach neuem Lesestoff, nach neuen Anregungen?

Da ich vom Fernsehen, vom bewegten Bild komme, liebe ich Geschichten, die sehr szenisch gebaut sind – in sich geschlossene Begegnungen, die sich wie Perlen an einer Schnur, aneinanderreihen. Miniaturen, die wie im Brennglas, die Struktur der Story wiederspiegeln. Und ich bin ein Fan von Serien, einzelne Episoden die durch ähnliche Szenerien und natürlich dieselben Darsteller miteinander verwoben sind. Um das „Richtige“ zu finden, geht nichts über akribische „Feldforschung“, also eine Versuchsgrabung in den Regalen von Buchhandlungen und Büchereien. Da bin ich in meinem haptischen Metier.

Euer „Buch-Macher“ Dinesh Bauer

Lust auf eine meiner Geschichten? Sie finden meine Krimis wie „Bayerisches Roulette“ oder „Herrgottswasser“ im Buchhandel oder bei den Buch-Discountern im Netz. Schmökern Sie mal rein – tät mich gfrein…

 

 

 

Murder Mystery am Königssee

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köseeDas Berchtesgadener Land ist einer der touristischen Hot Spots der bayerischen Alpen. Schon seit weit über 100 Jahren. Die Herrscher aus dem Haus Wittelsbach und der erste Mann des Dritten Reichs wussten das von Gebirgszügen umrahmte arkadische Idyll zu schätzen. Mittendrin im Kalkweiß der Gipfel und dem Grün der Wälder eine königsblaue Perle: der Königssee. An schönen Sommer- oder Herbsttagen tummeln sich hier Abertausende von Ausflüglern und Sommerfrischlern aus aller Welt. Wenn nicht gerade die Angst vor einem hoch ansteckenden Virus die Sonnendecks, Picknickplätze und Brotzeitstüberl leer fegt. Zwischen Berchtesgaden, Ramsau und Sankt Bartholomä ist die große Stille im Auge des Orkans eingekehrt. Wie damals in der dritten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Felsen und Forsten noch nicht von einer Armada von Outdoor-Aktivisten im passenden Fleece- und Softshell-Look überschwemmt waren. Eine Zeit, in der Waidmänner und Wildschützen in Loden und Leder durch die unwirtliche Wildnis pirschten – und es Gams statt Goretex to Go hieß.

regenalm1Die Geschichte um die es hier geht, spielt vor der himmelstrebenden Kulisse der Wände des Watzmanns, hoch droben auf den Alm- und Alpflächen auf der anderen Seeseite. Der Schauplatz des dramatischen Geschehens: die Regen-Alm. Ein abgelegener Platz oberhalb des Obersees. Die auf 1540 Meter Höhe gelegene Hochalm wurde dem Sommer über beweidet, von rund 40 Mutterkühen und Kälbern, aber auch von zwei Pferde und drei Ochsen. Neben dem Kaser, einem im 18. Jahrhundert errichteten, in eine Mulde geduckten Blockbau, ließ König Maximilian II. 1848 eine Hofjagdhütte im rustikalen Alpin-Stil erbauen. Beide Bauten stehen heute unter Denkmalschutz. Die Regen-Alm ist einzig über den steilen Kaunersteg von der Salet-Alm an der Südspitze des Sees oder von Norden her über einen sich endlos durch Fichtenwälder windenden Forstweg über die Gotzental- und Seeau-Alm zu erreichen.

Die_Gartenlaube_(1876)_b_169Auf dem einsamen Vorposten zu Füßen des Hagengebirges wachte im 19. Jahrhundert ein einsamer Jagdgehilfe im „Bürschhäusel“ – eben der Hofjagdhütte – bis weit in den Herbst hinein über die königlichen Forsten und Fluren, über das „edle Jagdwild“, also über Reh, Gams und Hirsch. Die Wach-Schicht dauerte jeweils eine Woche. Dem Wächter zum Trotz trieben sich in der unwegsamen Gegend jedoch immer wieder dunkle Gesellen herum, um sich ein „feines Braterl“ zu schießen.

Der seinerzeit beliebte Reiseschriftsteller Heinrich Noe hat die mysteriöse, ins Dunkel der Geschichte gehüllte Mordtat an den dort diensttuenden Jagdgehilfen Wildbüchler getreulich überliefert: „Eines Tages wurde ein junger Jäger hinaufgeschickt, um seinen Kameraden Klotz abzulösen. Der Klotz verließ die Hütte, bevor die Ablösung kam, weil ihm sein Vorrat an Lebensmitteln ausgegangen war. Zu gleicher Zeit, befanden sich auf der Gotzental- und Seeaualm, an welcher man vorüberkommt, wenn man von Kesselbach emporsteigt, verschiedene Forstleute und Jagdgehilfen, welche beabsichtigten, noch am Abend zur Regenalm hinüberzugehen, dort die Nacht zuzubringen und am Morgen auf die Pirsch zu gehen. Am Abend desselben Tages, auf dem der Wildbüchler auf der Regenalm eingetroffen sein sollte, machten sich diese bei eintretender Dunkelheit auf. Zwei Jagdgehilfen gingen voraus, die anderen folgten in geringer Entfernung.

Das_Ende_des_WildschuetzenAls diese beiden in die Felsgegend des „Regner-Klamml“ kamen, stieß der eine, ein gewisser Scherentanner, mit dem Fuße an einem Gegenstand auf dem Pfade. Da sich dieser weich anfühlte, so griff er in der Dunkelheit, indem er sich niederbeugte, mit der Hand danach, er geriet mit den Fingern in Haare und über ein Gesicht. „Herrgott, da liegt einer!“, rief er. Sofort steckte der andere einige Zündhölzchen an und bei dem Scheine derselben erkannten sie den Wildbüchler. Er lag auf dem Boden dahingestreckt, die Brust zeigte Blutflecken und eine Schusswunde. Der Kopf lag auf einem Steine, daneben Bergstecken und Gewehr, von welchem, wie es sich später zeigte, die beiden Läufe geladen waren. Neben ihm befand sich auch der Rucksack und über dem Gesicht lag zur Hälfte einer jener runden Jägerhüte, denen man wegen ihrer Ähnlichkeit mit einem gleichnamigen Waldschwamm die Bezeichnung „Täublinghut“ gegeben hat. Sofort erklärte der Scherentanner, daß er von dem Leichnam nicht fortgehe, sondern die ganze Nacht bei ihm wachen und so lange bleiben wolle, bis die Herren vom Gericht zur Stelle wären. So geschah es auch. Der andere Jagdgehilfe stieg über die Kaunerwand hinab zum See, um Lärm zu machen, die beiden Förster aber gingen zur Regenalm hinauf.

regenalm2Dort fanden sie im Pirschhäusl die Spuren eines eiligen Aufbruchs. Eine Schüssel stand da, noch halb voll Brennsuppe, und in einiger Entfernung lag der Löffel auf dem Tisch, wie in der Überraschung weggeworfen. Die erste Untersuchung gab folgende Aufklärungen: der herabsteigende Klotz war dem hinaufsteigenden Wildbüchler in der Nähe der Kauneralm begegnet. Später hatte ihn niemand mehr gesehen, wohl aber ein Holzknecht, der im Walde beschäftigt war, ungefähr eine Stunde nach diesem Zusammentreffen dreizehn Schüsse gehört. Seltsamerweise fiel der erste Verdacht auf den einen und anderen Jagdgehilfen selbst. Es mochte sein, daß einer von ihnen Wild veruntreut hatte und sich den Wildbüchler als einen unbequemen Zeugen oder Angeber vom Halse schaffte. Auch der Scherentanner, der die Nacht über bei ihm wachte, geriet in Beargwöhnung. Derselbe hatte nämlich die beiden geladenen Läufe abgeschossen, um, wie er sagte, irgendein Unglück, das bei dem Herumgreifen an dem Gewehre sich ereignen konnte, zu verhüten. Die Argwöhnischen legten es ihm aber so aus, daß es geschehen sei, um den Glauben entstehen zu lassen, als habe der Wildbüchler zuerst geschossen. Der Scherentanner war ein Trinker und hatte seinerzeit viele Zerwürfnisse mit dem Getöten gehabt. Es traten Zeugen auf, welche erhärteten, derselbe habe einmal im berauschten Zustande geäußert, er werde den Wildbüchler erschießen. Aber all dieses Gerede erwies sich als grundlos. Der Scherentanner wieß nach, daß er die ganze Zeit über sich weit von dem Schauplatz der Untat aufgehalten habe und eben sowenig konnte der Argwohn gegenüber den anderen bestehen. Die Leiche des Wildbüchler wurde von vier Holzknechten zum See hinabgetragen.“ Ende des Berichts – Aktenzeichen XY.

Wer also war der Täter? Mister X, einer der Jagdgehilfen, der Holzknecht, der Boazenbruder Scherentanner oder gar Wildbüchlers Kollege Klotz? Wen verdächtigen Sie? Ein echter „Cold Case“ auf jeden Fall. Eine Bluttat, die wenn auch fast vergessen, wohl nie aufgeklärt werden wird.

Dinesh Bauer

Sie mögen spannende Geschichten aus den bayerischen Bergen, mysteriöse Fälle, tiefgründige Rätsel. Dann lesen Sie doch einen meiner Alpen-Krimis wie „Bayerisches Roulette“, „Die Schwarze Jagd“ oder „Herrgottswasser“.

 

Bayern macht Revolution: Von Starnberg nach Schäftlarn

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Autokarawane mit MG und KämpfernEs ist ein immerzu wiederkehrendes Motiv der Geschichte: Der Revolution folgt die rechte Reaktion. Und die Roten ziehen am Ende den schwarzen Peter. Nicht nur in Paris, Berlin oder Wien, sondern auch in Starnberg oder Schäftlarn. Aber der chronologischen Reihe nach: Im November 1918 endet der erste Weltkrieg mit der Niederlage der Achsenmächte. Das Deutsche Kaiserreich kollabiert, Wilhelm II. wird zur Abdankung gezwungen. Der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung führt zu einer Kettenreaktion: die Republik wird ausgerufen – erst in München, kurz darauf in Berlin. Die eigentlichen Herrscher, die reaktionäre Clique um die Generäle Ludendorff und Hindenburg, haben ihren Nachfolgern einen Scherbenhaufen hinterlassen. Der Krieg ist verloren, die wirtschaftliche Lage desaströs, die Menschen hungern, das Chaos perfekt. Die erste revolutionäre Begeisterung ist daher rasch verflogen, die Verfechter der „alten Ordnung“ bekommen wieder Oberwasser. National gesinnte Umstürzler finden sich in paramilitärischen Einheiten, den sogenannten Freikorps zusammen und schmieden unverhohlen Putschpläne. Die SPD-Regierung paktiert mit der Reichswehr-Führung und lässt den rechten Truppenverbänden freie Hand.

Um die „Volksherrschaft“ zu retten, läuten daher im April 1919 anarchistische, spartakistische und orthodox-kommunistische Gruppen die zweite Phase der Revolution ein – in München entsteht nach Sowjet-Muster die zweite Räterepublik.

Kämpfer in Bayern mit MGDie Ereignisse in München befeuern die revolutionären Aktivitäten im Oberland, An vielen Orten wird eine Räterepublik proklamiert, so in Freising oder vor allem in Rosenheim. Am 7. April wird auch ein gewisser Karl Schleussinger, ein angehender Beamter, aktiv. Zusammen mit rund 30 Mitstreitern gründet er in Starnberg einen revolutionären Arbeiterrat. Paradoxerweise findet die Zusammenkunft im Hotel „Deutscher Kaiser“ statt. Auf Anordnung der Starnberger Räte werden zur Feier des Tages die Kirchenglocken geläutet. So ganz klar, scheint den Möchtegern-Revolutionären am Starnberger See der Ernst der Lage nicht gewesen zu sein. So beschließt die neue „Regierung“ die Kaiser-Wilhelm-Straße in Kurt-Eisner-Straße umzubenennen und ordnet restriktive Maßnahmen in den gastronomischen Betrieben an, so wird der Ausschank von Milchkaffee verboten. Die teils widersinnigen Erlasse, sorgen dafür, dass der „Rat“ bei den meisten Einwohnern bald in Misskredit gerät. Der Starnberger Revolutionsrat kann sich nur an der Macht halten, weil er im Windschatten der Münchner Räterepublik segelt.

Während reguläre Reichswehr-Einheiten und Freikorps-Truppen von Westen und Norden anrücken, um den Spuk zu beenden und Bayern „zu säubern“, lassen auch die Münchner Revolutionäre die Muskeln spielen. Unter Führung von Hans Kain, Sekretär der bayerischen KPD, besetzt ein von Wolfratshausen heran marschierendes Kommando am 17. April strategisch wichtige Punkte. Die „Münchner Matrosen“, wie die Rotgardisten genannt werden, quartieren sich im „Bayerischen Hof“ ein und richten ein Maschinengewehr auf den Starnberger Bahnhof. Nur für den Fall der Fälle. Anstatt entschlossene Maßnahmen gegen den bevorstehenden Angriff der „Regierungstruppen“ zu ergreifen, erschöpft sich ihr revolutionärer Elan weitgehend darin, die Namen von Königen und Kaisern aus dem Straßenbild zu tilgen und die Weinvorräte und Obstkonserven der Gutsbesitzer in der Umgebung der Stadt zu requirieren, wobei man die „leeren Einmachgläser selbstverständlich den Eigentümern zurückgab.“ Das alles erinnert eher an eine Provinz-Posse denn an ein Revolutions-Drama.

249px-Artikel_44592_bilder_value_1_rote-armee3Einer erkennt immerhin das Gebot der Stunde: Rudolf Eglhofer, ehemaliger
Matrose und charismatischer Anführer der neu gegründeten Roten Armee, die sich hauptsächlich aus Arbeitern und abgemusterten Soldaten rekrutiert. Ab dem 20. April lässt er rings um München provisorische Verteidigungsstellungen anlegen: so in Pöcking, Berg oder Schäftlarn. Am 28. April kommt es in Tutzing zu ersten Scharmützeln. Tags darauf besetzen die „weißen“ Truppen Starnberg. Über die Zahl der Toten herrscht Unklarheit: Um die 30 „Spartakisten“ starben in Starnberg – einige fielen im Kampf, die meisten aber wurden standrechtlich erschossen und in einem Massengrab verscharrt, Wo sich dieses befindet, ist bis heute unbekannt.

Bundesarchiv_Bild_146-2004-0048,_Revolution_in_Bayern,_GefangenerKnapp zehn Kilometer entfernt, in Hohenschäftlarn, wurde mit den neun am 30. April gefangenen Spartakisten gleichfalls kurzer Prozess gemacht. Nach dem „Urteilsspruch“ werden die Männer vom Gendarmerieposten zu einer Kiesgrube eskortiert und dort füsiliert. Ihre sterblichen Überreste werden oben am Zeller Friedhof – nahe dem Durchgang zum Marxnhof – in eine hastig ausgehobene Grube geworfen. Dem standesamtlichen Register ist zu entnehmen, dass die Toten samt und sonders junge Männer aus München wahren, Bäcker, Kutscher, Arbeiter, die meisten davon ledig. Als Grund für die Exekution der „roten Aufständler“ wird folgendes vermerkt: Widerstand gegen Regierungstruppen mit der Waffe. Doch hören wir erst das Vorspiel: Am 22. April wird auch in Kloster Schäftlarn Revolution gemacht. Ein Trupp Bewaffneter springt von den Lastwagen, baut bei der Klosterwirtschaft ein Maschinengewehr auf und richtet die Mündung drohend auf die Pforte der Abtei. Die Spartakisten vermuten, dass sich in den Gebäuden des Klosters ein Waffenversteck befindet – und verlangen Abt Sigisbert I. Liebert zu sprechen. Bei den „Besatzern“ handelt es sich um eine Gruppe von 20 bis 30 Spartakisten. Die Eindringlinge gehen penibel zu Werk: „Sie suchten im Bett und unterhalb desselben, in Nachtkästchen und Schubladen“, notiert Pater Augustin Ulrich in sein Tagebuch. Nachdem Sie jedoch trotz intensiver Suche – außer einem alten Gewehr, einem Säbel und einer Spielzeugpistole – keine Waffen finden, ziehen sie unverrichteter Dinge, aber mit einem Laib Brot aus der Klosterbäckerei versorgt, wieder ab. Doch schon am Abend des 26. April fahren erneut zwei Lastwagen vor – „beladen mit 50 Kommunisten, angeführt von einem Maurerlehrling aus Straßlach“.

Photo2696Ein Großteil der Spartakisten bezieht in den Nachbardörfern Stellung, elf Volksverteidiger quartierten sich im Kloster selbst ein und ließen es sich, wie es in der Chronik heißt, „bei Brotzeit und Bier“ wohl sein. Doch in der Nacht des 29. April findet das Idyll ein abruptes Ende. Die ersten Soldaten rücken heran, um das Kloster zu räumen. Der Führer des Trupps läutet an der Pforte und erkundigt sich nach dem Verbleib der Aufrührer. Bei der anschließenden Schießerei kommt der forsche Unteroffizier ums Leben. Sein Name: Friedrich Münchinger, 20 Jahre aus Kirchheim, von Beruf Landwirt. Das Grab des württembergischen Unteroffiziers liegt gleich neben dem Eingang zur Klosterkirche – und wird bis heute von den Klosterbrüdern gepflegt. Die anderen „Weißgardisten“ ziehen sich eilends zurück, um Verstärkung zu holen. Angesichts der Übermacht, zeigen sich die Spartakisten nun verhandlungsbereit. Doch „plötzlich schlagen Geschosse eines Maschinengewehrs ein, einige Handgranaten explodieren im Vorraum der Pforte.“ Die elf „Roten“ kapitulieren, werden verhaftet und abgeführt. Die Nacht verbringen sie auf der Gendarmeriestation – die heutige Adresse: Unterdorf 17. Im „Tagebuch der Expositur Hohenschäftlarn“ heißt es lakonisch: „Am anderen Tag ist seitens der Offiziere ein Feldgericht gebildet worden.“ Von den elf Gefangenen wurden zwei freigesprochen. Denn, so der Bericht „ihre Schuld konnte nicht erwiesen werden.“ Das Urteil wurde umgehend in einer nahe gelegenen Kiesgrube vollstreckt – von „einem Exkursionskommando unterm Befehl eines Leutnants“. Schon wenige Tage später, am 3. Mai, ist die Münchner Räterepublik endgültig Geschichte.

Dinesh Bauer

P.S: Interessiert? Von mir sind mehrere Bayern-Krimis vor regionalem, historischen Hintergrund erschienen. Sie finden mich in der Buchhandlung ums Eck oder in den Online-Shops.

Ein Steckbrief – Bayern im Blut

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Photo2351Servus, beinand! Geboren wurde ich in der Flößerstadt Wolfratshausen im schönen Isartal. Aufgewachsen in Nantwein, ein echter Glasscherbenviertler. Kleinhäusler und Gütler nannte man dieses soziokulturelle Milieu früher euphemistisch. Weniger feinfühlige Gemüter sprachen ganz offen von Grattlern und Gschmoaß. Mit denen ein honoriger Bürger nichts zu schaffen haben wollte. So war sie die gute, alte Zeit. Die man heute gern durch die rosarote Brille betrachtet. Bayern war immer schon anders, als es uns die idyllischen Szenarien der Postkartenromantik weismachen wollen. Die bayrische Wesensart in Wahrheit vielgestaltig und in sich widersprüchlich. Schwermütig und hintersinnig, aufbrausend und streitsüchtig, grad heraus und hinten rum, leger und ordinär, prahlerisch und großmütig, feinsinnig, derb und ruppig, extrovertiert und in sich gekehrt. Ein Chamäleon, dass seine Farbe oft und gerne wechselt.

Photo1965Das Boarische liegt mir – schon genetisch veranlagt – im Blut. Meine Ahnengalerie führt schnurstracks ins Biermuda-Dreieck zwischen Aibling, Wolfratshausen und Tölz. Ich bin ein waschechter „native speaker“, beherrsche mittlerweile aber auch leidlich das Hochdeutsche. Was beim Bücher schreiben und „bloggen“ durchaus von Vorteil ist. Bei einer Lesung geht ohne O-Ton Süd gar nix. Die Welt ist schließlich ein Theater – und wir stehen auf der Bühne. Ob hinter dem Vorhang oder im Scheinwerferlicht, die Rollen wechseln. Dahoam is Dahoam. Ist das so? Heimat ist für mich mehr als ein abgedroschener, ausgelutschter Begriff: er steht für Identität, Kontinuität und vieles mehr. Zur Heimat gehört unbestreitbar das bayrische Mundwerk, die ureigene Lebensart, das Leben und leben lassen, das unverwechselbare Brauchtum und eine gute Portion Patriotismus – und Stolz. Mia san mia. Wer seine Wurzeln kennt, erkennt sich selbst.

Photo1721Was haben meine Leser zu erwarten? Gspaßige, hinterkünftige und durchaus anspruchsvolle Unterhaltung. In die ausgenackelte Schublade „Alpen-Krimi“ passen meine Geschichten nur bedingt. Wer seichte, leicht verdauliche Krimi-Kost mit schabloniertem Postkarten-Flair sucht, wird enttäuscht werden. Die Haupt- und Nebenrollen sind mit liebenswerten Landpomeranzen und skurrilen, kauzigen Eigenbrötlern besetzt. „Helden“, die keine sind, aber ihr Bestes geben, um am Boden und Mensch zu bleiben. Selbst wenn es in der heutigen Welt vor „gspinnerten“ Idioten jeder Couleur nur so wimmelt. Die Handlung beschreibt keine eindimensionale Einbahnstraße, sondern verwickelt sich – dafür sorgen schon meine Protagonisten – zu einer verzwickten Angelegenheit. Fälle, die nicht so leicht zu lösen, weil facettenreich und vielschichtig schattiert sind.

DineshBauer_Portrait2Freuen Sie sich auf unorthodoxe Krimi-Abenteuer unterm weiß-blauen Himmel. Schauen Sie doch mal in der Buchhandlung am Eck oder in einem Online-Shop im World Wide Web vorbei, vielleicht ist was für Sie dabei.

Euer Hans-Peter Dinesh Bauer

Pfiadi God, mein Bayernland! Die Otto-Kapelle

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otto2Es ist der 7. Dezember 1832, früh am Morgen. Eine Staatskarosse rumpelt von Kiefersfelden kommend am Inn entlang. An Bord befindet sich der erwählte König der Hellenen, Prinz Otto von Bayern. Er döst vor sich hin – und schläft schließlich ein. Der zweite Sohn König Ludwigs I. erwacht erst als die Kutsche Station in Kufstein macht. Der junge, 17-Jährige Prinz ist außer sich, dass er sich nicht gebührend von seiner bayrischen Heimat verabschiedet hat und lässt das Gefährt wenden. An der Grenze angekommen, befiehlt er dem Kutscher zu halten. Von patriotischen Gefühlen übermannt, bricht Otto in bittere Tränen aus. Weiß er doch, dass er Bayern, sein geliebtes Heimatland, so schnell nicht wiedersehen wird. Ein tränenreicher Abschied, der nicht so schnell vergessen ward.

ottoGenau an jener Stelle, an der Otto – in Begleitung seines älteren Bruders Maximilian – die Grenze überschritt, wird am Fuß des Thierbergs eine Kapelle erbaut. Finanziert wird das Ganze aus Spenden und Geschenken, die aus dem gesamten Königreich eingehen. Am 1. Juni 1834 – dem 19. Geburtstag Ottos – wird im Rahmen einer Feierstunde der Grundstein gelegt. Am 19. Juni 1836 ist es soweit: die Kapelle wird von Erzbischof Anselm von Gebsattel in Anwesenheit Ottos, inzwischen König von Griechenland und Erbprinz Maximilians geweiht. Sein Vater König Ludwig hatte das Projekt vorangetrieben und aus verschiedenen architektonischen Entwürfen, den neugotischen des königlichen Bauinspektors Joseph Ohlmüller ausgewählt. Ein kleines Juwel, das unbeachtet vom tagein, tagaus vorbeirauschenden Transitverkehr, in eine Art Dornröschenschlaf verfallen ist.

otto3Das Fundament der eigentlichen, aus Sandstein gemauerten Saalkirche bildet eine oberirdische Krypta. Der Zugang erfolgt über eine repräsentative Freitreppe. Der neugotische Bau zählt drei Joche. Am Ende der klassizistischen Epoche errichtet, ist die Gedenkkapelle eines der ersten Zeugnisse neugotischer Baukunst in Bayern. Das Innere der Kirche ist von „mittelalterlicher“ Strenge und Schlichtheit. Das Triptychon am Altar ist Programm. Der heilige Otto soll zusammen mit Ludwig dem Heiligen und Theresa von Avila, den Namenspatronen von Vater und Mutter, den jungen König Otto vor drohendem Unbill schützen – und göttlichen Segen für seine Regentschaft in Griechenland erflehen.

otto5Am 2. Juni 2013 wurde die Otto-Kapelle in Folge eines Hangrutsches und umstürzender Bäume erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Doch der Heilige Otto half. Das Staatliche Bauamt Rosenheim investierte 100.000 Euro in die Sanierung des baufälligen Gebäudes. Grundlage für die durchgeführten Restaurisierungsarbeiten waren die Baupläne von 1834 und Tuschezeichnungen des königlichen Landbauamts Weilheim aus dem Jahr 1886. Eine besondere Herausforderung stellte die originalgetreue Rekonstruktion der Kreuzblume auf der Turmspitze dar. Ein Team ortsansässiger Steinmetzen fertigte schließlich eine Replik aus farblich passendem Sandstein.

Dinesh Bauer