Pfiadi God, mein Bayernland! Die Otto-Kapelle

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otto2Es ist der 7. Dezember 1832, früh am Morgen. Eine Staatskarosse rumpelt von Kiefersfelden kommend am Inn entlang. An Bord befindet sich der erwählte König der Hellenen, Prinz Otto von Bayern. Er döst vor sich hin – und schläft schließlich ein. Der zweite Sohn König Ludwigs I. erwacht erst als die Kutsche Station in Kufstein macht. Der junge, 17-Jährige Prinz ist außer sich, dass er sich nicht gebührend von seiner bayrischen Heimat verabschiedet hat und lässt das Gefährt wenden. An der Grenze angekommen, befiehlt er dem Kutscher zu halten. Von patriotischen Gefühlen übermannt, bricht Otto in bittere Tränen aus. Weiß er doch, dass er Bayern, sein geliebtes Heimatland, so schnell nicht wiedersehen wird. Ein tränenreicher Abschied, der nicht so schnell vergessen ward.

ottoGenau an jener Stelle, an der Otto – in Begleitung seines älteren Bruders Maximilian – die Grenze überschritt, wird am Fuß des Thierbergs eine Kapelle erbaut. Finanziert wird das Ganze aus Spenden und Geschenken, die aus dem gesamten Königreich eingehen. Am 1. Juni 1834 – dem 19. Geburtstag Ottos – wird im Rahmen einer Feierstunde der Grundstein gelegt. Am 19. Juni 1836 ist es soweit: die Kapelle wird von Erzbischof Anselm von Gebsattel in Anwesenheit Ottos, inzwischen König von Griechenland und Erbprinz Maximilians geweiht. Sein Vater König Ludwig hatte das Projekt vorangetrieben und aus verschiedenen architektonischen Entwürfen, den neugotischen des königlichen Bauinspektors Joseph Ohlmüller ausgewählt. Ein kleines Juwel, das unbeachtet vom tagein, tagaus vorbeirauschenden Transitverkehr, in eine Art Dornröschenschlaf verfallen ist.

otto3Das Fundament der eigentlichen, aus Sandstein gemauerten Saalkirche bildet eine oberirdische Krypta. Der Zugang erfolgt über eine repräsentative Freitreppe. Der neugotische Bau zählt drei Joche. Am Ende der klassizistischen Epoche errichtet, ist die Gedenkkapelle eines der ersten Zeugnisse neugotischer Baukunst in Bayern. Das Innere der Kirche ist von „mittelalterlicher“ Strenge und Schlichtheit. Das Triptychon am Altar ist Programm. Der heilige Otto soll zusammen mit Ludwig dem Heiligen und Theresa von Avila, den Namenspatronen von Vater und Mutter, den jungen König Otto vor drohendem Unbill schützen – und göttlichen Segen für seine Regentschaft in Griechenland erflehen.

otto5Am 2. Juni 2013 wurde die Otto-Kapelle in Folge eines Hangrutsches und umstürzender Bäume erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Doch der Heilige Otto half. Das Staatliche Bauamt Rosenheim investierte 100.000 Euro in die Sanierung des baufälligen Gebäudes. Grundlage für die durchgeführten Restaurisierungsarbeiten waren die Baupläne von 1834 und Tuschezeichnungen des königlichen Landbauamts Weilheim aus dem Jahr 1886. Eine besondere Herausforderung stellte die originalgetreue Rekonstruktion der Kreuzblume auf der Turmspitze dar. Ein Team ortsansässiger Steinmetzen fertigte schließlich eine Replik aus farblich passendem Sandstein.

Dinesh Bauer

Ein Kampf um Tirol – die Lienzer Klause

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Photo2547Eng wird es hier, ganz eng, das Pustertal. An der Lienzer Klause schnürt sich das von Ost nach West verlaufende, von der Drau durchflossene Gebirgstal, immer weiter ein. Zur Wespentaille. Zu beiden Seiten steile, unwegsame Berghänge. Der ideale Ort für einen Hinterhalt oder einen Sperrwall – die Lienzer Klause.

Photo2551Zur Begriffserklärung. Unter einer Klause versteht man entweder die Behausung eines Eremiten oder eine Verteidigungsanlage an einem Engpass. Das Wort leitet sich vom lateinischen Verbum Claudere, sprich schließen, ab. Die Römer waren zwar auch schon im Pustertal unterwegs, ja Sie errichteten unweit von Lienz das Municipium Claudium Aguntum. Eine waschechte, antike Römerstadt mit allem was dazu gehört. Die Anfänge der Klause datieren dagegen erst ins Hochmittelalter. Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Klaus Mitte des 13. Jahrhunderts. Die Sperrfeste sollte die Besitzungen des Bistums Brixen in Anras und anderen Ort des Hochpustertals vor Übergriffen der Görzer Grafen schützen. Wie es so geht, geriet die Befestigung bald darauf in die Hände eben jenes, einstmals mächtigen Adelsgeschlechts.

Photo25601500 erbten die Habsburger die Herrschaftsrechte der Görzer Grafen und bauten die Fortifikationsanlage Ende des 17. Jahrhunderts – in der Zeit der Türkenkriege – zu einem gewaltigen Bollwerk aus. Die Baumeister Christoph und Elias Gumpp erweiterten die in die Jahre gekommene Burganlage in den Jahren 1664 und 1665 nach den neuesten Erkenntnissen des barocken Festungsbaus, mit sternförmig ausgreifenden Schanzen und Bastionen.

Die Lienzer Klause war bereits seit dem 14. Jahrhundert Sitz eines Gerichtes, diesen Schluss lassen historische Dokumente zu, so bekundet ein Weistum aus dem Jahr 1599: „Die Untertanen des Gerichts müssen in der Zeit der Not, so ein Geschrei von Ungläubigen oder sonsten von Feinden auskommt, ihr Weib und Kind, Hab und Gut verlassen und also der Klausen zur Rettung und Beschützung bereit sein.“ Dafür waren die streitbaren „Klausner“ vom Marktzwang der Stadt Lienz befreit und durften ihre Waren überall in der Grafschaft Tirol feil bieten. Nachdem die „Türkengefahr“ gebannt war, verlor die Festung ihre strategische Bedeutung und wurde nach dem Bau einer neuen Straße unten im Tal, im Jahr 1782 aufgelassen.

Photo2550Die große Stunde der Klause sollte allerdings noch schlagen. Und zwar anno 1809. Ein kleines, aber beherztes Aufgebot Tiroler Schützen bot den zahlenmäßig weit überlegenen feindlichen Truppen Paroli. Eine von Kärnten heran marschierende Infanterie-Division sollte übers Pustertal ins Kernland der Aufständischen vordringen und die Front von hinten aufrollen. Doch das Vorhaben scheiterte. Ein Gedenkstein erinnert an den erbitterten Widerstand der Besatzung: „Am 8. August 1809 wurde die Lienzer Klause von den Tirolern unter den Schützenkommandanten Anton Steger, Georg Hauger, Adam Weber, Josef Achamer und Markus Hibler heldenmutig gegen eine zwanzigfache Übermacht von Franzosen und Italienern verteidigt und der französische General Rusca, der gerade 10 Dörfer um Lienz niederbrennen ließ, zum Abzug von Lienz dadurch gezwungen.“

Photo2564Unter den Dörfern, die ein Raub der Flammen wurden, zählte auch Leisach. Die
Schlüsselszene des Gefechts stellte Albin Egger-Lienz in den Mittelpunkt seines Gemäldes „Das Kreuz“. Georg Hauger, ein Student der unter die Fahnen des Landsturms geeilt war, hält ein Feldkreuz in die Höhe. Im Zeichen des Kreuzes sammelt er die zurückweichenden Mannen, um sich erneut ins Schlachtgetümmel zu stürzen. 1823 gehörte Hauger im übrigen zu den Kaiserjägeroffizieren, die die Gebeine Andreas Hofers von Mantua nach Tirol überführten. Der unerschrockene Freiheitskämpfer wurde neben Hofer, Haspinger und Speckbacher in der Innsbrucker Hofkirche beerdigt.

Photo2556Heutigen Besuchern bietet die Lienzer Klause noch immer ein imposantes Bild der einstigen Noblesse und Wehrhaftigkeit, auch wenn die Gebäude verfallen, das Mauerwerk vom Zahn der Zeit zernagt und die Bausubstanz nicht im allerbesten Zustand ist. Um dem weiteren Verfall der Wehranlage Einhalt zu gebieten, wurde 2011 ein Verein zur Erhaltung, Pflege, Instandsetzung und Erforschung der Lienzer Klause gegründet. Weshalb könnte man da fragen? Es sind doch nur Steine, alt und brüchig. Für mich stehen die alten Gemäuer sinnbildlich für den Kampf um die Bewahrung der Heimat, der eigenen Freiheit vor dem Zugriff fremder Mächte, egal unter welchem Banner diese daher kommen. Das gilt heute wie vor 200 Jahren.

Dinesh Bauer

Ausgehöhlt – die Felsenburg im Inntal

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Ende Juni – 32 Grad im Schatten. In der Sonne sind es gefühlt 40 Grad, unerträglich, wenn es über freie Flächen bergauf geht. Doch der Weg hinauf zur Luegsteinwand windet sich durch schattenspendenden Bergwald. Der Aufstieg ist zwar südseitig, aber jetzt am späten Abend liegt die nach Westen hin abgeschirmte Wand im Schlagschatten. Unten am Luegsteinsee sind barfüßige Bikini- Nixen und Bade-Latschenbeppis unterwegs. Hier heroben geht ohne solides Schuhwerk nix. Der Wanderpfad hinauf zum Grafenloch in der Luegsteinwand ist weder besonders schwierig, noch sonderlich steil. Doch das letzte Stück hat es in sich.

Ein schmaler, mit einem Drahtseil versicherter Felssteig hangelt sich die Wand entlang, auch kein Problem, aber alpines Gelände wie es so schön heißt. Schwindelfrei und trittsicher sollte man lieber sein. Prada-Pantinen sind hier nicht unbedingt das adäquate Schuhwerk. Mit einer rutschfesten, griffigen Vibram-Sohle ist man klar im Vorteil. Die letzten fünf Höhenmeter überwindet eine Trittleiter. Am oberen Felsabsatz sieht man noch deutlich die Mauerreste eines mittelalterlichen Torbogens. Auch früher erfolgte der Zugang über
eine Holzleiter, die man jederzeit hochziehen konnte. So war die Felsenfeste fast uneinnehmbar.

Gleichzeitig öffnet sich der Blick in eine weite Höhle. Es sieht aus als ob ein hungriger Zyklop ein Stück aus der Wand gelöffelt hat. Die Decke ist von Rissen zerfurcht und hängt gut drei Meter über. In den lehmigen, zum Inneren der Höhle sanft ansteigenden Boden hat sich ein Rinnsal gekerbt. Die
Aussicht, der sich nach Süden hin öffnenden Höhle ist einfach nur eines: grandios, gigantisch. Die wild gezackten Felsenkämme des – Nomen est Omen – Wilden Kaisers erscheinen zum greifen nah, im Abendlicht scheint jede einzelne Rippe, jede Spalte wie von der kundigen Hand eines Steinmetzes
modelliert. Früher nannte man den Berg nicht von ungefähr Luegstein. Was nichts mit Lug und Trug zu tun hat, sondern sich wie der Pass Lueg im Salzburgischen vom mittelhochdeutschen Verbum „luegen“, also Ausschau halten, sich umschauen, herleitet.

Schauen wir uns also etwas um und lugen ums Eck – was man sieht lässt Höhlenforscher und Burgenkundler euphorisch werden. Hie und da sind noch einige Mauerreste, wie Teile der gut ein Meter dicken Mantelmauer, zu erkennen. Eindeutige, archäologische Belege, dass die strategisch günstig
gelegene Höhle in eine befestigte Anlage verwandelt wurde. Heute ist man sich weitgehend einig, dass es sich um eine hochmittelalterliche Höhlenburg handelt. Und die sind in Bayern extrem selten. Die Anlage erinnert ein Stück weit an das Castel San Gottardo. Eine nur auf verwucherten Pfaden zu
erklimmende, in einen Felsspalt geklemmte Höhlenburg im Trentino, oberhalb von Mezzocorona.

Grabungen gab es im Grafenloch bislang nur wenige, die Resultate waren mager. Ein paar Keramikfunde, rostige Resterl et cetera. Die letzte Ausgrabung fand 2008 statt. Diese brachte immerhin die Erkenntnis, dass es sich bei dem Bauwerk wohl um die Vorgängerin der Auerburg unten im Tal handelt. Die Burgherren waren vermutlich Vasallen oder Ministerialen des zur Stauferzeit bedeutsamen Grafengeschlechts der Falkensteiner. Die Höhlenfeste wurde wohl um 1100 herum errichtet und 150 Jahre später, also 1250, von ihren Bewohnern verlassen. Vermutlich war es Ihnen hier oben, vor allem im Winter, dann doch auf Dauer zu zugig und unwohnlich.

Bislang deutet nichts darauf hin, dass die Höhle schon in prähistorischer Zeit bewohnt war, nach Neandertalern und anderen Steinzeitmenschen wird man also vergeblich Ausschau halten. Was es allerdings gibt, ist eine alte Sage. Ein blaublütiger Tunichtgut war auf das elterliche Erbe scharf. Kurzerhand meuchelte er Vater und Mutter – mit eigener, ruchloser Hand. Dem durch diese Bluttat an die Macht gekommenen Grafen weissagte eine Zigeunerin, dass diese Freveltat nicht ungesühnt bleiben und ihn der Blitz treffen werde.

 

Wie prophezeit schlug kurz darauf ein Blitz in den Burgturm ein – und der Übeltäter bekam es mit der angst. Er residierte fortan in der Höhle, dem „Grafenloch“, dort wähnte er sich vor dem himmlischen Strafgericht sicher. Es kam wie es kommen musste, eines Tages zog wie aus heiterem Himmel ein Gewitter auf. Verzweifelt suchte der Bösewicht sich in Sicherheit zu bringen, doch noch auf der Leiter ereilte ihn sein Schicksal und – Potz, Blitz und Donner – verbrutzelte der Unhold wie eine Bratwurst am Grill.

Dinesh Bauer

P.S: Lust auf mehr? Meine bayerischen Alpen-Krimis finden Sie in der Buchhandlung ums Eck oder in allen Online-Shops von Amazon bis Thalia. Würde mich freuen, wenn Sie etwas von mir lesen.

Dahoam is Dahoam – do wo der Wolf haust

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Heimat, deine Ferne. Na, weit weg ist die Heimat nicht. Von München aus, über die A 95 Richtung Garmisch-Partenkirchen. 15 Minuten bis zur Ausfahrt Wolfratshausen. Zur Baustellen-Zeit dauert es etwas länger. Unterwegs sieht man schon eine Reklametafel mit der Silhouette eines Flößers am Ruder seiner Isar-Galeere: Wolfratshausen – die Flösserstadt.  Bei Kilometer 26,5 heißt es dann Blinker setzen und runter von der bayrischen Strada del Sole. Dann geradewegs den breiten Autobahnzubringer bergab. Nach einem Kilometer hat man plötzlich freie Sicht. Nach Süden über dem Zwiebelhäubchen der Geltinger Kirche wölbt sich weithin sichtbar der Buckel der Benediktenwand. Und auch sonst: Beeindruckende Bergkulisse. Keine Frage. Linkerhand bietet das Panorama weit weniger: der auf der grünen Wiese angerührte Betonbrei eines Gewerbeparks, dahinter eine weitere, unter die Haube gekommene Turmspitze: die Wolfratshauser Pfarrkirche. Sankt Andreas der Patron. Aber es gibt eine Alternativstrecke, die der Michelin-Routenplaner konsequent ignoriert. Ein Weg, der schnurstracks nach Süden führt, geradewegs auf die Berge zu. Die B 11, wie auch die S7 folgen der Trasse der früheren Poststraße, die wiederum folgsam dem Verlauf des luftig geschwungenen Hügelkamms rechts der Isar folgt. Straße und Schiene schlängeln sich durch Baierbrunn, Hohenschäftlarn und Icking, bevor es bei Dorfen steil bergab hinunter ins Tal nach Wolfratshausen geht: die letzte Wegstrecke, der unfallträchtige „Gasteig“ war bei den Fuhrleuten einst gefürchtet. Einer meiner Vorfahren, einer der Gebhardts aus Weidach, kam an jenem Gasteig, umgangssprachlich auch „Himmelsleiter“ genannt, unter die Räder seines Fuhrwerks. Von München nach Wolfratshausen – das bedeute im Zeitalter der Kutschen und Gespanne eine Tagesreise. Heute ist man in einer halben Stunde am Ziel. Auch die erste Etappe des Fernwanderwegs München-Venedig endet hier. Auf den ersten Blick hat die „Flößerstadt“ wenig zu bieten. Eine Kleinstadt mit zu vielen Autos, zu viel Verkehr: man befindet sich im südlichen Speckgürtel Münchens, was wiederum bedeutet, dass es an Werktagen eng, an Sonn- und Feiertagen öde ist. Die Marktstraße, das ehemalige „Zentrum“ ist eigentlich recht ansehnlich. Doch als Flaniermeile wiederum zu unspektakulär, zu zerzaust. Eine richtige, „malerische“ Marktstraße mit bayrischem Charme und pittoreskem Charakter findet sich schließlich schon in Bad Tölz, der ungeliebten Kreisstadt. Immerhin: Zur Verköstigung und Übernachtung in- und ausländischer Gäste ist die „sympathische Stadt im Isar-Loisach Land“ leidlich gerüstet. Ein Gästebett benötige ich nicht. Schließlich bin ich hier  „dahoam“.

Nach dem Krieg – dem Zweiten – haben meine Großeltern zu Schaufel und Maurerkelle gegriffen und mit Bruchsteinen, Isarkieseln, Ziegeln – und viel Mörtel ein Häuschen hochgemauert. Und das steht heut noch. Dafür war weder ein Architekt, noch ein geprüfter und amtlich besiegelter Bauplan von Nöten. Nachkriegszeit – Trümmerzeit. Unter Anleitung eines befreundeten Poliers wurden die Außenmauern aus Bruch- und Kieselsteinen eingeschalt, ausbetoniert und grob verputzt. Ein hölzerner, mit roten Ziegelplatten gedeckter Dachstuhl oben darauf und fertig war der „soziale Wohnungsbau“ der Nachkriegszeit. Das zugehörige Grundstück wurde natürlich wie im kleinbäuerlichen Umfeld üblich intensiv zur Eigenversorgung genutzt: ein großer Gemüsegarten, Johannisbeersträucher, Apfel- und Birnbäume. Dazu die Holzlege mit Sägen, Hacken und jede Menge Brennholz, dazu das Waschhaus mit gusseiserner Badewanne und einem gewaltigen Kochkessel, in dem nicht nur dreckige Wäsche gewaschen, sondern auch Marmeladengläser und Saftflaschen abgekocht wurden. Wie gesagt der Grund war billig. Der kiesige, unfruchtbare Schotterboden – das Haus steht mitten im alten Überschwemmungsbett der Isar – war in früheren Zeiten wenig oder besser gar nichts wert. Was sollte ein von den fetten, lehmigen Ackerböden der Umgebung verwöhnter Bauer auch mit diesem „Steingrund“ anfangen? Heute hat sich das geändert und ein Häuschen mit Garten, direkt am Rande der Isarauen gelegen, erscheint vielen Städtern als Inbegriff des Idylls, des grünen Paradieses. So ändern sich eben die Zeiten.

Ich bin kein Berliner, ich bin Wolfratshauser. Und das schon seit über 50 Jahren. Daran wird sich auch nichts mehr ändern. Das Licht der Welt erblickte ich im Kreißsaal des alten Kreiskrankenhauses. Bis vor wenigen Jahren befand sich dort die örtliche Dependance der Kfz-Zulassungsstelle. Mehr noch – ich bin ein echter Ureinwohner, der das „Wolfsblut“ mit der Muttermilch eingesogen hat. Seit vier, fünf oder mehr Generationen finden sich unter meinen Vorfahren gebürtige Wolfratshauser. Namen wie Bauer, Gebhardt, Westermaier, Gerbl oder Friedl. Mein Vater, meine Mutter – geboren in Wolfratshausen. Die beiden Großmütter, dazu einige Onkel, Tanten, Cousinen, Vettern – allesamt Wolfratshauser Kindl. Eine Familie mit starker Bodenhaftung, ausgeprägter Standorttreue. In meiner Ahnenreihe finden sich denn auch keine Weltreisenden, keine Künstler, keine Adeligen, keine Patrizier, keine Fabrikanten, nicht einmal Vaganten oder Schausteller. Dafür viele kleine Männer und Frauen: Forstarbeiter, Millimaiden, Schneiderinnen, Brauknechte. Immerhin – im stockfleckigen Familienalbum steht sogar ein Bahnhofsvorsteher in königlich-bayerischer Galauniform vor der Kamera stramm, in dem vergeblichen Bemühen auf dem Lichtbild eine ordentliche, ja königliche Figur abzugeben. Kurz und gut, von Geburt her bin ich alles andere als ein Kosmopolit, ein Paneuropäer, ein Weltbürger. Eher das krasse Gegenteil. In genetischer Hinsicht bin und bleibe ich ein Bauernschädel, ein Keltenkopf, ein Furchenflegel. Und ich bin stolz darauf. Denn: mia san mia! Waschechte Alpen-Aborigines, urige Alm-Apachen. Isar-Indianer eben.

Lassen wir Ursippe und Ursuppe köcheln und kehren derweil zum geographisch zu verortenden Begriff der Heimat zurück. Dabei bedarf es einer nostalgiefreien Betrachtungsweise samt GPS-tauglichen Koordinatensystems: Wolfratshausen liegt 30 Kilometer südlich von München, knapp unterhalb des 48.Breitengrads und ziemlich exakt in der Mitte zwischen 11. und 12. östlichen Längengrad. Ein idyllisches Landstädtchen mit – laut Wikipedia-Eintrag 18.666 Einwohnern auf einer Fläche von 9,13 km². Was einer Bevölkerungsdichte von 2044 Einwohnern je km² entspricht. Nur zum Vergleich: im asiatischen Stadtstaat Singapur beträgt die Einwohnerdichte knapp 8000, in Kanada dagegen gerade mal 4 Einwohner je km². Die Eisbären nicht mitgerechnet. Tendenz: weiter steigend. Wenn man den Statistiken traut, liegt der Lebensstandard der ansässigen Bevölkerung über dem Mittel, ja im örtlichen Mietspiegel ist von „überdurchschnittlichen Wachstumschancen auf dem Immobilienmarkt“ die Rede. Als „Aborigine“ betrachtet man die „Wachstumschancen“ seiner Heimat natürlich mit zwiespältig, gemischten Gefühlen. Gilt doch die alte Faustregel: je beliebter, je gefragter eine Gegend, desto teurer wird der Spaß. Desto mehr „geldige Preußenschädel“ fallen einem Heuschreckenschwarm gleich ein, um di schönsten Fleckerl kahl zu fressen. Mit der Ruhe, der Gemütlichkeit ist es jedenfalls längst vorbei. Denn die „Perle des Isar-Loisachtals“ bietet hier und heute – glaubt man den locker, flockigen Sprüchen von Werbeprospekten und Web-Sites „ideale Entwicklungsmöglichkeiten für Leben und Logistik“. In der Praxis bedeutet „Leben und Logistik“ nichts anderes als XXX Lutz, Mc Donalds, Dehner, BayWA, Aldi, REWE, Netto & Co. In Wolfratshausen gibt es alles was das Konsumentenherz begehrt. Ein Einkaufsparadies für die „mobile Familie“. Eines gibt es jedoch nicht: ein Konzept für diese Mobilität. Die Stadt platzt zu den Stoßzeiten aus allen Nähten. Denn um Wolfratshausen kommt man nur schwer herum. Alle Wege führen quasi nach „WOR“ statt nach Rom! Die vierspurige B 11 von Geretsried, der Zubringer zur A 95 nach München, die Querverbindung von der A8 nach Salzburg – alles mündet im Nadelöhr zwischen Isar und Loisach. Seit Jahren herrscht das planerische Chaos, wenn es darum geht mögliche Trassen einer Umgehungsstraße festzuzurren, geschweige denn Nägel mit Köpfen zu machen. Unter Bürokraten gilt schließlich der Leitsatz: Planen und Projektieren – ergo sum. Wie heißt es indes so schön: kein Schaden, wo kein Nutzen! So wird wenigstens auf absehbare Zeit ein Stück Natur vor der Betonierung, der Versiegelung verschont! Ein schwacher Trost: geht doch andernorts der Raubbau unvermindert weiter. Dort eine Lagerhalle, da eine Gewerbezone, hier ein Einkaufszentrum. Noch gibt es jedoch rund ums „Tor zum Tölzer Land“ am Rande von Schnellstraßen und Gewerbegebieten, im „Kleinen“ viel zu sehen, zu erkunden, zu ergründen. Gerade weil es die großen touristischen Attraktionen, die Sehenswürdigkeiten im Baedeker nicht gibt, Fun-Parks, Erlebnis-Bäder und Freizeit-Arenen zumindest bis heute noch keinen potenten Investor gefunden haben, schärft sich der Blick fürs Detail, für die kleinen Geschichten, für die versteckten, verwunschenen Orte der Magie, der Kindheit.

Große Ferien, endlose Sommertage. Ich erinnere mich mit seltsam, luzider Klarheit an die glühend heißen Sonntage im Hochsommer. In meiner Erinnerung rollen am Abend dunkel drohend Wolkenwalzen heran, färbt sich der Himmel über den Hügeln in einem endzeitlich leuchtenden Rubinrot. Denn der Wind, das „Wetter“ kommt meist von Westen. Auch wenn man es erst im letzten Moment kommen sieht. Blockiert doch ein lang gezogener Hügelrücken, der Wolfratshauser „Berg“, den Blick nach Westen. Der steil aufragende, dicht bewaldete Hang sorgt dafür, dass es unten im Markt früher finster wird als am Ostufer des Sees oder in den Dörfern auf der „Höh“, die auf den grünen Wiesenhügeln ein Sonnenplätzchen ergattert haben. Dass war schon immer so, doch vieles war früher anders. Zeit für eine Zeitreise, back tot he roots: Man schrieb hier nie die ganz große Geschichte. Die spielte in München, auf großer Bühne. Wolfratshausen war ein Ort der keine Schlagzeilen macht, keine langen Schatten wirft. Das Grafengeschlecht der Wolfratshauser erlosch im 12. Jahrhundert, der letzte Heinrich war Bischof in Regensburg. Die gewaltige, von den Wittelsbachern erweiterte Burg auf dem Bergsporn über besagten „Gasteig“ brannte im 18. Jahrhundert nieder und wurde bis auf die Grundmauern abgetragen. Baumaterial war teuer – damals. Im dreißigjährigen Krieg schaute die schwedische Soldateska auf einen Sprung vorbei, um den Markt zu brandschatzen. Um den Untertanen des katholischen Kurfürsten noch rasch den roten Hahn aufs Dach zu setzen, wie es damals so schön hieß. Nach der Verwüstung kam die Pest. Anni horribili – Jahre des Schreckens. Nur langsam ging es wieder bergauf. Mit barocker Lebenslust und untergärigem Bier. Irgendwann kam dann Goethe in der Postkutsche daher, machte auf seiner Reise nach Italien in der „Alten Post“ Station. Goethe schwieg und fuhr über Königsdorf weiter, die Alpen in Sicht. Kein Kommentar.

Wolfratshausen, eine Art Kontinuum, ein zeitloser Raum, ein Ort „ab vom Schuss“? Fakt ist: weder der Märchenkönig, noch Sissi, noch irgendwelche andere Notabeln und „Geschichtsträger“ kamen hierher. Für die Bomberpiloten der Alliierten waren Isar und Loisach Orientierungspunkte auf den Weg nach München, kein lohendes Ziel, auch wenn manche Bombe noch schnell abgeladen wurde, ehe es „nach Hause“ ging. Die amerikanischen Truppen marschierten „hoch zu Roß“ ein – und eine Zigarettenpackung später ging es weiter zur „Alpenfestung“. Über Jahrhunderte hockten die Einheimischen in ihrem stillen, toten Winkel zwischen den beiden Flüssen: der ruhig dahinströmenden Loisach – was etymologisch vom keltischen „Loisa“, der „Lieblichen“ herrührt – und der wild daherstrudelnden Isar – was sich wiederum von „Isaria“, sprich der „Reißenden“ ableiten lässt. Ein verträumter Marktort, an dem die Postkutsche nach Mittenwald Halt machte und die Flößer, die die Baumstämme aus dem Oberland nach München drifteten, eine Auszeit nahmen, um sich eine Brotzeit und ein paar Bier aus den zahlreichen Brauereien wie dem Schefflerbräu schmecken zu lassen. Einen Bräu gibt es schon lang nicht mehr in Wolfratshausen – und die paar Flößer fahren zwar noch nach München – doch nur um für’s feuchtfröhliche Gaudium einiger feierbiestiger Großstädter zu sorgen.

Aus den Erzählungen meiner Mutter, meiner Großmutter weiß ich, dass im Voralpenland früher ein milderer, sachterer, weniger „gacher“ Föhnwind wehte. In anderen Worten: Wolfratshausen war ein hinterer Platz. Die weite Welt war weit und es ging gemütlich, deftig und a bisserl leger, eben bayrisch zu. Mit dem „Bayerischen“, dem „Behäbigen, Bärbeißigen, Widerspenstigen“ war es allerdings bereits zu meiner Jugendzeit vorbei. Die Invasion der Städter, der Nordlichter und Paradepreußen war im vollen Gange. Unterm programmatischen Motto „im Grünen wohnen, in München arbeiten“ wurden die Bauern im Münchner Umland reich, ihre Felder, Wiesen und Äcker zu Neubaugebieten und Trabantensiedlungen. Meine Freunde, meine Freundinnen, mit denen ich das erste Bier, den ersten Kuss assoziiere, waren zu meiner Verwunderung nicht „wie ich“, „nicht von hier“:  Sie stammten aus Berlin, der DDR oder aus Schleswig-Holstein. Die meisten aber waren Flüchtlingskinder, wider alles Völkerecht aus dem Sudetenland vertrieben. Von den Tschechen aus ihrer Heimat, aus Tachau, aus Komotau, Falkenau verjagt. Eine Zeit, in der der Horizont begrenzt schien, die Welt irgendwo zu Ende. Die Pupplinger Au war unser Abenteuerspielplatz, die Isar unsere Badewanne. Jedes Sträßchen, jedes Gässchen, jedes freie Feld ein Freiraum für uns „Saububen“ und „Hundskrüppel“. Jeder Stoppelacker ein Bolzplatz, jede Kiesgrube eine Raubritterburg. Platz für Phantasie. Die Autos auf der Sauerlacher Straße konnte man an einer Hand abzählen. Noch nicht einmal die S-Bahn gab es. Nur ein Bummelzug mit zerschlißenen Polsterbänken zuckelte und ruckelte in einer Stunde zum Holzkirchner Bahnhof. Endstation Sehnsucht. Wolfratshausen war alles andere als die Nabe oder der Nabel der Welt. Eher eine Speiche die sich am Rand des Rads mit drehte. Zug um Zug wurde am Rad gedreht, die Zeit beschleunigt, bis sich der Raum verdichtete, die Gegenwart ihren Glanz verlor. Die gute alte Zeit ist nur mehr eine ferne Chimäre, von nostalgischen Träumereien verklärt. Wolfratshausen ist längst angekommen in der Postmoderne, der globalen Welt. Aus dem Dornröschenschlaf ist es erwacht. Da hilft es wenig, dass der „Märchenwald“ eine der Attraktionen des Flößerlands ist. Hänsel und Gretel, Rapunzel & Co. leiern ihren Text herunter – im Mp 3 Audioformat versteht sich. In elektronischer Penetranz  feixt ein Eunuchen-Falsett, in dass sich kreischendes Kindergelärm mischt: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“. Eine Kakophonie der Hexen, Feen, Elfen, Kobolde. Die Zeit der geflüsterten Geheimnisse, der wahren Mysterien ist vergangen  und ich spür den Windhauch noch auf meiner Haut, als sich die Tür zum Traumreich schließt. Pfiagott mei lieber Bua, pass auf, auf di.

Dinesh Bauer

An der Quellen – da Kraud’n Sepp

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Lang ist’s her, ein wenig zu lang vielleicht schon. Die alten Zeiten sind vorbei – ein für allemal und kommen so leicht nicht mehr wieder. Die Rede ist vom Kraud’n Sepp, einem Oberlandler-Original – kauzig, schrullig, schnauzbärtig, authentisch durch und durch. Im Frühjahr 1977 ist er gestorben – 42 Jahre ist das inzwischen her. Im selben Jahr übrigens als der „King“ Elvis Presley in Graceland drüben, der, Zufall oder nicht, 42 Jahre alt geworden ist. Am Gaißacher Friedhof, oben am Hügel mit Panoramablick auf die Benediktenwand, haben er und seine Frau Anna, eine geborene Trischberger, ihre letzte Ruhe gefunden. Auf dem Grabstein ist – zumindest vor einigen Jahren noch – zu lesen gewesen: „Hier ruhen meine liebe Gattin Frau Anna Bauer zum Krauden gestorben am 29.10.1964 im 62. Lebensjahr und Herr Josef Bauer gestorben am 1.4.1977 im 81. Lebensjahr. Die Anna hat Krebs gehabt – und er selbst hat irgendwann nicht mehr wollen oder können. Denk ich mir zumindest.

Als Bua, ich muss so 11 oder 12 Jahr gewesen sein, hab ich den Kraud’n Sepp in der Quellen, der legendären Wirtschaft bei Wackersberg, einmal spielen hören. Eher zufällig. Mich hat Musik damals nicht im Geringsten interessiert. Fußball ja, in der Isarau räubern ja, die Mädel und die jüngeren Jahrgänge in der Schule ärgern, noch lieber. Aber Musik machen, mit der Zither, dem Hackbrett oder der Harfe – das war was für die Stubenhocker, nicht für richtige Burschen und angehende „Indianer“ und „Wilderer“. Das Gedudel aus dem Radio, die deutschen Herz-Schmerz-Schnulzen oder das „Ami-Gefidel“ – auf Englisch noch dazu – hat mich damals komplett kalt gelassen. Meine Oma Anastasia hat jedoch ein „Faible“ für Volksmusik gehabt, deswegen sind wir damals wohl in der Quellen gwesen. Weit weg von daheim war es ja nicht. Meine Eltern haben sich das Brotzeit-Brett‘l und ein, zwei Halbe Bier schmecken lassen – und der Kraud’n Sepp, mei, der war halt auch da – seine rauchige, brüchige Stimme und die Zither, als stets getreuer Begleiter. Der hagere Holzfuchs mit seinem zerfurchten Zügen und den listigen, schalkhaften Blinzeln in den Augen war – in den Augen der damaligen Gäste – ein alter Krauterer, ein gspaßiger dazu. Der Sepp gehörte einfach zum Inventar von Wirtschaften wie der „Quellen“ oder dem „Gasthof Zantl“ in Tölz. Ein Volks-Musikus und kein Szene-Star – auch wenn er in alternativen Musikerkreisen bereits damals – als ungekünstelter „Roots-Rocker“ eine gewisse Bekanntheit erlangt hatte. Das Münchner Label Trikont hat dann ja auch in seinen letzten Lebensjahren mehrere Platten mit ihm aufgenommen – und der BR wurde auch aktiv.

Wer war dieser Kraud’n Sepp, alias Josef Bauer nun eigentlich? Geboren 1896 als jüngstes von neun Kindern auf dem Greilbauernhof in Greiling. Übrigens der letzte Hof in Richtung Tölz auf der linken Seite. Er diente als Soldat im ersten Weltkrieg, heiratete 1923 seine Anna und bewirtschaftete zusammen mit ihr den Kraud’n Hof im Gaißacher Ortsteil Lehen. Der Hof steht heut noch – und schaut nicht viel anders aus als zu Sepps Lebzeiten. Kein stattliches, großbäuerliches Anwesen, sondern vielmehr ein „Sachel“, dass gerade genug für eine bescheidene bäuerliche Existenz abwarf. Der „Kraud’n Sepp“, wie er bald nur noch reihum genannt wurde, war indes ein bescheidener, bodenständiger Mensch, der keine Ansprüche stellt und mit wenig auskommt. Eine Milchsuppe oder eine  Nudelsuppe, mehr braucht es für ihn nicht. Kein Wunder also, dass einer wie der Sepp nicht dick und behäbig wird. Er erledigt gewissenhaft seine Arbeit am Hof, doch seine eigentliche Leidenschaft gilt der Musik – und zwar von jeher. Der Sepp kann keine Noten lesen, aber er kann zuhören. Seine Stückerl eignet er sich intuitiv an –  ein Autodidakt reinsten Wassers. Und er kann sich in seiner Musik ausdrücken. Mit dem Gaißacher Sänger- und Zitherquartett tritt er zusammen  mit seiner Frau Anna – dem musikalischen Herz der Gruppe – an die 600 Mal auf. Das Quartett hat ein Riesen-Repertoire – Lieder, Landler, Boarische. Aufgspuit wird bei Dorffesten, privaten Feiern oder Musikanten-Meetings. Meist im Umkreis von 30 Kilometern rund um Goaßa, soweit einem das Radl eben trug.

Nach dem Tod seiner geliebten Frau fällt der Sepp in ein tiefes Loch – ehe er sich als Solokünstler neu entdeckt und dadurch neuen Lebensmut schöpft. Da ist er schon über 70. Er wird zu der charismatischen Figur, die in Erinnerung geblieben ist. Ein Zitherspieler, Gstanzl- und Bänkelsänger, dem die Musik im boarischen Blut liegt. Ein einfacher Mann, der für den Erhalt der echten, gewachsenen Volksmusik Großes leistet. Der Sepp war einer, der sich nie verbogen hat. Er spielt nur das, was ihm selbst und den Zuhörern in der Wirtsstube gfoit. Und wenn es auch „Kitsch“ oder zotig und zweideutig ist – den Sepp kümmert das Gerede nicht. „Und d`Leit, de hat`s gfreit dass` bei uns so weit feit aba d`Leit wissen an Dreck bei uns feits so weit net“, hat er einmal gesagt. Völlig undogmatisch und ehrlich war er, einer der aus dem Bauch heraus gelebt hat. So eine Musik, wie er und seine Mitstreiter gemacht haben, die gibt es nicht mehr. Die Zeit ist einfach eine andere heute – die Musiker auch. Deshalb ist der Sepp aus Goaßa eine Isarwinkler Musiklegende – und wird es bleiben. So bekannte sein Neffe Benedikt: „Er war ja a selten braver Mensch. Er war eigentlich oana, der wo owei nachgebn hat, und der hat se nia wegn a – der hoid ois im Friedlichen gmacht, der war nia boshaft, überhaupt ned.“ Ein grundehrlicher, kreuzbraver Mann also – und andrerseits doch ein „Hundling“, der kompromisslos seine ureigene Musik gemacht hat – unverwechselbar bis heute. „ Mia san de Oberlandler  von echtem Schrot und Korn und ham in unsrer Volkstracht no nia de Freid verlorn. Mia gehn nicht nach der Mode, de d´Stadtleit uns vorschreibn, wir woin beim oidn Gwandl de Oberlandler bleibn.“ Dem Liedtext der „Lederhose“ is nix mehr hinzuzufügen.

Dinesh Bauer

General Barbone

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20_02_1810-die-erschiessung-von-andreas-hofer-in-mantua_1

Die  Exekution von „General Barbone“ – wie die italienischen Truppen Andreas Hofer nicht ohne eine gewisse Hochachtung nannten – war für den 20. Februar 1810 auf 10 Uhr 45 Uhr vormittags angesetzt. Ort der Hinrichtung: ein kleiner Innenhof unterhalb eines Festungswalls der oberitalienischen Garnisonsstadt Mantua. Militärische Hinrichtungen liefen zur Zeit der Napoleonischen Kriege einem exakt festgelegten Procedere ab: Die Truppen bildeten ein dreiseitiges Karree – nach einer Seite hin war das Karree offen. In Begleitung eines Priesters wird der Delinquent unter Trommelwirbel vorgeführt. In der Mitte des Karrees wird das Todesurteil verlesen. Unter dem Schlag der Trommeln werden dem Verurteilten die Augen mit einer schwarzen Binde verbunden. Dann musste er niederknien. Zwölf Mann unter dem Kommando eines Offiziers eröffnen aus einem Abstand von zehn Schritten das Feuer. Ein Reservepeloton à vier Mann steht bereit, um den Verwundeten notfalls aus nächster Nähe den Gnadenschuss zu geben. Andreas Hofer, gewester Landeskommandant Tirols, war tot. Doch die Erinnerung an den Sandwirt, einen unerschrockenen und zu allem entschlossenen Patrioten, lebt bis heute fort.

1024px-Kager_Hofers_letzter_GangBei der Hinrichtung Andreas Hofers weicht man von dieser Standard-Prozedur jedoch erheblich ab. Der Innsbrucker Rechtsanwalt Granichstädten-Czerva schildert in seinen Prozesserläuterungen die Szene wie folgt: an der Hinrichtungsstätte wird Hofer von General Peter Franz Bisson, der Mitglied des Kriegsgerichts war sowie seinem Anwalt Joachim Basevi erwartet. Zwölf Grenadiere des 2. Bataillons des 13. französischen Grenadierregiments bilden das Exekutionskommando, sie unterstehen dem Befehl des aus Luxemburg stammenden Feldwebels Michel Eiffes. Hofer lehnt die dargebotene Augenbinde ab und verweigert den Kniefall. Nach einem letzten Gruß an die Heimat, erteilt der Sandwirt selbst den Feuerbefehl. In seinen von einem Neffen aufgezeichneten Kriegserlebnissen, zeichnet Eiffes ein plastisches Bild der Vorgänge am Morgen des 20. Februar. „Erste Salve: Hofer fällt in die Knie von sechs Kugeln getroffen. Zweite Salve: Hofer ist über den Augenbrauen, zwischen den Lippen und dem Kinn getroffen und bricht zusammen.“ Tot ist der stämmige „5 Schuh und 8 Zoll“ große Mann aber noch immer nicht. Eiffes tritt heran, hält ihm seine Pistole an die linke Schläfe und drückt ab.

Combat_du_BergiselNach der vernichtenden Niederlage in der letzten Schlacht am Berg Isel Anfang November 1809 hatte sich Hofer mit einigen wenigen Getreuen über den Brenner nach Süden abgesetzt. Dort versuchten sie den Widerstand neu zu organisieren, im Passeiertal und in der Gegend um Meran kam es daraufhin zu etlichen Scharmützeln. Doch der Krieg der Tiroler war verloren, die Hoffnung dahin. Der Sandwirt entschließt sich zur Flucht. Zusammen mit seiner Familie und Schreiber Kajetan Sweth sucht er Anfang Jänner Zuflucht auf der Pfandler-Alm, oberhalb von Sankt Martin in Passeier. „Doch Verrath folgte ihm auf den Fersen“. Franz Raffl aus Schenna, einstiger Weggefährte Hofers, verrät ihn für 1500 Gulden an die Franzosen. In den frühen Morgenstunden des 28. Jänner sind die Häscher, ein rund 50 Mann starkes Detachement, zur Stelle. „Hofer wurden die Hände im Rücken gefesselt, ein Seil um den Hals gelegt, ein anders um die Hüften. Es hagelte Schläge, die Soldaten rissen dem Sandwirt Haar- und Bartsträhnen aus, um die Trophäen ihren Kameraden zu zeigen.“ Hofers Gemahlin Anna und seinen Sohn Hans nahm man zunächst im Geißelhaft, ließ sie aber gnadenhalber in Bozen frei. Für Hofer und Sweth ging ihre „italienische Reise“ über Neumarkt, Trient, Rovereto und Peschiera nach Mantua. Am 5. Februar hatten sie ihr Ziel erreicht. Hofer und sein Schreiber wurden in ein Kellerverlies der Citadella di Porto gesperrt. Napoleon hatte zunächst vorgehabt Hofer nach Vincennes in Frankreich zu überstellen. Mit einem Schreiben vom 11. Februar wies er dann aber seinen Stiefsohn Eugène de Beauharnais, Vizekönig von Italien, an, eine Militärkommission einzuberufen, um Hofer rasch abzuurteilen. In der „Causa Hofer“ war plötzlich Eile geboten. Am 1. April wollte sich Napoleon mit Erzherzogin Marie Louise von Österreich vermählen – und kein Bittschreiben in die Hand gedrückt bekommen.

Andreas_Hofer_(Wachter)Die „Spezial-Militärkommission“ bestellte einen jungen Mantuaner Anwalt namens Joachim Basevi zum Pflichtverteidiger Hofers. Die Verhandlung vor dem Militärgericht wurde auf Französisch geführt und war – da der Schuldspruch bereits feststand – gelinde gesagt eine Farce. Der Anwalt beklagte unter anderem die fehlerhaften, unzulänglichen Übersetzungen von Hofers Worten durch die unfähigen Dolmetscher. Dem Anwalt Basevi hatte man zudem nur einige Berichte des Militärkommandanten ausgehändigt, aus denen die Schuld Hofers angeblich klar und unwiderlegbar hervorging. Dem Beschuldigten wurde insbesondere zur Last gelegt, dass er auch nach dem Friedensschluss zu Schönbrunn vom 14. Oktober 1809 den Kampf fortgeführt habe. In einem Erlass des Vizekönigs, sei jedem Insurgenten in Falle weiterer widerrechtlicher Kriegshandlungen, die Todesstrafe angedroht worden. Desweiteren habe man Hofer bei seiner Festnahme  „mit einem Gewehr in der Hand“ angetroffen und einige Pistolen sowie einen Degen in seinem Alm-Versteck entdeckt. Die Verhandlung gegen den gewesten Landverweser von Tirol wurde für den 19. Februar, um 15 Uhr im Palazzo Arco angesetzt. Es fand weder ein Verhör des Beschuldigten statt, noch wurde dem Anwalt erlaubt, Entlastungszeugen aufzurufen. Basevi bescheinigte seinem Mandanten: „Sein Verhalten zeichnete sich durch große Ruhe, Offenheit und Würde aus.“ Der Advocatus schilderte Hofer in seinem Plädoyer als „einfachen, redlichen und fleißigen Mann“, dem „jede Lüge fremd“ sei und der allein aus Liebe zur Heimat zu den Waffen gegriffen habe. Als Soldat habe der Sandwirt einzig der Pflicht gehorcht, wofür er nicht bestraft werden könne. „Ich kann ruhigen Gewissens behaupten, dass das vorliegende Beweismaterial zu einem Schuldspruch nicht ausreicht.“ Die Ankläger sahen dies naturgemäß anders. Nach zweieinhalb Stunden war der Prozess beendet und Hofer wurde zurück in seine Zelle gebracht. Der Urteilsspruch des Kriegsgerichts fiel einstimmig aus: Tod durch Erschießen. Am folgenden Tag, den 20. Februar, zu vollstrecken.

Innsbruck_Goldener_Adler_Hofer_Tafel„So endete das Leben eines tapferen Führers; das war das traurige Schicksal eines Helden, der wahrlich ein schöneres, seinen Thaten angemessenes Loos verdient hätte. Doch der Krieg verschont keinen, sogar die Besten nicht, und niemand weiß heute, wie es morgen mit ihm stehen wird“, heißt es in den „Erlebnissen“ Eiffes. Noch am Tag der Hinrichtung wurde Hofers Leichnam in der Kirche San Michele beigesetzt, dies vermerkt der dortige Priester im Totenbuch. Im Sterbebuch von Sankt Leonhard in Passeier, der Heimatgemeinde Hofers, wird dessen Ableben gleichsam protokolliert. Auffällig ist das – später korrigierte – falsche Todesdatum sowie einige unleserliche Stellen: „Andras Hofer gewester (…) Wirth. an St. Grab auf dem Sandt. Verheurathet. Zu Mantua (…) erschossen, den 9. Merz 1810. 44 Jahr.“ 13 Jahre später, im Jahr 1823 werden Hofers sterbliche Überreste in einer Nacht- und Nebelaktion von einem Regiment der Kaiserjäger ausgegraben. Da man nicht wusste, wo sich das Grab genau befand, weil der Friedhof inzwischen aufgelassen und in den Pfarrgarten umgewandelt worden war, weckte man den Pfarrer, der den Männern die Stelle zeigte. Die anhand der Einschusslöcher leicht zu identifizierenden Gebeine Hofers wurden nach Innsbruck „überführt“ und in der Hofkirche beigesetzt. Dort befindet sich bis heute seine letzte Ruhestätte. Das Grabmal schuf anno 1834 im Auftrag von Kaiser Franz I. der Wiener Bildhauer Johann Nepomuk Schaller. Im Stil des 19. Jahrhunderts wird Andreas Hofer – eine Fahne in der Hand haltend – in martialischer Pose und mit stolz erhobenem Haupt gezeigt.

Dinesh Bauer

Das Bankerl

OLYMPUS DIGITAL CAMERAB wie beschaulich, besinnlich, breitbeinig. Das Bankerl ist ein Fleckerl Heimat, ein Platzerl des Durchatmens, des Staunens, des Erkennens. Ein Ort um ins Land hinauszuschauen, um über die Schönheit, der Vergeblichkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen zu sinnieren und zu eigenen Erkenntnissen über das Wesen der Dinge, der materiellen und geistigen Erscheinungsformen des Daseins zu gelangen. Ein tief gestimmter Ort, der uns verweilen, Einkehr halten lässt. Ein Ort an dem das Orchester eine Pause hat. Tacet für den Chor – Silentium!

Was charakterisiert das Bankerl nun? Rast und nicht Un-Rast, Ruh und nicht Un-Ruh, Zen mit der Sonne im Zenit. Verzaubert und verwunschen. Das Bankerl ist ein Phänomen, ein deutsches und alpenländisches dazu. Untrennbar verbunden mit der teutonischen „Wanderlust“ und „Waldesfreud“. Andernorts ist diese „Institution“, diese Inkarnation des romantischen Innehaltens so nicht zu finden.

Gut, Bänke stehen überall auf der Welt. In Singapur und in Nordkorea, in japanischen Zen-Gärten, an der Moskwa und im Central Park von Manhattan sowieso. Dienen Sie doch einem klaren Zwick: dem hinsitzen, denn am Boden hockten nur Hippies, Soldaten und andere Idioten. Damit ist alles gesagt.

20150503_1738Das Bankerl aber ist einmalig, ist der Inbegriff des Sehnens und Sehens, der schöpferischen Ur-Erfahrung, des Teilhabens an der Natur. Im Angesicht – Face to face – mit den kleinen oder großen Wundern der Welt, der sich türmenden Gebirge, der sich im Wind wogenden Seen, der sich windenden und mühenden Bäche, der in der Hitze flirrenden Wiesen. Und ein Flüstern ist dort immerzu: O Mensch, setz dich her – und gib Ruh, du Rastloser, du!

Dinesh Bauer

Grenz-Berg

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Photo1382Es geht immer leicht aufwärts, schon seit zwei Stunden. Mein Skoda steht unten in Waldmünchen – am Rand von Streuobstwiesen. Nomen est Omen – das kleine Städtchen an der bayrisch-böhmischen Grenze ist exakt 199 Kilometer vom großen Bruder, der Landeshauptstadt gleichen Namens entfernt und von dichten Wäldern umgeben. Um mich herum dichtes, sattes Grün – vor lauter Bäumen ist der Böhmerwald kaum zu sehen. Irgendwann habe ich die – im wahrsten Sinne des Wortes – „grüne Grenze“ passiert – von zwei Wappenschildern zwischen grünen Zweigen markiert. Nun bin ich oben, am Cerchov – es ist kalt und der Wind pfeift mir um die Ohren. Schnell ziehe ich mir eine Strickmütze über den Kopf und wickle mich fest in ein Goretex-Mäntelchen. Kein Mensch weit und breit – und zu kauen oder zu nuckeln gibt es auch nichts.

Photo1381Das Cerchov-Bistro im Kantinen-Schick des real existierenden Sozialismus und das in einem Holzpavillon befindliche Turmstüberl haben geschlossen. Chiuso, Fermé, Zavreny. Hier gibt’s nix, kein Bier, kein Kaffee, kein Wiener Würstel. Gottseidank hab ich vorgesorgt und packe meine in Alufolie gewickelte Brotzeit aus – und köpfe – nein, kein Bier, sondern eine banale Zitronenlimo. Limo löscht den Durst – und gegen Hunger hilft die Wurst. Genüsslich beiße ich in die dick mit Schinkenwurstscheibchen belegte Semmel und blicke mich am Gipfelplateau um. Ich bin allein, allein mit der Vergangenheit.

Photo1378Der Cerchov, alias Schwarzkopf, avancierte mit der aufkeimenden Begeisterung für die freie Natur und die heimischen Haine und Fluren zum beliebten Ausflugsziel in der Grenzregion zwischen dem Reich der Hohenzollern und dem der Habsburger. Denn ganz Böhmen und natürlich auch das – was die Gutmenschen-Geschichtsfälscher gerne verschweigen – von Deutschen bewohnte Sudetenland stand bis 1918 unter den Fittichen des Doppeladlers. Der Cerchov befindet sich indes heute auf tschechischem Staatsgebiet und darf sich mit einer Höhe von 1042 Metern rühmen, die höchste Erhebung des Oberpfälzer Waldes zu sein. Über den Gipfel verläuft schnurstracks die große europäische Wasserscheide zwischen Atlantik und Schwarzem Meer. Und man spürt es nicht. Was man jedoch auf den ersten Blick erkennt, ist der Umstand, dass die Aussicht von hier oben großartig sein muss, wohlgemerkt bei klarer Sicht.

Photo1375Heute ist der Himmel jedoch schiefergrau – und von Nebelschlieren durchwirkt. Von den goldenen Auen Böhmens, geschweige denn von den Alpen keine Spur. Ich bin schon froh, wenn ich ein paar wellige Waldhügel erspähe, die sich schemenhaft aus dem Grau des Gewölks schälen. Die fantastische Weitsicht gab jedenfalls den Ausschlag für den Touristenclub Taus, um 1894 einen hölzernen Aussichtsturm am höchsten Punkt des Bergs zu errichten. Sein Nachfolger, ein der romantischen Minnewelt entsprungener Burgturm, existiert bis heute.

Photo1373Im kalten Krieg herrschte am Cerchov Eiszeit – hier herauf durfte niemand, es sei denn er war Soldat oder Abhörspezialist im Dienste des Warschauer Pakts. Bis heute umzäunt eine Art eiserner Vorhang den Gipfel. Kasernengebäude, militärische Anlagen, Hundezwinger, Betonplatten überall – und unübersehbar die 40 Meter hohe Abhöranlage, Herzstück des Horchpostens.  Neben der sowjetischen Armee nutzten auch die Spezialisten der DDR-Staatssicherheit die exponierte Stellung auf dem Čerchov unter dem Tarnwort „RUBIN“ als Außenposten. Nach 1990 war dann aber langsam Schluss mit Klassenkampf, nach und nach verfallen nun die Bauten und die Natur erobert hartnäckig, Zentimeter um Zentimeter, verloren geglaubtes Terrain zurück. Mein frugales Mahl habe ich inzwischen beendet und langsam wird es hier oben ungemütlich. Ein eisiger Wind faucht wie in einem Agenten-Thriller um die Ecken und ich klappe den Kragen hoch. Mein nun fast leerer Rucksack landet weich auf meiner Schulter und mit einer gewissen unbestimmten Wehmut trotte ich an den tristen Betonbauten vorbei bergab. Still ist es hier oben – ich lausche, höre mich atmen, höre meine Schritte – doch da ist noch etwas, ein leises pochendes Geräusch. Tief unter der Erde schlägt hier noch immer das tote Herz des roten Riesen.

Dinesh Bauer

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Die Schwarze Jagd – mein neuer Bayern-Krimi

Ein klarer Fall für Schorsch Wammetsberger

Meine Bayern-Krimis sind erfrischend anders. Kein Aufguss von Eberhofer, Kluftinger & Co. Dafür sorgt schon der „leicht übergewichtige Held“ der Geschichte. Dorf-Gendarm Schorsch Wammetsberger ist ein Mann für alle Fälle. Am liebsten hätte Schorsch seine Ruhe, sein Bier und seine Elfriede. Bei den „Grünen“ ist er nur gelandet, weil er dort A) als Beamter auf Lebenszeit unkündbar ist, B) in der Polizeiinspektion Bad Brennbruck das Sagen hat und C) zu den allseits geschätzten Dorf-Honoratioren zählt. Zu Wammetsbergers Unmut kommt ihm jedoch regelmäßig der Boandlkramer in die Quere. Eine Leiche beim Schafkopfen, eine Leiche beim Wildern. Schorsch bleibt nichts anderes übrig, als die unnatürlichen Todes-Fälle auf seine eigene unorthodoxe Weise zu lösen. Dabei handelt er getreu der Devise: Jeder kann sagen was er denkt – solange er tut, was ich will!

Doch auch die „Nebenrollen“ sind prominent besetzt: Wammetsbergers ewiger „Rivale“ ist der ebenso scharfsinnige wie spitzfindige Kripo-Kommissar Korbinian Eyrainer. Ein „Urban Bayer“ – überlegt, scharfsichtig und grüblerisch. Kurzum, Eyrainer und Wammetsberger sind nicht gerade „Freunde“, ja eher wie Fleischpflanzerl und Foie grasse, wie Pinot Noir und Bräuberger Hell. An Eyrainers Seite sorgt Leo „Hartl“ Harthofer, das „Enfant Terrible“ der Kripo Grenzberg, für Unruhe und Verwirrung, zumal „Hartl“ gern als verdeckter Ermittler im Untergrund arbeitet.

Doch auch Wammetsbergers hat mit seinen „Getreuen“ nicht nur Freude: Xaver Gschwandtner und Ignaz Irgl, ein echtes „B-Team“ – B wie Bier, Brotzeit und Brennsuppe. Dank ihrem Hang zu hochprozentigen Eingebungen und eigenmächtigen Aktionen, sind die beiden „Alm-Anarchos“ immer für eine „Überraschung“ gut – und rauben Schorsch den letzten Nerv. Andere illustre Figuren bereichern die Geschichte: „Stocki“ Stockinger, die ebenso modisch bewusste wie esoterisch versierte Team-Assistentin Eyrainers oder der starrköpfige Malz-Marxist „Che“ Wildbichler, der zwischen Untergrund und Unterholz seine Pirouetten dreht.

Die mörderischen Geschichten selbst sind verwickelt, verwirrend vielschichtig – und nie vorhersehbar. Spaß und Spannung bilden die zentrale Achse – doch es gibt auch stets eine historische und politische Ebene, die das Geschehen und die Geschichte vorantreibt. Schwarzhumorige Abenteuergeschichten in der altehrwürdigen Tradition der großen Krimi-Erzähler.

Dinesh Bauer

Interview mit dem Magazin HaymonKrimi:

Was macht für dich den Reiz deiner Geschichten aus?

Dinesh Bauer: Die Stories spielen im bayrischen Oberland, dem urbayrischen Landstrich nördlich der Alpen. Zum Teil aber auch drüben in Tirol. Bayern und Tiroler verbindet ja seit Jahrhunderten eine innige „Hassliebe“. Das Setting spricht jeden an, der Bayern und die Berge liebt. Im O-Ton spricht man bayrisch – und die Protagonisten sind felsenfest mit ihrer „Hoamad“ verankert. Meine Bücher unterscheiden sich durch ihre Authentizität und Originalität von anderen Krimis des Genres „Alpen-Krimi“. Knorrige, kauzige Charaktere wie Dorf-Bulle Schorsch Wammetsberger, sein schießwütiger Spez’l Ignaz Irgl oder der Lederhosen-Lenin „Che“ Wildbichler sind auch „in natura“ an den Stammtischen zu finden. Dementsprechend herzhaft und handfest entwickeln sich die Dialoge. Die Geschichten sind schräg, schroff und abgründig – die Sprache am Punkt pointiert.

Die Regiokrimis zwischen Sylt und Salurn haben ja Hochkonjunktur. Was hat dich zum Schreiben bewegt?

Dinesh Bauer: Ich hab ja schon vor 15 Jahren angefangen mich mit diesem Genre zu beschäftigen – da war da noch so gut wie nix am Markt. 2010 ist mein erster „Heimatkrimi“ im Selbstverlag erschienen. Die Wammetsberger-Reihe geht ein wenig andere Wege, als die meisten anderen Krimis. Es gibt zwei klar definierte Handlungsstränge – und jeder Mordfall hat einen aktuellen Aufhänger – also Themen wie Filz in der Lokalpolitik, Terrorismus-Hysterie oder die Flüchtlingsproblematik. Diese komplexen und zweifelsohne bedeutsamen Themen nehmen meine Protagonisten jedoch bewusst auf die „leichte Schulter“. Für mich steht das sinnbildlich dafür nie den Humor zu verlieren – sonst ist man verloren.

Wie wichtig ist Bayern, ist die bayrische Lebensart für dich?

Dinesh Bauer: Ich bin bekennender Bayer – und schau den Leuten beim Stammtisch und auf der Straße genau aufs Maul: den „Bauernfünfern“, den halbseidenen Haderlumpen und Odel-Outlaws. Deswegen komme ich ohne die Klischees aus, die andere Autoren dieses Genres gerne bedienen. In der eigenen Familie und im Freundeskreis finde ich genügend „Modelliermasse“, um daraus stimmige Charakterköpfe zu formen. Dazu kommen die mit viel Liebe und „von Hand“ kolorierten Schauplätze: schroffe Berge, dichte Wälder, windschiefe Wegkreuze, urige Wirtsstuben. Immer irgendwo zwischen Idyll und gähnendem Abgrund. Kulturelle Besonderheiten und regionale Bezüge gibt es zum “Sau füttern“ – und zwar sowohl in der Sprache, als auch in Bezug auf die Traditionen und die Lokalgeschichte. Das ist mir sehr wichtig.

Egal ob der Kommissar Kluftinger oder Eberhofer heißt. Regional-Krimis haben immer Seriencharakter. Wie sieht es bei dir aus. Können wir noch mehr Untaten vom Bavarian Dream-Team Eyrainer und Wammetsberger erwarten?

Dinesh Bauer: Sowieso. Die Schorsch Wammetsberger-Krimis sind als Serie konzipiert, wie Hubert & Staller oder München 7 wenn du so willst. Da ich vom Fernsehen, vom bewegten Bild komme, sind die einzelnen Kapitel immer sehr szenisch gebaut – und eine kleine Geschichte in sich. Die einzelnen Episoden, respektive Fälle sind jedoch vollkommen unabhängig voneinander und durch die gleichen Schauplätze und natürlich durch dieselben Protagonisten locker miteinander verwoben. Am 26. September erscheint mein erster Krimi „Die Schwarze Jagd“ als gebundenes Buch bei euch. Da freue ich mich schon riesig drauf. Der nächste Fall für Schorsch steht aber schon in den Startlöchern – und „Solo für Schorsch“ wird natürlich wieder ein Hammer. Zumal es nicht nur um das Kult-Kartenspiel „Schafkopf“ geht, sondern auch die Freiheits-Ikone Andreas Hofer in einer Nebenrolle glänzt. Freut euch drauf!

 

Die Schwarze Jagd, Haymon Verlag 2017, gebundene Ausgabe, 304 Seiten, ISBN-13: 978-3709934043. Preis: 17,90 €, auch als eBook erhältlich

Der schwarze Tod und die Toten

Photo0818Pandemien verbreiten von jeher Angst und Schrecken unter den Menschen. AIDS, Ebola, die spanische Grippe – Namen die für namenlose Furcht und massenhaftes Sterben stehen. Wir leben – so scheint’s – in einer hochtechnisierten, aseptischen, sterilen Welt – doch das drohende Verhängnis lauert immer und überall. Winzige, mikroskopisch kleine Lebewesen, tödlich wie der Biss der schwarzen Mamba. Viren, Bakterien, multiresistente Keime – bei diesen Un-Wörtern befällt uns ein unerklärliches Unbehagen, eine atavistische Angst vor Siechtum und jähem Tod. Bis auf den heutigen Tag „hassen wir etwas wie die Pest“, wünschen unseren Feinden „die Pest an den Hals“ oder müssen angesichts zweier Kandidaten wie Trump und Clinton „zwischen Pest und Cholera“ wählen.

Photo0868Für die Menschen des Mittelalters war der Tod dagegen einfach nur eines: allgegenwärtig und unerklärlich. Epidemien galten als eine Strafe Gottes. Gott strafte seine unbotmäßigen, frevlerischen Geschöpfe – und bediente sich hierfür der „Gottesgeißel“. Ein Instrument, um die verderbten, sündhaften Menschen zu zügeln. Die ultimative Heimsuchung, der Inbegriff des Sterbens und göttlichen Zorns war die Pest. Keine andere Seuche hat mehr Menschen dahingerafft, keine andere mehr Unheil gesät. Ein Vorgeschmack auf das „Jüngste Gericht“.

Photo0878Gottes Henkersknecht auf Erden war Gevatter Tod. Der „Knochenmann“ hielt reiche Ernte und mähte die Menschen – ungeachtet ihres Stands und ihrer weltlichen Besitztümer – nieder. Wie der Bauersmann im Weizenfeld schwang der „große Schnitter“ die Sense. Er führte eine scharfe Klinge – kein „Sünder“ entkam dem schwarzen Tod. Die Menschen starben wie die Fliegen. In ihren Häusern, auf der Straße, in Siechenhäusern und Spitälern. Und die Leichen der Gestorbenen verpesteten die Luft mit ihren wahrhaft pestilenzialischen Gestank. Ein wahrer Teufelskreis. Ein Alptraum ohne Erwachen. Die Wucht dieses von Gott befohlenen Genozids war so ungeheuerlich, die Erfahrung der Verlassenheit so allumfassend,
dass sich die Spuren des Schwarzen Todes tief ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben. Flurnamen bewahren die Erinnerung an ehedem vor den Stadttoren angelegten „Pestackern“, der Bau zahlloser Wallfahrtskirchen gehen ebenso wie die
Passionsspiele auf die Buß- und Bittrituale, auf fromme Stiftungen und Pestgelübde dieser Zeit zurück.

Photo0869Nach Bayern kam die „große Pest“ in den Jahren 1633 und 1634 – also mitten im Dreißigjährigen Krieg. Sie entvölkerte ganze Landstriche – und machte vor niemanden Halt. Im sogenannten „Pfaffenwinkel“ wurden manche Ortschaften komplett ausradiert. In Wildsteig starben 160, in Böbing 154 und in Oberammergau über 80 Einwohner. Im benachbarten Kohlgrub machte der schwarze Tod förmlich tabula rasa. So heißt es in der Oberammergauer Dorfchronik: „Anno 1633 hat die Pest aller Ort eingerissen, daß man vermeint hat, die Leute gehen alle darauf. Dann in der Pfarr Kollgrub sind die Leuthe dermassen ausgestorben, daß nur 2 Paar Ehefolk anzutreffen gewesen, eines theils aus einen Hauß ist der Mann oder daß Weib gestorben, oder etliche Häußer gar ausgestorben, auch in Eschenlocher Pfarr, in denn Oberland sind erschröckhlich viele Leuthe gestorben.“

Photo0874Im Dorf Böbing, das damals zur Hofmark Rottenbuch und dem dortigen Augustiner-Chorherrenstift gehörte, findet sich auf einer Anhöhe südwestlich des Dorfs – dem sogenannten Rochusbichl – noch heute ein ummauerter Pestfriedhof mit einem Bildstock und Gedenkkreuzen. Der Legende nach pilgerte der Minoritenmönch Rochus von Montpellier 1317 nach Rom. Unterwegs pflegte er Pestkranke und heilte sie auf wundersame Weise durch das Kreuzzeichen. Seitdem gilt der nichtkanonisierte Volksheilige als Schutzpatron der Seuchenkranken. Und wacht getreulich über die Böbinger Opfer der großen Pest.

Dinesh Bauer, Juni 2017