Drenta da Isar: Originell, eigen, uneben

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DineshBauer2_kleinWie entstehen meine Bücher, diese bayerischen Krimis? Sehnsucht nach zu Hause, nach der Heimat, nach einem Fixpunkt im Leben? Wieso erzählt man überhaupt Geschichten? Was treibt einen dazu, sich einen Plot auszudenken, Figuren zu erfinden und übers Schachbrett zu schieben? Um nach Antworten zu graben, habe ich mir eine imaginäre dritte Person ausgedacht, die mir quasi von „drenta da Isar“, also vom anderen Ufer drüben, sieben Fragen stellt…

Wenn schon einen Roman. Warum schreibst du Krimis und keine heiteren Romanzen oder Road Movies?

Bluadige Hennakrepf, was für eine Frage. Um ein paar Zipfelklatscher ins Jenseits zu expedieren, ohne dabei Gefahr zu laufen, selber im Häfen zu landen. Spaß bei Seite. Ich mag eigenwillige, schräge Charaktere, mit starkem, regionalem Bezug. Unikate, die in Schottland, Schweden oder Sizilien völlig fehl am Platz wären, aber bei uns „dahoam“ prima funktionieren. Die Geschichten selber sind ziemlich verzwickt, schon um den kriminalistischen Spürsinn des Lesers zu wecken. Das Setting, hoffe ich zumindest, spricht jeden an, der ein Faible für die abgründigen Seiten Bayerns hat. Der Begriff „Hoamad“ ist ja extrem vielschichtig und hat etwas Unergründliches, Hintergründiges. Wenn zum Beispiel mein Lederhosen-Lenin Joe Greiner in die Rolle des bayerischen Revoluzzers schlüpft, dann hat das zwar etwas Tragikomisches, aber auch Authentisches. Denn es gibt diesen Typus ja „in natura“, wenn auch an versteckten, „hinteren Plätzen“.

DineshBauer_TotaleWie ist das, wenn du ein neues Buch anfängst? Gibt es da bestimmte, immer wiederkehrende Rituale?

Ritual? Na, eher einen Ritualmord. Im aktuellen Krimi „Herrgottswasser“ habe ich eingehend mit den Gedanken gespielt, einen Ritualmord an den Anfang zu stellen, also im Thriller-Stil zu beginnen. Habe den Gedanken aber wieder verworfen – und mich für eine eher klassische Exposition des Themas – ganz „Old School“ entschieden. Am Anfang steht aber immer die eine Frage: Welche Geschichte will ich erzählen – und wieso?

Welcher Charakter ist dir besonders ans Herz gewachsen – als Identifikationsfigur oder auch Projektionsfläche?

Puh, ich hab ja schon vor 20 Jahren begonnen mich mit diesem Genre zu beschäftigen – lange bevor es den Eberhofer-Hype gab. Über den Zeitraum von 20 Jahren sind zahlreiche Figuren aus der Schablone gefallen, Charaktere die mir lieb und vertraut geworden sind. Darunter ein gewisser Schorsch Wammetsberger, ein anarchischer Querulant, notorischer Quertreiber und starrsinniger Sturschädel, der prinzipiell nie nach Vorschrift arbeitet, sondern mit unorthodoxen Methoden ans Werk geht – und seine Vorgesetzten, aber auch die zuständigen Kripo-Beamten konsequent mit Missachtung straft. Nach dem alten Motto: Ein Bayer ist ein Bayer ist ein Bayer. In „Herrgottswasser“ hat er auch eine winzige Nebenrolle bekommen. Die eigentlichen „Helden“ kommen jedoch als Quartett daher, die Vier kennen sich seit ewigen Zeiten und machen zusammen Musik, sind sich ansonsten jedoch in der Sache selten einig, was wiederum reichlich Zündstoff birgt. Denn was wäre ein echter Bayer ohne seine Maß und eine ordentliche Stammtisch-Streiterei? Noch unausstehlicher.

Die_Gartenlaube_(1876)_b_169Was hat dich dazu animiert, deinen kriminellen Neigungen nicht in Feuerland oder am Kongo nachzugehen, sondern „dahoam“, in deiner Heimat zu drastischen Mitteln zu greifen?

Das Bayerische liegt mir im Blut, oder in der DNA – wie man will. Mein Stammbaum reicht bis in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs zurück und meine sämtlichen Vorfahren stammen aus dem Biermuda-Dreieck zwischen Bad Aibling, Wolfratshausen und Bad Tölz. Das hat zwangsläufig Spuren hinterlassen. Ich bin eng mit meiner Heimat verflochten: dazu zählt die Sprache, die gewachsene Kultur, das Brauchtum, das kulinarische Erbe und die echte Volksmusik. Mit den Bauernfünfern, den halbseidenen Haderlumpen und Odel-Outlaws kenn ich mich bestens aus. Man muss wahrlich nicht die gängigen Klischees bedienen, um genügend „Modelliermasse“ zur Hand zu haben: knorrige, knurrige, in sich stimmige Charakterköpfe zu kneten. Natürlich kenn ich auch das weiß-blaue Land wie meine Joppentasche: die schroffen Berge, die dunklen Wälder, die windschiefen Winkel – zwischen Idyll und Ideal gähnt immer irgendwo ein Abgrund.

Nun, dein neues Buch ist fix und fertig. Es liegt druckfrisch vor dir am Bankerl. Beginnst du darin, mit sagen wir mal „breiter Brust“ zu blättern?

Iatzt hast mich aber am falschen Fuß erwischt. Es kommt darauf an, würde ich sagen. Gerade wenn eine Lesung ansteht, schau ich mir die einzelnen Kapitel noch einmal genau an. Welche Szene bildet die Quintessenz der Geschichte am besten ab? Welche Dialoge lassen den ureigenen Charakter der Protagonisten durchscheinen? Es fällt mir nämlich meistens echt schwer, mich für eine bestimmte „Untat“ meines „Bavarian Dream-Teams“ zu entscheiden.

Photo2772Wie sieht es bei dir am Schreibtisch aus? Was ist immer in Griffweite – jetzt mal außer der Maus und der Tastatur?

Ohne ein paar Schmiermittel komme ich nicht aus. Da bekenne ich mich in allen Anklagepunkten schuldig. Im wesentlichen lässt sich da zwischen festen und flüssigen „Betriebsstoffen“ unterscheiden. Jeder, der das Vergnügen hat mich etwas näher zu kennen, weiß dass ich ein Blätterteig- und Sahne-Junkie bin. Ein „Süßer“ halt, wie meine Oma immer gesagt hat. Lieber Preiselbeeren als Presssack. Eine besondere Zuneigung bringe ich dem Strudel entgegen. Apfel-, Topfen-, Marillen-Strudel, mmh. Gerade am Nachmittag, zu einem Kaffee-Kanderl. Wenn’s vorm PC mal später wird, geht schon mal ein Stamperl Apfel- oder Birnbrand, am liebsten von einer Privatbrennerei in Bad Feilnbach. Ein Traum, die wissen wie es geht. Noch etwas – meine Maskottchen dürfen keinesfalls unter den Schreibtisch fallen. Die sind so etwas wie ein Talisman oder besser gesagt Talis-Tierchen für mich. Da wäre erstens der freche Elch Ole aus dem Mittsommerland, dann Yosemite Joe, mein Schwarzbär von der West Coast und Yumba, die Dame des Hauses, die hauptberuflich im Tierpark Hellabrunn logiert und etwas kamerascheu ist. Die schauen mir beim Schreiben auf die Finger.

Photo2771Wo stöberst du am liebsten nach neuem Lesestoff, nach neuen Anregungen?

Da ich vom Fernsehen, vom bewegten Bild komme, liebe ich Geschichten, die sehr szenisch gebaut sind – in sich geschlossene Begegnungen, die sich wie Perlen an einer Schnur, aneinanderreihen. Miniaturen, die wie im Brennglas, die Struktur der Story wiederspiegeln. Und ich bin ein Fan von Serien, einzelne Episoden die durch ähnliche Szenerien und natürlich dieselben Darsteller miteinander verwoben sind. Um das „Richtige“ zu finden, geht nichts über akribische „Feldforschung“, also eine Versuchsgrabung in den Regalen von Buchhandlungen und Büchereien. Da bin ich in meinem haptischen Metier.

Euer „Buch-Macher“ Dinesh Bauer

Lust auf eine meiner Geschichten? Sie finden meine Krimis wie „Bayerisches Roulette“ oder „Herrgottswasser“ im Buchhandel oder bei den Buch-Discountern im Netz. Schmökern Sie mal rein – tät mich gfrein…

 

 

 

Murder Mystery am Königssee

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köseeDas Berchtesgadener Land ist einer der touristischen Hot Spots der bayerischen Alpen. Schon seit weit über 100 Jahren. Die Herrscher aus dem Haus Wittelsbach und der erste Mann des Dritten Reichs wussten das von Gebirgszügen umrahmte arkadische Idyll zu schätzen. Mittendrin im Kalkweiß der Gipfel und dem Grün der Wälder eine königsblaue Perle: der Königssee. An schönen Sommer- oder Herbsttagen tummeln sich hier Abertausende von Ausflüglern und Sommerfrischlern aus aller Welt. Wenn nicht gerade die Angst vor einem hoch ansteckenden Virus die Sonnendecks, Picknickplätze und Brotzeitstüberl leer fegt. Zwischen Berchtesgaden, Ramsau und Sankt Bartholomä ist die große Stille im Auge des Orkans eingekehrt. Wie damals in der dritten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Felsen und Forsten noch nicht von einer Armada von Outdoor-Aktivisten im passenden Fleece- und Softshell-Look überschwemmt waren. Eine Zeit, in der Waidmänner und Wildschützen in Loden und Leder durch die unwirtliche Wildnis pirschten – und es Gams statt Goretex to Go hieß.

regenalm1Die Geschichte um die es hier geht, spielt vor der himmelstrebenden Kulisse der Wände des Watzmanns, hoch droben auf den Alm- und Alpflächen auf der anderen Seeseite. Der Schauplatz des dramatischen Geschehens: die Regen-Alm. Ein abgelegener Platz oberhalb des Obersees. Die auf 1540 Meter Höhe gelegene Hochalm wurde dem Sommer über beweidet, von rund 40 Mutterkühen und Kälbern, aber auch von zwei Pferde und drei Ochsen. Neben dem Kaser, einem im 18. Jahrhundert errichteten, in eine Mulde geduckten Blockbau, ließ König Maximilian II. 1848 eine Hofjagdhütte im rustikalen Alpin-Stil erbauen. Beide Bauten stehen heute unter Denkmalschutz. Die Regen-Alm ist einzig über den steilen Kaunersteg von der Salet-Alm an der Südspitze des Sees oder von Norden her über einen sich endlos durch Fichtenwälder windenden Forstweg über die Gotzental- und Seeau-Alm zu erreichen.

Die_Gartenlaube_(1876)_b_169Auf dem einsamen Vorposten zu Füßen des Hagengebirges wachte im 19. Jahrhundert ein einsamer Jagdgehilfe im „Bürschhäusel“ – eben der Hofjagdhütte – bis weit in den Herbst hinein über die königlichen Forsten und Fluren, über das „edle Jagdwild“, also über Reh, Gams und Hirsch. Die Wach-Schicht dauerte jeweils eine Woche. Dem Wächter zum Trotz trieben sich in der unwegsamen Gegend jedoch immer wieder dunkle Gesellen herum, um sich ein „feines Braterl“ zu schießen.

Der seinerzeit beliebte Reiseschriftsteller Heinrich Noe hat die mysteriöse, ins Dunkel der Geschichte gehüllte Mordtat an den dort diensttuenden Jagdgehilfen Wildbüchler getreulich überliefert: „Eines Tages wurde ein junger Jäger hinaufgeschickt, um seinen Kameraden Klotz abzulösen. Der Klotz verließ die Hütte, bevor die Ablösung kam, weil ihm sein Vorrat an Lebensmitteln ausgegangen war. Zu gleicher Zeit, befanden sich auf der Gotzental- und Seeaualm, an welcher man vorüberkommt, wenn man von Kesselbach emporsteigt, verschiedene Forstleute und Jagdgehilfen, welche beabsichtigten, noch am Abend zur Regenalm hinüberzugehen, dort die Nacht zuzubringen und am Morgen auf die Pirsch zu gehen. Am Abend desselben Tages, auf dem der Wildbüchler auf der Regenalm eingetroffen sein sollte, machten sich diese bei eintretender Dunkelheit auf. Zwei Jagdgehilfen gingen voraus, die anderen folgten in geringer Entfernung.

Das_Ende_des_WildschuetzenAls diese beiden in die Felsgegend des „Regner-Klamml“ kamen, stieß der eine, ein gewisser Scherentanner, mit dem Fuße an einem Gegenstand auf dem Pfade. Da sich dieser weich anfühlte, so griff er in der Dunkelheit, indem er sich niederbeugte, mit der Hand danach, er geriet mit den Fingern in Haare und über ein Gesicht. „Herrgott, da liegt einer!“, rief er. Sofort steckte der andere einige Zündhölzchen an und bei dem Scheine derselben erkannten sie den Wildbüchler. Er lag auf dem Boden dahingestreckt, die Brust zeigte Blutflecken und eine Schusswunde. Der Kopf lag auf einem Steine, daneben Bergstecken und Gewehr, von welchem, wie es sich später zeigte, die beiden Läufe geladen waren. Neben ihm befand sich auch der Rucksack und über dem Gesicht lag zur Hälfte einer jener runden Jägerhüte, denen man wegen ihrer Ähnlichkeit mit einem gleichnamigen Waldschwamm die Bezeichnung „Täublinghut“ gegeben hat. Sofort erklärte der Scherentanner, daß er von dem Leichnam nicht fortgehe, sondern die ganze Nacht bei ihm wachen und so lange bleiben wolle, bis die Herren vom Gericht zur Stelle wären. So geschah es auch. Der andere Jagdgehilfe stieg über die Kaunerwand hinab zum See, um Lärm zu machen, die beiden Förster aber gingen zur Regenalm hinauf.

regenalm2Dort fanden sie im Pirschhäusl die Spuren eines eiligen Aufbruchs. Eine Schüssel stand da, noch halb voll Brennsuppe, und in einiger Entfernung lag der Löffel auf dem Tisch, wie in der Überraschung weggeworfen. Die erste Untersuchung gab folgende Aufklärungen: der herabsteigende Klotz war dem hinaufsteigenden Wildbüchler in der Nähe der Kauneralm begegnet. Später hatte ihn niemand mehr gesehen, wohl aber ein Holzknecht, der im Walde beschäftigt war, ungefähr eine Stunde nach diesem Zusammentreffen dreizehn Schüsse gehört. Seltsamerweise fiel der erste Verdacht auf den einen und anderen Jagdgehilfen selbst. Es mochte sein, daß einer von ihnen Wild veruntreut hatte und sich den Wildbüchler als einen unbequemen Zeugen oder Angeber vom Halse schaffte. Auch der Scherentanner, der die Nacht über bei ihm wachte, geriet in Beargwöhnung. Derselbe hatte nämlich die beiden geladenen Läufe abgeschossen, um, wie er sagte, irgendein Unglück, das bei dem Herumgreifen an dem Gewehre sich ereignen konnte, zu verhüten. Die Argwöhnischen legten es ihm aber so aus, daß es geschehen sei, um den Glauben entstehen zu lassen, als habe der Wildbüchler zuerst geschossen. Der Scherentanner war ein Trinker und hatte seinerzeit viele Zerwürfnisse mit dem Getöten gehabt. Es traten Zeugen auf, welche erhärteten, derselbe habe einmal im berauschten Zustande geäußert, er werde den Wildbüchler erschießen. Aber all dieses Gerede erwies sich als grundlos. Der Scherentanner wieß nach, daß er die ganze Zeit über sich weit von dem Schauplatz der Untat aufgehalten habe und eben sowenig konnte der Argwohn gegenüber den anderen bestehen. Die Leiche des Wildbüchler wurde von vier Holzknechten zum See hinabgetragen.“ Ende des Berichts – Aktenzeichen XY.

Wer also war der Täter? Mister X, einer der Jagdgehilfen, der Holzknecht, der Boazenbruder Scherentanner oder gar Wildbüchlers Kollege Klotz? Wen verdächtigen Sie? Ein echter „Cold Case“ auf jeden Fall. Eine Bluttat, die wenn auch fast vergessen, wohl nie aufgeklärt werden wird.

Dinesh Bauer

Sie mögen spannende Geschichten aus den bayerischen Bergen, mysteriöse Fälle, tiefgründige Rätsel. Dann lesen Sie doch einen meiner Alpen-Krimis wie „Bayerisches Roulette“, „Die Schwarze Jagd“ oder „Herrgottswasser“.

 

Bayern macht Revolution: Von Starnberg nach Schäftlarn

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Autokarawane mit MG und KämpfernEs ist ein immerzu wiederkehrendes Motiv der Geschichte: Der Revolution folgt die rechte Reaktion. Und die Roten ziehen am Ende den schwarzen Peter. Nicht nur in Paris, Berlin oder Wien, sondern auch in Starnberg oder Schäftlarn. Aber der chronologischen Reihe nach: Im November 1918 endet der erste Weltkrieg mit der Niederlage der Achsenmächte. Das Deutsche Kaiserreich kollabiert, Wilhelm II. wird zur Abdankung gezwungen. Der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung führt zu einer Kettenreaktion: die Republik wird ausgerufen – erst in München, kurz darauf in Berlin. Die eigentlichen Herrscher, die reaktionäre Clique um die Generäle Ludendorff und Hindenburg, haben ihren Nachfolgern einen Scherbenhaufen hinterlassen. Der Krieg ist verloren, die wirtschaftliche Lage desaströs, die Menschen hungern, das Chaos perfekt. Die erste revolutionäre Begeisterung ist daher rasch verflogen, die Verfechter der „alten Ordnung“ bekommen wieder Oberwasser. National gesinnte Umstürzler finden sich in paramilitärischen Einheiten, den sogenannten Freikorps zusammen und schmieden unverhohlen Putschpläne. Die SPD-Regierung paktiert mit der Reichswehr-Führung und lässt den rechten Truppenverbänden freie Hand.

Um die „Volksherrschaft“ zu retten, läuten daher im April 1919 anarchistische, spartakistische und orthodox-kommunistische Gruppen die zweite Phase der Revolution ein – in München entsteht nach Sowjet-Muster die zweite Räterepublik.

Kämpfer in Bayern mit MGDie Ereignisse in München befeuern die revolutionären Aktivitäten im Oberland, An vielen Orten wird eine Räterepublik proklamiert, so in Freising oder vor allem in Rosenheim. Am 7. April wird auch ein gewisser Karl Schleussinger, ein angehender Beamter, aktiv. Zusammen mit rund 30 Mitstreitern gründet er in Starnberg einen revolutionären Arbeiterrat. Paradoxerweise findet die Zusammenkunft im Hotel „Deutscher Kaiser“ statt. Auf Anordnung der Starnberger Räte werden zur Feier des Tages die Kirchenglocken geläutet. So ganz klar, scheint den Möchtegern-Revolutionären am Starnberger See der Ernst der Lage nicht gewesen zu sein. So beschließt die neue „Regierung“ die Kaiser-Wilhelm-Straße in Kurt-Eisner-Straße umzubenennen und ordnet restriktive Maßnahmen in den gastronomischen Betrieben an, so wird der Ausschank von Milchkaffee verboten. Die teils widersinnigen Erlasse, sorgen dafür, dass der „Rat“ bei den meisten Einwohnern bald in Misskredit gerät. Der Starnberger Revolutionsrat kann sich nur an der Macht halten, weil er im Windschatten der Münchner Räterepublik segelt.

Während reguläre Reichswehr-Einheiten und Freikorps-Truppen von Westen und Norden anrücken, um den Spuk zu beenden und Bayern „zu säubern“, lassen auch die Münchner Revolutionäre die Muskeln spielen. Unter Führung von Hans Kain, Sekretär der bayerischen KPD, besetzt ein von Wolfratshausen heran marschierendes Kommando am 17. April strategisch wichtige Punkte. Die „Münchner Matrosen“, wie die Rotgardisten genannt werden, quartieren sich im „Bayerischen Hof“ ein und richten ein Maschinengewehr auf den Starnberger Bahnhof. Nur für den Fall der Fälle. Anstatt entschlossene Maßnahmen gegen den bevorstehenden Angriff der „Regierungstruppen“ zu ergreifen, erschöpft sich ihr revolutionärer Elan weitgehend darin, die Namen von Königen und Kaisern aus dem Straßenbild zu tilgen und die Weinvorräte und Obstkonserven der Gutsbesitzer in der Umgebung der Stadt zu requirieren, wobei man die „leeren Einmachgläser selbstverständlich den Eigentümern zurückgab.“ Das alles erinnert eher an eine Provinz-Posse denn an ein Revolutions-Drama.

249px-Artikel_44592_bilder_value_1_rote-armee3Einer erkennt immerhin das Gebot der Stunde: Rudolf Eglhofer, ehemaliger
Matrose und charismatischer Anführer der neu gegründeten Roten Armee, die sich hauptsächlich aus Arbeitern und abgemusterten Soldaten rekrutiert. Ab dem 20. April lässt er rings um München provisorische Verteidigungsstellungen anlegen: so in Pöcking, Berg oder Schäftlarn. Am 28. April kommt es in Tutzing zu ersten Scharmützeln. Tags darauf besetzen die „weißen“ Truppen Starnberg. Über die Zahl der Toten herrscht Unklarheit: Um die 30 „Spartakisten“ starben in Starnberg – einige fielen im Kampf, die meisten aber wurden standrechtlich erschossen und in einem Massengrab verscharrt, Wo sich dieses befindet, ist bis heute unbekannt.

Bundesarchiv_Bild_146-2004-0048,_Revolution_in_Bayern,_GefangenerKnapp zehn Kilometer entfernt, in Hohenschäftlarn, wurde mit den neun am 30. April gefangenen Spartakisten gleichfalls kurzer Prozess gemacht. Nach dem „Urteilsspruch“ werden die Männer vom Gendarmerieposten zu einer Kiesgrube eskortiert und dort füsiliert. Ihre sterblichen Überreste werden oben am Zeller Friedhof – nahe dem Durchgang zum Marxnhof – in eine hastig ausgehobene Grube geworfen. Dem standesamtlichen Register ist zu entnehmen, dass die Toten samt und sonders junge Männer aus München wahren, Bäcker, Kutscher, Arbeiter, die meisten davon ledig. Als Grund für die Exekution der „roten Aufständler“ wird folgendes vermerkt: Widerstand gegen Regierungstruppen mit der Waffe. Doch hören wir erst das Vorspiel: Am 22. April wird auch in Kloster Schäftlarn Revolution gemacht. Ein Trupp Bewaffneter springt von den Lastwagen, baut bei der Klosterwirtschaft ein Maschinengewehr auf und richtet die Mündung drohend auf die Pforte der Abtei. Die Spartakisten vermuten, dass sich in den Gebäuden des Klosters ein Waffenversteck befindet – und verlangen Abt Sigisbert I. Liebert zu sprechen. Bei den „Besatzern“ handelt es sich um eine Gruppe von 20 bis 30 Spartakisten. Die Eindringlinge gehen penibel zu Werk: „Sie suchten im Bett und unterhalb desselben, in Nachtkästchen und Schubladen“, notiert Pater Augustin Ulrich in sein Tagebuch. Nachdem Sie jedoch trotz intensiver Suche – außer einem alten Gewehr, einem Säbel und einer Spielzeugpistole – keine Waffen finden, ziehen sie unverrichteter Dinge, aber mit einem Laib Brot aus der Klosterbäckerei versorgt, wieder ab. Doch schon am Abend des 26. April fahren erneut zwei Lastwagen vor – „beladen mit 50 Kommunisten, angeführt von einem Maurerlehrling aus Straßlach“.

Photo2696Ein Großteil der Spartakisten bezieht in den Nachbardörfern Stellung, elf Volksverteidiger quartierten sich im Kloster selbst ein und ließen es sich, wie es in der Chronik heißt, „bei Brotzeit und Bier“ wohl sein. Doch in der Nacht des 29. April findet das Idyll ein abruptes Ende. Die ersten Soldaten rücken heran, um das Kloster zu räumen. Der Führer des Trupps läutet an der Pforte und erkundigt sich nach dem Verbleib der Aufrührer. Bei der anschließenden Schießerei kommt der forsche Unteroffizier ums Leben. Sein Name: Friedrich Münchinger, 20 Jahre aus Kirchheim, von Beruf Landwirt. Das Grab des württembergischen Unteroffiziers liegt gleich neben dem Eingang zur Klosterkirche – und wird bis heute von den Klosterbrüdern gepflegt. Die anderen „Weißgardisten“ ziehen sich eilends zurück, um Verstärkung zu holen. Angesichts der Übermacht, zeigen sich die Spartakisten nun verhandlungsbereit. Doch „plötzlich schlagen Geschosse eines Maschinengewehrs ein, einige Handgranaten explodieren im Vorraum der Pforte.“ Die elf „Roten“ kapitulieren, werden verhaftet und abgeführt. Die Nacht verbringen sie auf der Gendarmeriestation – die heutige Adresse: Unterdorf 17. Im „Tagebuch der Expositur Hohenschäftlarn“ heißt es lakonisch: „Am anderen Tag ist seitens der Offiziere ein Feldgericht gebildet worden.“ Von den elf Gefangenen wurden zwei freigesprochen. Denn, so der Bericht „ihre Schuld konnte nicht erwiesen werden.“ Das Urteil wurde umgehend in einer nahe gelegenen Kiesgrube vollstreckt – von „einem Exkursionskommando unterm Befehl eines Leutnants“. Schon wenige Tage später, am 3. Mai, ist die Münchner Räterepublik endgültig Geschichte.

Dinesh Bauer

P.S: Interessiert? Von mir sind mehrere Bayern-Krimis vor regionalem, historischen Hintergrund erschienen. Sie finden mich in der Buchhandlung ums Eck oder in den Online-Shops.

Ein Steckbrief – Bayern im Blut

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Photo2351Servus, beinand! Geboren wurde ich in der Flößerstadt Wolfratshausen im schönen Isartal. Aufgewachsen in Nantwein, ein echter Glasscherbenviertler. Kleinhäusler und Gütler nannte man dieses soziokulturelle Milieu früher euphemistisch. Weniger feinfühlige Gemüter sprachen ganz offen von Grattlern und Gschmoaß. Mit denen ein honoriger Bürger nichts zu schaffen haben wollte. So war sie die gute, alte Zeit. Die man heute gern durch die rosarote Brille betrachtet. Bayern war immer schon anders, als es uns die idyllischen Szenarien der Postkartenromantik weismachen wollen. Die bayrische Wesensart in Wahrheit vielgestaltig und in sich widersprüchlich. Schwermütig und hintersinnig, aufbrausend und streitsüchtig, grad heraus und hinten rum, leger und ordinär, prahlerisch und großmütig, feinsinnig, derb und ruppig, extrovertiert und in sich gekehrt. Ein Chamäleon, dass seine Farbe oft und gerne wechselt.

Photo1965Das Boarische liegt mir – schon genetisch veranlagt – im Blut. Meine Ahnengalerie führt schnurstracks ins Biermuda-Dreieck zwischen Aibling, Wolfratshausen und Tölz. Ich bin ein waschechter „native speaker“, beherrsche mittlerweile aber auch leidlich das Hochdeutsche. Was beim Bücher schreiben und „bloggen“ durchaus von Vorteil ist. Bei einer Lesung geht ohne O-Ton Süd gar nix. Die Welt ist schließlich ein Theater – und wir stehen auf der Bühne. Ob hinter dem Vorhang oder im Scheinwerferlicht, die Rollen wechseln. Dahoam is Dahoam. Ist das so? Heimat ist für mich mehr als ein abgedroschener, ausgelutschter Begriff: er steht für Identität, Kontinuität und vieles mehr. Zur Heimat gehört unbestreitbar das bayrische Mundwerk, die ureigene Lebensart, das Leben und leben lassen, das unverwechselbare Brauchtum und eine gute Portion Patriotismus – und Stolz. Mia san mia. Wer seine Wurzeln kennt, erkennt sich selbst.

Photo1721Was haben meine Leser zu erwarten? Gspaßige, hinterkünftige und durchaus anspruchsvolle Unterhaltung. In die ausgenackelte Schublade „Alpen-Krimi“ passen meine Geschichten nur bedingt. Wer seichte, leicht verdauliche Krimi-Kost mit schabloniertem Postkarten-Flair sucht, wird enttäuscht werden. Die Haupt- und Nebenrollen sind mit liebenswerten Landpomeranzen und skurrilen, kauzigen Eigenbrötlern besetzt. „Helden“, die keine sind, aber ihr Bestes geben, um am Boden und Mensch zu bleiben. Selbst wenn es in der heutigen Welt vor „gspinnerten“ Idioten jeder Couleur nur so wimmelt. Die Handlung beschreibt keine eindimensionale Einbahnstraße, sondern verwickelt sich – dafür sorgen schon meine Protagonisten – zu einer verzwickten Angelegenheit. Fälle, die nicht so leicht zu lösen, weil facettenreich und vielschichtig schattiert sind.

DineshBauer_Portrait2Freuen Sie sich auf unorthodoxe Krimi-Abenteuer unterm weiß-blauen Himmel. Schauen Sie doch mal in der Buchhandlung am Eck oder in einem Online-Shop im World Wide Web vorbei, vielleicht ist was für Sie dabei.

Euer Hans-Peter Dinesh Bauer

Pfiadi God, mein Bayernland! Die Otto-Kapelle

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otto2Es ist der 7. Dezember 1832, früh am Morgen. Eine Staatskarosse rumpelt von Kiefersfelden kommend am Inn entlang. An Bord befindet sich der erwählte König der Hellenen, Prinz Otto von Bayern. Er döst vor sich hin – und schläft schließlich ein. Der zweite Sohn König Ludwigs I. erwacht erst als die Kutsche Station in Kufstein macht. Der junge, 17-Jährige Prinz ist außer sich, dass er sich nicht gebührend von seiner bayrischen Heimat verabschiedet hat und lässt das Gefährt wenden. An der Grenze angekommen, befiehlt er dem Kutscher zu halten. Von patriotischen Gefühlen übermannt, bricht Otto in bittere Tränen aus. Weiß er doch, dass er Bayern, sein geliebtes Heimatland, so schnell nicht wiedersehen wird. Ein tränenreicher Abschied, der nicht so schnell vergessen ward.

ottoGenau an jener Stelle, an der Otto – in Begleitung seines älteren Bruders Maximilian – die Grenze überschritt, wird am Fuß des Thierbergs eine Kapelle erbaut. Finanziert wird das Ganze aus Spenden und Geschenken, die aus dem gesamten Königreich eingehen. Am 1. Juni 1834 – dem 19. Geburtstag Ottos – wird im Rahmen einer Feierstunde der Grundstein gelegt. Am 19. Juni 1836 ist es soweit: die Kapelle wird von Erzbischof Anselm von Gebsattel in Anwesenheit Ottos, inzwischen König von Griechenland und Erbprinz Maximilians geweiht. Sein Vater König Ludwig hatte das Projekt vorangetrieben und aus verschiedenen architektonischen Entwürfen, den neugotischen des königlichen Bauinspektors Joseph Ohlmüller ausgewählt. Ein kleines Juwel, das unbeachtet vom tagein, tagaus vorbeirauschenden Transitverkehr, in eine Art Dornröschenschlaf verfallen ist.

otto3Das Fundament der eigentlichen, aus Sandstein gemauerten Saalkirche bildet eine oberirdische Krypta. Der Zugang erfolgt über eine repräsentative Freitreppe. Der neugotische Bau zählt drei Joche. Am Ende der klassizistischen Epoche errichtet, ist die Gedenkkapelle eines der ersten Zeugnisse neugotischer Baukunst in Bayern. Das Innere der Kirche ist von „mittelalterlicher“ Strenge und Schlichtheit. Das Triptychon am Altar ist Programm. Der heilige Otto soll zusammen mit Ludwig dem Heiligen und Theresa von Avila, den Namenspatronen von Vater und Mutter, den jungen König Otto vor drohendem Unbill schützen – und göttlichen Segen für seine Regentschaft in Griechenland erflehen.

otto5Am 2. Juni 2013 wurde die Otto-Kapelle in Folge eines Hangrutsches und umstürzender Bäume erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Doch der Heilige Otto half. Das Staatliche Bauamt Rosenheim investierte 100.000 Euro in die Sanierung des baufälligen Gebäudes. Grundlage für die durchgeführten Restaurisierungsarbeiten waren die Baupläne von 1834 und Tuschezeichnungen des königlichen Landbauamts Weilheim aus dem Jahr 1886. Eine besondere Herausforderung stellte die originalgetreue Rekonstruktion der Kreuzblume auf der Turmspitze dar. Ein Team ortsansässiger Steinmetzen fertigte schließlich eine Replik aus farblich passendem Sandstein.

Dinesh Bauer

Ein Kampf um Tirol – die Lienzer Klause

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Photo2547Eng wird es hier, ganz eng, das Pustertal. An der Lienzer Klause schnürt sich das von Ost nach West verlaufende, von der Drau durchflossene Gebirgstal, immer weiter ein. Zur Wespentaille. Zu beiden Seiten steile, unwegsame Berghänge. Der ideale Ort für einen Hinterhalt oder einen Sperrwall – die Lienzer Klause.

Photo2551Zur Begriffserklärung. Unter einer Klause versteht man entweder die Behausung eines Eremiten oder eine Verteidigungsanlage an einem Engpass. Das Wort leitet sich vom lateinischen Verbum Claudere, sprich schließen, ab. Die Römer waren zwar auch schon im Pustertal unterwegs, ja Sie errichteten unweit von Lienz das Municipium Claudium Aguntum. Eine waschechte, antike Römerstadt mit allem was dazu gehört. Die Anfänge der Klause datieren dagegen erst ins Hochmittelalter. Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Klaus Mitte des 13. Jahrhunderts. Die Sperrfeste sollte die Besitzungen des Bistums Brixen in Anras und anderen Ort des Hochpustertals vor Übergriffen der Görzer Grafen schützen. Wie es so geht, geriet die Befestigung bald darauf in die Hände eben jenes, einstmals mächtigen Adelsgeschlechts.

Photo25601500 erbten die Habsburger die Herrschaftsrechte der Görzer Grafen und bauten die Fortifikationsanlage Ende des 17. Jahrhunderts – in der Zeit der Türkenkriege – zu einem gewaltigen Bollwerk aus. Die Baumeister Christoph und Elias Gumpp erweiterten die in die Jahre gekommene Burganlage in den Jahren 1664 und 1665 nach den neuesten Erkenntnissen des barocken Festungsbaus, mit sternförmig ausgreifenden Schanzen und Bastionen.

Die Lienzer Klause war bereits seit dem 14. Jahrhundert Sitz eines Gerichtes, diesen Schluss lassen historische Dokumente zu, so bekundet ein Weistum aus dem Jahr 1599: „Die Untertanen des Gerichts müssen in der Zeit der Not, so ein Geschrei von Ungläubigen oder sonsten von Feinden auskommt, ihr Weib und Kind, Hab und Gut verlassen und also der Klausen zur Rettung und Beschützung bereit sein.“ Dafür waren die streitbaren „Klausner“ vom Marktzwang der Stadt Lienz befreit und durften ihre Waren überall in der Grafschaft Tirol feil bieten. Nachdem die „Türkengefahr“ gebannt war, verlor die Festung ihre strategische Bedeutung und wurde nach dem Bau einer neuen Straße unten im Tal, im Jahr 1782 aufgelassen.

Photo2550Die große Stunde der Klause sollte allerdings noch schlagen. Und zwar anno 1809. Ein kleines, aber beherztes Aufgebot Tiroler Schützen bot den zahlenmäßig weit überlegenen feindlichen Truppen Paroli. Eine von Kärnten heran marschierende Infanterie-Division sollte übers Pustertal ins Kernland der Aufständischen vordringen und die Front von hinten aufrollen. Doch das Vorhaben scheiterte. Ein Gedenkstein erinnert an den erbitterten Widerstand der Besatzung: „Am 8. August 1809 wurde die Lienzer Klause von den Tirolern unter den Schützenkommandanten Anton Steger, Georg Hauger, Adam Weber, Josef Achamer und Markus Hibler heldenmutig gegen eine zwanzigfache Übermacht von Franzosen und Italienern verteidigt und der französische General Rusca, der gerade 10 Dörfer um Lienz niederbrennen ließ, zum Abzug von Lienz dadurch gezwungen.“

Photo2564Unter den Dörfern, die ein Raub der Flammen wurden, zählte auch Leisach. Die
Schlüsselszene des Gefechts stellte Albin Egger-Lienz in den Mittelpunkt seines Gemäldes „Das Kreuz“. Georg Hauger, ein Student der unter die Fahnen des Landsturms geeilt war, hält ein Feldkreuz in die Höhe. Im Zeichen des Kreuzes sammelt er die zurückweichenden Mannen, um sich erneut ins Schlachtgetümmel zu stürzen. 1823 gehörte Hauger im übrigen zu den Kaiserjägeroffizieren, die die Gebeine Andreas Hofers von Mantua nach Tirol überführten. Der unerschrockene Freiheitskämpfer wurde neben Hofer, Haspinger und Speckbacher in der Innsbrucker Hofkirche beerdigt.

Photo2556Heutigen Besuchern bietet die Lienzer Klause noch immer ein imposantes Bild der einstigen Noblesse und Wehrhaftigkeit, auch wenn die Gebäude verfallen, das Mauerwerk vom Zahn der Zeit zernagt und die Bausubstanz nicht im allerbesten Zustand ist. Um dem weiteren Verfall der Wehranlage Einhalt zu gebieten, wurde 2011 ein Verein zur Erhaltung, Pflege, Instandsetzung und Erforschung der Lienzer Klause gegründet. Weshalb könnte man da fragen? Es sind doch nur Steine, alt und brüchig. Für mich stehen die alten Gemäuer sinnbildlich für den Kampf um die Bewahrung der Heimat, der eigenen Freiheit vor dem Zugriff fremder Mächte, egal unter welchem Banner diese daher kommen. Das gilt heute wie vor 200 Jahren.

Dinesh Bauer

Ausgehöhlt – die Felsenburg im Inntal

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Ende Juni – 32 Grad im Schatten. In der Sonne sind es gefühlt 40 Grad, unerträglich, wenn es über freie Flächen bergauf geht. Doch der Weg hinauf zur Luegsteinwand windet sich durch schattenspendenden Bergwald. Der Aufstieg ist zwar südseitig, aber jetzt am späten Abend liegt die nach Westen hin abgeschirmte Wand im Schlagschatten. Unten am Luegsteinsee sind barfüßige Bikini- Nixen und Bade-Latschenbeppis unterwegs. Hier heroben geht ohne solides Schuhwerk nix. Der Wanderpfad hinauf zum Grafenloch in der Luegsteinwand ist weder besonders schwierig, noch sonderlich steil. Doch das letzte Stück hat es in sich.

Ein schmaler, mit einem Drahtseil versicherter Felssteig hangelt sich die Wand entlang, auch kein Problem, aber alpines Gelände wie es so schön heißt. Schwindelfrei und trittsicher sollte man lieber sein. Prada-Pantinen sind hier nicht unbedingt das adäquate Schuhwerk. Mit einer rutschfesten, griffigen Vibram-Sohle ist man klar im Vorteil. Die letzten fünf Höhenmeter überwindet eine Trittleiter. Am oberen Felsabsatz sieht man noch deutlich die Mauerreste eines mittelalterlichen Torbogens. Auch früher erfolgte der Zugang über
eine Holzleiter, die man jederzeit hochziehen konnte. So war die Felsenfeste fast uneinnehmbar.

Gleichzeitig öffnet sich der Blick in eine weite Höhle. Es sieht aus als ob ein hungriger Zyklop ein Stück aus der Wand gelöffelt hat. Die Decke ist von Rissen zerfurcht und hängt gut drei Meter über. In den lehmigen, zum Inneren der Höhle sanft ansteigenden Boden hat sich ein Rinnsal gekerbt. Die
Aussicht, der sich nach Süden hin öffnenden Höhle ist einfach nur eines: grandios, gigantisch. Die wild gezackten Felsenkämme des – Nomen est Omen – Wilden Kaisers erscheinen zum greifen nah, im Abendlicht scheint jede einzelne Rippe, jede Spalte wie von der kundigen Hand eines Steinmetzes
modelliert. Früher nannte man den Berg nicht von ungefähr Luegstein. Was nichts mit Lug und Trug zu tun hat, sondern sich wie der Pass Lueg im Salzburgischen vom mittelhochdeutschen Verbum „luegen“, also Ausschau halten, sich umschauen, herleitet.

Schauen wir uns also etwas um und lugen ums Eck – was man sieht lässt Höhlenforscher und Burgenkundler euphorisch werden. Hie und da sind noch einige Mauerreste, wie Teile der gut ein Meter dicken Mantelmauer, zu erkennen. Eindeutige, archäologische Belege, dass die strategisch günstig
gelegene Höhle in eine befestigte Anlage verwandelt wurde. Heute ist man sich weitgehend einig, dass es sich um eine hochmittelalterliche Höhlenburg handelt. Und die sind in Bayern extrem selten. Die Anlage erinnert ein Stück weit an das Castel San Gottardo. Eine nur auf verwucherten Pfaden zu
erklimmende, in einen Felsspalt geklemmte Höhlenburg im Trentino, oberhalb von Mezzocorona.

Grabungen gab es im Grafenloch bislang nur wenige, die Resultate waren mager. Ein paar Keramikfunde, rostige Resterl et cetera. Die letzte Ausgrabung fand 2008 statt. Diese brachte immerhin die Erkenntnis, dass es sich bei dem Bauwerk wohl um die Vorgängerin der Auerburg unten im Tal handelt. Die Burgherren waren vermutlich Vasallen oder Ministerialen des zur Stauferzeit bedeutsamen Grafengeschlechts der Falkensteiner. Die Höhlenfeste wurde wohl um 1100 herum errichtet und 150 Jahre später, also 1250, von ihren Bewohnern verlassen. Vermutlich war es Ihnen hier oben, vor allem im Winter, dann doch auf Dauer zu zugig und unwohnlich.

Bislang deutet nichts darauf hin, dass die Höhle schon in prähistorischer Zeit bewohnt war, nach Neandertalern und anderen Steinzeitmenschen wird man also vergeblich Ausschau halten. Was es allerdings gibt, ist eine alte Sage. Ein blaublütiger Tunichtgut war auf das elterliche Erbe scharf. Kurzerhand meuchelte er Vater und Mutter – mit eigener, ruchloser Hand. Dem durch diese Bluttat an die Macht gekommenen Grafen weissagte eine Zigeunerin, dass diese Freveltat nicht ungesühnt bleiben und ihn der Blitz treffen werde.

 

Wie prophezeit schlug kurz darauf ein Blitz in den Burgturm ein – und der Übeltäter bekam es mit der angst. Er residierte fortan in der Höhle, dem „Grafenloch“, dort wähnte er sich vor dem himmlischen Strafgericht sicher. Es kam wie es kommen musste, eines Tages zog wie aus heiterem Himmel ein Gewitter auf. Verzweifelt suchte der Bösewicht sich in Sicherheit zu bringen, doch noch auf der Leiter ereilte ihn sein Schicksal und – Potz, Blitz und Donner – verbrutzelte der Unhold wie eine Bratwurst am Grill.

Dinesh Bauer

P.S: Lust auf mehr? Meine bayerischen Alpen-Krimis finden Sie in der Buchhandlung ums Eck oder in allen Online-Shops von Amazon bis Thalia. Würde mich freuen, wenn Sie etwas von mir lesen.

Dahoam is Dahoam – do wo der Wolf haust

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Heimat, deine Ferne. Na, weit weg ist die Heimat nicht. Von München aus, über die A 95 Richtung Garmisch-Partenkirchen. 15 Minuten bis zur Ausfahrt Wolfratshausen. Zur Baustellen-Zeit dauert es etwas länger. Unterwegs sieht man schon eine Reklametafel mit der Silhouette eines Flößers am Ruder seiner Isar-Galeere: Wolfratshausen – die Flösserstadt.  Bei Kilometer 26,5 heißt es dann Blinker setzen und runter von der bayrischen Strada del Sole. Dann geradewegs den breiten Autobahnzubringer bergab. Nach einem Kilometer hat man plötzlich freie Sicht. Nach Süden über dem Zwiebelhäubchen der Geltinger Kirche wölbt sich weithin sichtbar der Buckel der Benediktenwand. Und auch sonst: Beeindruckende Bergkulisse. Keine Frage. Linkerhand bietet das Panorama weit weniger: der auf der grünen Wiese angerührte Betonbrei eines Gewerbeparks, dahinter eine weitere, unter die Haube gekommene Turmspitze: die Wolfratshauser Pfarrkirche. Sankt Andreas der Patron. Aber es gibt eine Alternativstrecke, die der Michelin-Routenplaner konsequent ignoriert. Ein Weg, der schnurstracks nach Süden führt, geradewegs auf die Berge zu. Die B 11, wie auch die S7 folgen der Trasse der früheren Poststraße, die wiederum folgsam dem Verlauf des luftig geschwungenen Hügelkamms rechts der Isar folgt. Straße und Schiene schlängeln sich durch Baierbrunn, Hohenschäftlarn und Icking, bevor es bei Dorfen steil bergab hinunter ins Tal nach Wolfratshausen geht: die letzte Wegstrecke, der unfallträchtige „Gasteig“ war bei den Fuhrleuten einst gefürchtet. Einer meiner Vorfahren, einer der Gebhardts aus Weidach, kam an jenem Gasteig, umgangssprachlich auch „Himmelsleiter“ genannt, unter die Räder seines Fuhrwerks. Von München nach Wolfratshausen – das bedeute im Zeitalter der Kutschen und Gespanne eine Tagesreise. Heute ist man in einer halben Stunde am Ziel. Auch die erste Etappe des Fernwanderwegs München-Venedig endet hier. Auf den ersten Blick hat die „Flößerstadt“ wenig zu bieten. Eine Kleinstadt mit zu vielen Autos, zu viel Verkehr: man befindet sich im südlichen Speckgürtel Münchens, was wiederum bedeutet, dass es an Werktagen eng, an Sonn- und Feiertagen öde ist. Die Marktstraße, das ehemalige „Zentrum“ ist eigentlich recht ansehnlich. Doch als Flaniermeile wiederum zu unspektakulär, zu zerzaust. Eine richtige, „malerische“ Marktstraße mit bayrischem Charme und pittoreskem Charakter findet sich schließlich schon in Bad Tölz, der ungeliebten Kreisstadt. Immerhin: Zur Verköstigung und Übernachtung in- und ausländischer Gäste ist die „sympathische Stadt im Isar-Loisach Land“ leidlich gerüstet. Ein Gästebett benötige ich nicht. Schließlich bin ich hier  „dahoam“.

Nach dem Krieg – dem Zweiten – haben meine Großeltern zu Schaufel und Maurerkelle gegriffen und mit Bruchsteinen, Isarkieseln, Ziegeln – und viel Mörtel ein Häuschen hochgemauert. Und das steht heut noch. Dafür war weder ein Architekt, noch ein geprüfter und amtlich besiegelter Bauplan von Nöten. Nachkriegszeit – Trümmerzeit. Unter Anleitung eines befreundeten Poliers wurden die Außenmauern aus Bruch- und Kieselsteinen eingeschalt, ausbetoniert und grob verputzt. Ein hölzerner, mit roten Ziegelplatten gedeckter Dachstuhl oben darauf und fertig war der „soziale Wohnungsbau“ der Nachkriegszeit. Das zugehörige Grundstück wurde natürlich wie im kleinbäuerlichen Umfeld üblich intensiv zur Eigenversorgung genutzt: ein großer Gemüsegarten, Johannisbeersträucher, Apfel- und Birnbäume. Dazu die Holzlege mit Sägen, Hacken und jede Menge Brennholz, dazu das Waschhaus mit gusseiserner Badewanne und einem gewaltigen Kochkessel, in dem nicht nur dreckige Wäsche gewaschen, sondern auch Marmeladengläser und Saftflaschen abgekocht wurden. Wie gesagt der Grund war billig. Der kiesige, unfruchtbare Schotterboden – das Haus steht mitten im alten Überschwemmungsbett der Isar – war in früheren Zeiten wenig oder besser gar nichts wert. Was sollte ein von den fetten, lehmigen Ackerböden der Umgebung verwöhnter Bauer auch mit diesem „Steingrund“ anfangen? Heute hat sich das geändert und ein Häuschen mit Garten, direkt am Rande der Isarauen gelegen, erscheint vielen Städtern als Inbegriff des Idylls, des grünen Paradieses. So ändern sich eben die Zeiten.

Ich bin kein Berliner, ich bin Wolfratshauser. Und das schon seit über 50 Jahren. Daran wird sich auch nichts mehr ändern. Das Licht der Welt erblickte ich im Kreißsaal des alten Kreiskrankenhauses. Bis vor wenigen Jahren befand sich dort die örtliche Dependance der Kfz-Zulassungsstelle. Mehr noch – ich bin ein echter Ureinwohner, der das „Wolfsblut“ mit der Muttermilch eingesogen hat. Seit vier, fünf oder mehr Generationen finden sich unter meinen Vorfahren gebürtige Wolfratshauser. Namen wie Bauer, Gebhardt, Westermaier, Gerbl oder Friedl. Mein Vater, meine Mutter – geboren in Wolfratshausen. Die beiden Großmütter, dazu einige Onkel, Tanten, Cousinen, Vettern – allesamt Wolfratshauser Kindl. Eine Familie mit starker Bodenhaftung, ausgeprägter Standorttreue. In meiner Ahnenreihe finden sich denn auch keine Weltreisenden, keine Künstler, keine Adeligen, keine Patrizier, keine Fabrikanten, nicht einmal Vaganten oder Schausteller. Dafür viele kleine Männer und Frauen: Forstarbeiter, Millimaiden, Schneiderinnen, Brauknechte. Immerhin – im stockfleckigen Familienalbum steht sogar ein Bahnhofsvorsteher in königlich-bayerischer Galauniform vor der Kamera stramm, in dem vergeblichen Bemühen auf dem Lichtbild eine ordentliche, ja königliche Figur abzugeben. Kurz und gut, von Geburt her bin ich alles andere als ein Kosmopolit, ein Paneuropäer, ein Weltbürger. Eher das krasse Gegenteil. In genetischer Hinsicht bin und bleibe ich ein Bauernschädel, ein Keltenkopf, ein Furchenflegel. Und ich bin stolz darauf. Denn: mia san mia! Waschechte Alpen-Aborigines, urige Alm-Apachen. Isar-Indianer eben.

Lassen wir Ursippe und Ursuppe köcheln und kehren derweil zum geographisch zu verortenden Begriff der Heimat zurück. Dabei bedarf es einer nostalgiefreien Betrachtungsweise samt GPS-tauglichen Koordinatensystems: Wolfratshausen liegt 30 Kilometer südlich von München, knapp unterhalb des 48.Breitengrads und ziemlich exakt in der Mitte zwischen 11. und 12. östlichen Längengrad. Ein idyllisches Landstädtchen mit – laut Wikipedia-Eintrag 18.666 Einwohnern auf einer Fläche von 9,13 km². Was einer Bevölkerungsdichte von 2044 Einwohnern je km² entspricht. Nur zum Vergleich: im asiatischen Stadtstaat Singapur beträgt die Einwohnerdichte knapp 8000, in Kanada dagegen gerade mal 4 Einwohner je km². Die Eisbären nicht mitgerechnet. Tendenz: weiter steigend. Wenn man den Statistiken traut, liegt der Lebensstandard der ansässigen Bevölkerung über dem Mittel, ja im örtlichen Mietspiegel ist von „überdurchschnittlichen Wachstumschancen auf dem Immobilienmarkt“ die Rede. Als „Aborigine“ betrachtet man die „Wachstumschancen“ seiner Heimat natürlich mit zwiespältig, gemischten Gefühlen. Gilt doch die alte Faustregel: je beliebter, je gefragter eine Gegend, desto teurer wird der Spaß. Desto mehr „geldige Preußenschädel“ fallen einem Heuschreckenschwarm gleich ein, um di schönsten Fleckerl kahl zu fressen. Mit der Ruhe, der Gemütlichkeit ist es jedenfalls längst vorbei. Denn die „Perle des Isar-Loisachtals“ bietet hier und heute – glaubt man den locker, flockigen Sprüchen von Werbeprospekten und Web-Sites „ideale Entwicklungsmöglichkeiten für Leben und Logistik“. In der Praxis bedeutet „Leben und Logistik“ nichts anderes als XXX Lutz, Mc Donalds, Dehner, BayWA, Aldi, REWE, Netto & Co. In Wolfratshausen gibt es alles was das Konsumentenherz begehrt. Ein Einkaufsparadies für die „mobile Familie“. Eines gibt es jedoch nicht: ein Konzept für diese Mobilität. Die Stadt platzt zu den Stoßzeiten aus allen Nähten. Denn um Wolfratshausen kommt man nur schwer herum. Alle Wege führen quasi nach „WOR“ statt nach Rom! Die vierspurige B 11 von Geretsried, der Zubringer zur A 95 nach München, die Querverbindung von der A8 nach Salzburg – alles mündet im Nadelöhr zwischen Isar und Loisach. Seit Jahren herrscht das planerische Chaos, wenn es darum geht mögliche Trassen einer Umgehungsstraße festzuzurren, geschweige denn Nägel mit Köpfen zu machen. Unter Bürokraten gilt schließlich der Leitsatz: Planen und Projektieren – ergo sum. Wie heißt es indes so schön: kein Schaden, wo kein Nutzen! So wird wenigstens auf absehbare Zeit ein Stück Natur vor der Betonierung, der Versiegelung verschont! Ein schwacher Trost: geht doch andernorts der Raubbau unvermindert weiter. Dort eine Lagerhalle, da eine Gewerbezone, hier ein Einkaufszentrum. Noch gibt es jedoch rund ums „Tor zum Tölzer Land“ am Rande von Schnellstraßen und Gewerbegebieten, im „Kleinen“ viel zu sehen, zu erkunden, zu ergründen. Gerade weil es die großen touristischen Attraktionen, die Sehenswürdigkeiten im Baedeker nicht gibt, Fun-Parks, Erlebnis-Bäder und Freizeit-Arenen zumindest bis heute noch keinen potenten Investor gefunden haben, schärft sich der Blick fürs Detail, für die kleinen Geschichten, für die versteckten, verwunschenen Orte der Magie, der Kindheit.

Große Ferien, endlose Sommertage. Ich erinnere mich mit seltsam, luzider Klarheit an die glühend heißen Sonntage im Hochsommer. In meiner Erinnerung rollen am Abend dunkel drohend Wolkenwalzen heran, färbt sich der Himmel über den Hügeln in einem endzeitlich leuchtenden Rubinrot. Denn der Wind, das „Wetter“ kommt meist von Westen. Auch wenn man es erst im letzten Moment kommen sieht. Blockiert doch ein lang gezogener Hügelrücken, der Wolfratshauser „Berg“, den Blick nach Westen. Der steil aufragende, dicht bewaldete Hang sorgt dafür, dass es unten im Markt früher finster wird als am Ostufer des Sees oder in den Dörfern auf der „Höh“, die auf den grünen Wiesenhügeln ein Sonnenplätzchen ergattert haben. Dass war schon immer so, doch vieles war früher anders. Zeit für eine Zeitreise, back tot he roots: Man schrieb hier nie die ganz große Geschichte. Die spielte in München, auf großer Bühne. Wolfratshausen war ein Ort der keine Schlagzeilen macht, keine langen Schatten wirft. Das Grafengeschlecht der Wolfratshauser erlosch im 12. Jahrhundert, der letzte Heinrich war Bischof in Regensburg. Die gewaltige, von den Wittelsbachern erweiterte Burg auf dem Bergsporn über besagten „Gasteig“ brannte im 18. Jahrhundert nieder und wurde bis auf die Grundmauern abgetragen. Baumaterial war teuer – damals. Im dreißigjährigen Krieg schaute die schwedische Soldateska auf einen Sprung vorbei, um den Markt zu brandschatzen. Um den Untertanen des katholischen Kurfürsten noch rasch den roten Hahn aufs Dach zu setzen, wie es damals so schön hieß. Nach der Verwüstung kam die Pest. Anni horribili – Jahre des Schreckens. Nur langsam ging es wieder bergauf. Mit barocker Lebenslust und untergärigem Bier. Irgendwann kam dann Goethe in der Postkutsche daher, machte auf seiner Reise nach Italien in der „Alten Post“ Station. Goethe schwieg und fuhr über Königsdorf weiter, die Alpen in Sicht. Kein Kommentar.

Wolfratshausen, eine Art Kontinuum, ein zeitloser Raum, ein Ort „ab vom Schuss“? Fakt ist: weder der Märchenkönig, noch Sissi, noch irgendwelche andere Notabeln und „Geschichtsträger“ kamen hierher. Für die Bomberpiloten der Alliierten waren Isar und Loisach Orientierungspunkte auf den Weg nach München, kein lohendes Ziel, auch wenn manche Bombe noch schnell abgeladen wurde, ehe es „nach Hause“ ging. Die amerikanischen Truppen marschierten „hoch zu Roß“ ein – und eine Zigarettenpackung später ging es weiter zur „Alpenfestung“. Über Jahrhunderte hockten die Einheimischen in ihrem stillen, toten Winkel zwischen den beiden Flüssen: der ruhig dahinströmenden Loisach – was etymologisch vom keltischen „Loisa“, der „Lieblichen“ herrührt – und der wild daherstrudelnden Isar – was sich wiederum von „Isaria“, sprich der „Reißenden“ ableiten lässt. Ein verträumter Marktort, an dem die Postkutsche nach Mittenwald Halt machte und die Flößer, die die Baumstämme aus dem Oberland nach München drifteten, eine Auszeit nahmen, um sich eine Brotzeit und ein paar Bier aus den zahlreichen Brauereien wie dem Schefflerbräu schmecken zu lassen. Einen Bräu gibt es schon lang nicht mehr in Wolfratshausen – und die paar Flößer fahren zwar noch nach München – doch nur um für’s feuchtfröhliche Gaudium einiger feierbiestiger Großstädter zu sorgen.

Aus den Erzählungen meiner Mutter, meiner Großmutter weiß ich, dass im Voralpenland früher ein milderer, sachterer, weniger „gacher“ Föhnwind wehte. In anderen Worten: Wolfratshausen war ein hinterer Platz. Die weite Welt war weit und es ging gemütlich, deftig und a bisserl leger, eben bayrisch zu. Mit dem „Bayerischen“, dem „Behäbigen, Bärbeißigen, Widerspenstigen“ war es allerdings bereits zu meiner Jugendzeit vorbei. Die Invasion der Städter, der Nordlichter und Paradepreußen war im vollen Gange. Unterm programmatischen Motto „im Grünen wohnen, in München arbeiten“ wurden die Bauern im Münchner Umland reich, ihre Felder, Wiesen und Äcker zu Neubaugebieten und Trabantensiedlungen. Meine Freunde, meine Freundinnen, mit denen ich das erste Bier, den ersten Kuss assoziiere, waren zu meiner Verwunderung nicht „wie ich“, „nicht von hier“:  Sie stammten aus Berlin, der DDR oder aus Schleswig-Holstein. Die meisten aber waren Flüchtlingskinder, wider alles Völkerecht aus dem Sudetenland vertrieben. Von den Tschechen aus ihrer Heimat, aus Tachau, aus Komotau, Falkenau verjagt. Eine Zeit, in der der Horizont begrenzt schien, die Welt irgendwo zu Ende. Die Pupplinger Au war unser Abenteuerspielplatz, die Isar unsere Badewanne. Jedes Sträßchen, jedes Gässchen, jedes freie Feld ein Freiraum für uns „Saububen“ und „Hundskrüppel“. Jeder Stoppelacker ein Bolzplatz, jede Kiesgrube eine Raubritterburg. Platz für Phantasie. Die Autos auf der Sauerlacher Straße konnte man an einer Hand abzählen. Noch nicht einmal die S-Bahn gab es. Nur ein Bummelzug mit zerschlißenen Polsterbänken zuckelte und ruckelte in einer Stunde zum Holzkirchner Bahnhof. Endstation Sehnsucht. Wolfratshausen war alles andere als die Nabe oder der Nabel der Welt. Eher eine Speiche die sich am Rand des Rads mit drehte. Zug um Zug wurde am Rad gedreht, die Zeit beschleunigt, bis sich der Raum verdichtete, die Gegenwart ihren Glanz verlor. Die gute alte Zeit ist nur mehr eine ferne Chimäre, von nostalgischen Träumereien verklärt. Wolfratshausen ist längst angekommen in der Postmoderne, der globalen Welt. Aus dem Dornröschenschlaf ist es erwacht. Da hilft es wenig, dass der „Märchenwald“ eine der Attraktionen des Flößerlands ist. Hänsel und Gretel, Rapunzel & Co. leiern ihren Text herunter – im Mp 3 Audioformat versteht sich. In elektronischer Penetranz  feixt ein Eunuchen-Falsett, in dass sich kreischendes Kindergelärm mischt: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“. Eine Kakophonie der Hexen, Feen, Elfen, Kobolde. Die Zeit der geflüsterten Geheimnisse, der wahren Mysterien ist vergangen  und ich spür den Windhauch noch auf meiner Haut, als sich die Tür zum Traumreich schließt. Pfiagott mei lieber Bua, pass auf, auf di.

Dinesh Bauer

An der Quellen – da Kraud’n Sepp

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Lang ist’s her, ein wenig zu lang vielleicht schon. Die alten Zeiten sind vorbei – ein für allemal und kommen so leicht nicht mehr wieder. Die Rede ist vom Kraud’n Sepp, einem Oberlandler-Original – kauzig, schrullig, schnauzbärtig, authentisch durch und durch. Im Frühjahr 1977 ist er gestorben – 42 Jahre ist das inzwischen her. Im selben Jahr übrigens als der „King“ Elvis Presley in Graceland drüben, der, Zufall oder nicht, 42 Jahre alt geworden ist. Am Gaißacher Friedhof, oben am Hügel mit Panoramablick auf die Benediktenwand, haben er und seine Frau Anna, eine geborene Trischberger, ihre letzte Ruhe gefunden. Auf dem Grabstein ist – zumindest vor einigen Jahren noch – zu lesen gewesen: „Hier ruhen meine liebe Gattin Frau Anna Bauer zum Krauden gestorben am 29.10.1964 im 62. Lebensjahr und Herr Josef Bauer gestorben am 1.4.1977 im 81. Lebensjahr. Die Anna hat Krebs gehabt – und er selbst hat irgendwann nicht mehr wollen oder können. Denk ich mir zumindest.

Als Bua, ich muss so 11 oder 12 Jahr gewesen sein, hab ich den Kraud’n Sepp in der Quellen, der legendären Wirtschaft bei Wackersberg, einmal spielen hören. Eher zufällig. Mich hat Musik damals nicht im Geringsten interessiert. Fußball ja, in der Isarau räubern ja, die Mädel und die jüngeren Jahrgänge in der Schule ärgern, noch lieber. Aber Musik machen, mit der Zither, dem Hackbrett oder der Harfe – das war was für die Stubenhocker, nicht für richtige Burschen und angehende „Indianer“ und „Wilderer“. Das Gedudel aus dem Radio, die deutschen Herz-Schmerz-Schnulzen oder das „Ami-Gefidel“ – auf Englisch noch dazu – hat mich damals komplett kalt gelassen. Meine Oma Anastasia hat jedoch ein „Faible“ für Volksmusik gehabt, deswegen sind wir damals wohl in der Quellen gwesen. Weit weg von daheim war es ja nicht. Meine Eltern haben sich das Brotzeit-Brett‘l und ein, zwei Halbe Bier schmecken lassen – und der Kraud’n Sepp, mei, der war halt auch da – seine rauchige, brüchige Stimme und die Zither, als stets getreuer Begleiter. Der hagere Holzfuchs mit seinem zerfurchten Zügen und den listigen, schalkhaften Blinzeln in den Augen war – in den Augen der damaligen Gäste – ein alter Krauterer, ein gspaßiger dazu. Der Sepp gehörte einfach zum Inventar von Wirtschaften wie der „Quellen“ oder dem „Gasthof Zantl“ in Tölz. Ein Volks-Musikus und kein Szene-Star – auch wenn er in alternativen Musikerkreisen bereits damals – als ungekünstelter „Roots-Rocker“ eine gewisse Bekanntheit erlangt hatte. Das Münchner Label Trikont hat dann ja auch in seinen letzten Lebensjahren mehrere Platten mit ihm aufgenommen – und der BR wurde auch aktiv.

Wer war dieser Kraud’n Sepp, alias Josef Bauer nun eigentlich? Geboren 1896 als jüngstes von neun Kindern auf dem Greilbauernhof in Greiling. Übrigens der letzte Hof in Richtung Tölz auf der linken Seite. Er diente als Soldat im ersten Weltkrieg, heiratete 1923 seine Anna und bewirtschaftete zusammen mit ihr den Kraud’n Hof im Gaißacher Ortsteil Lehen. Der Hof steht heut noch – und schaut nicht viel anders aus als zu Sepps Lebzeiten. Kein stattliches, großbäuerliches Anwesen, sondern vielmehr ein „Sachel“, dass gerade genug für eine bescheidene bäuerliche Existenz abwarf. Der „Kraud’n Sepp“, wie er bald nur noch reihum genannt wurde, war indes ein bescheidener, bodenständiger Mensch, der keine Ansprüche stellt und mit wenig auskommt. Eine Milchsuppe oder eine  Nudelsuppe, mehr braucht es für ihn nicht. Kein Wunder also, dass einer wie der Sepp nicht dick und behäbig wird. Er erledigt gewissenhaft seine Arbeit am Hof, doch seine eigentliche Leidenschaft gilt der Musik – und zwar von jeher. Der Sepp kann keine Noten lesen, aber er kann zuhören. Seine Stückerl eignet er sich intuitiv an –  ein Autodidakt reinsten Wassers. Und er kann sich in seiner Musik ausdrücken. Mit dem Gaißacher Sänger- und Zitherquartett tritt er zusammen  mit seiner Frau Anna – dem musikalischen Herz der Gruppe – an die 600 Mal auf. Das Quartett hat ein Riesen-Repertoire – Lieder, Landler, Boarische. Aufgspuit wird bei Dorffesten, privaten Feiern oder Musikanten-Meetings. Meist im Umkreis von 30 Kilometern rund um Goaßa, soweit einem das Radl eben trug.

Nach dem Tod seiner geliebten Frau fällt der Sepp in ein tiefes Loch – ehe er sich als Solokünstler neu entdeckt und dadurch neuen Lebensmut schöpft. Da ist er schon über 70. Er wird zu der charismatischen Figur, die in Erinnerung geblieben ist. Ein Zitherspieler, Gstanzl- und Bänkelsänger, dem die Musik im boarischen Blut liegt. Ein einfacher Mann, der für den Erhalt der echten, gewachsenen Volksmusik Großes leistet. Der Sepp war einer, der sich nie verbogen hat. Er spielt nur das, was ihm selbst und den Zuhörern in der Wirtsstube gfoit. Und wenn es auch „Kitsch“ oder zotig und zweideutig ist – den Sepp kümmert das Gerede nicht. „Und d`Leit, de hat`s gfreit dass` bei uns so weit feit aba d`Leit wissen an Dreck bei uns feits so weit net“, hat er einmal gesagt. Völlig undogmatisch und ehrlich war er, einer der aus dem Bauch heraus gelebt hat. So eine Musik, wie er und seine Mitstreiter gemacht haben, die gibt es nicht mehr. Die Zeit ist einfach eine andere heute – die Musiker auch. Deshalb ist der Sepp aus Goaßa eine Isarwinkler Musiklegende – und wird es bleiben. So bekannte sein Neffe Benedikt: „Er war ja a selten braver Mensch. Er war eigentlich oana, der wo owei nachgebn hat, und der hat se nia wegn a – der hoid ois im Friedlichen gmacht, der war nia boshaft, überhaupt ned.“ Ein grundehrlicher, kreuzbraver Mann also – und andrerseits doch ein „Hundling“, der kompromisslos seine ureigene Musik gemacht hat – unverwechselbar bis heute. „ Mia san de Oberlandler  von echtem Schrot und Korn und ham in unsrer Volkstracht no nia de Freid verlorn. Mia gehn nicht nach der Mode, de d´Stadtleit uns vorschreibn, wir woin beim oidn Gwandl de Oberlandler bleibn.“ Dem Liedtext der „Lederhose“ is nix mehr hinzuzufügen.

Dinesh Bauer

General Barbone

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Die  Exekution von „General Barbone“ – wie die italienischen Truppen Andreas Hofer nicht ohne eine gewisse Hochachtung nannten – war für den 20. Februar 1810 auf 10 Uhr 45 Uhr vormittags angesetzt. Ort der Hinrichtung: ein kleiner Innenhof unterhalb eines Festungswalls der oberitalienischen Garnisonsstadt Mantua. Militärische Hinrichtungen liefen zur Zeit der Napoleonischen Kriege einem exakt festgelegten Procedere ab: Die Truppen bildeten ein dreiseitiges Karree – nach einer Seite hin war das Karree offen. In Begleitung eines Priesters wird der Delinquent unter Trommelwirbel vorgeführt. In der Mitte des Karrees wird das Todesurteil verlesen. Unter dem Schlag der Trommeln werden dem Verurteilten die Augen mit einer schwarzen Binde verbunden. Dann musste er niederknien. Zwölf Mann unter dem Kommando eines Offiziers eröffnen aus einem Abstand von zehn Schritten das Feuer. Ein Reservepeloton à vier Mann steht bereit, um den Verwundeten notfalls aus nächster Nähe den Gnadenschuss zu geben. Andreas Hofer, gewester Landeskommandant Tirols, war tot. Doch die Erinnerung an den Sandwirt, einen unerschrockenen und zu allem entschlossenen Patrioten, lebt bis heute fort.

1024px-Kager_Hofers_letzter_GangBei der Hinrichtung Andreas Hofers weicht man von dieser Standard-Prozedur jedoch erheblich ab. Der Innsbrucker Rechtsanwalt Granichstädten-Czerva schildert in seinen Prozesserläuterungen die Szene wie folgt: an der Hinrichtungsstätte wird Hofer von General Peter Franz Bisson, der Mitglied des Kriegsgerichts war sowie seinem Anwalt Joachim Basevi erwartet. Zwölf Grenadiere des 2. Bataillons des 13. französischen Grenadierregiments bilden das Exekutionskommando, sie unterstehen dem Befehl des aus Luxemburg stammenden Feldwebels Michel Eiffes. Hofer lehnt die dargebotene Augenbinde ab und verweigert den Kniefall. Nach einem letzten Gruß an die Heimat, erteilt der Sandwirt selbst den Feuerbefehl. In seinen von einem Neffen aufgezeichneten Kriegserlebnissen, zeichnet Eiffes ein plastisches Bild der Vorgänge am Morgen des 20. Februar. „Erste Salve: Hofer fällt in die Knie von sechs Kugeln getroffen. Zweite Salve: Hofer ist über den Augenbrauen, zwischen den Lippen und dem Kinn getroffen und bricht zusammen.“ Tot ist der stämmige „5 Schuh und 8 Zoll“ große Mann aber noch immer nicht. Eiffes tritt heran, hält ihm seine Pistole an die linke Schläfe und drückt ab.

Combat_du_BergiselNach der vernichtenden Niederlage in der letzten Schlacht am Berg Isel Anfang November 1809 hatte sich Hofer mit einigen wenigen Getreuen über den Brenner nach Süden abgesetzt. Dort versuchten sie den Widerstand neu zu organisieren, im Passeiertal und in der Gegend um Meran kam es daraufhin zu etlichen Scharmützeln. Doch der Krieg der Tiroler war verloren, die Hoffnung dahin. Der Sandwirt entschließt sich zur Flucht. Zusammen mit seiner Familie und Schreiber Kajetan Sweth sucht er Anfang Jänner Zuflucht auf der Pfandler-Alm, oberhalb von Sankt Martin in Passeier. „Doch Verrath folgte ihm auf den Fersen“. Franz Raffl aus Schenna, einstiger Weggefährte Hofers, verrät ihn für 1500 Gulden an die Franzosen. In den frühen Morgenstunden des 28. Jänner sind die Häscher, ein rund 50 Mann starkes Detachement, zur Stelle. „Hofer wurden die Hände im Rücken gefesselt, ein Seil um den Hals gelegt, ein anders um die Hüften. Es hagelte Schläge, die Soldaten rissen dem Sandwirt Haar- und Bartsträhnen aus, um die Trophäen ihren Kameraden zu zeigen.“ Hofers Gemahlin Anna und seinen Sohn Hans nahm man zunächst im Geißelhaft, ließ sie aber gnadenhalber in Bozen frei. Für Hofer und Sweth ging ihre „italienische Reise“ über Neumarkt, Trient, Rovereto und Peschiera nach Mantua. Am 5. Februar hatten sie ihr Ziel erreicht. Hofer und sein Schreiber wurden in ein Kellerverlies der Citadella di Porto gesperrt. Napoleon hatte zunächst vorgehabt Hofer nach Vincennes in Frankreich zu überstellen. Mit einem Schreiben vom 11. Februar wies er dann aber seinen Stiefsohn Eugène de Beauharnais, Vizekönig von Italien, an, eine Militärkommission einzuberufen, um Hofer rasch abzuurteilen. In der „Causa Hofer“ war plötzlich Eile geboten. Am 1. April wollte sich Napoleon mit Erzherzogin Marie Louise von Österreich vermählen – und kein Bittschreiben in die Hand gedrückt bekommen.

Andreas_Hofer_(Wachter)Die „Spezial-Militärkommission“ bestellte einen jungen Mantuaner Anwalt namens Joachim Basevi zum Pflichtverteidiger Hofers. Die Verhandlung vor dem Militärgericht wurde auf Französisch geführt und war – da der Schuldspruch bereits feststand – gelinde gesagt eine Farce. Der Anwalt beklagte unter anderem die fehlerhaften, unzulänglichen Übersetzungen von Hofers Worten durch die unfähigen Dolmetscher. Dem Anwalt Basevi hatte man zudem nur einige Berichte des Militärkommandanten ausgehändigt, aus denen die Schuld Hofers angeblich klar und unwiderlegbar hervorging. Dem Beschuldigten wurde insbesondere zur Last gelegt, dass er auch nach dem Friedensschluss zu Schönbrunn vom 14. Oktober 1809 den Kampf fortgeführt habe. In einem Erlass des Vizekönigs, sei jedem Insurgenten in Falle weiterer widerrechtlicher Kriegshandlungen, die Todesstrafe angedroht worden. Desweiteren habe man Hofer bei seiner Festnahme  „mit einem Gewehr in der Hand“ angetroffen und einige Pistolen sowie einen Degen in seinem Alm-Versteck entdeckt. Die Verhandlung gegen den gewesten Landverweser von Tirol wurde für den 19. Februar, um 15 Uhr im Palazzo Arco angesetzt. Es fand weder ein Verhör des Beschuldigten statt, noch wurde dem Anwalt erlaubt, Entlastungszeugen aufzurufen. Basevi bescheinigte seinem Mandanten: „Sein Verhalten zeichnete sich durch große Ruhe, Offenheit und Würde aus.“ Der Advocatus schilderte Hofer in seinem Plädoyer als „einfachen, redlichen und fleißigen Mann“, dem „jede Lüge fremd“ sei und der allein aus Liebe zur Heimat zu den Waffen gegriffen habe. Als Soldat habe der Sandwirt einzig der Pflicht gehorcht, wofür er nicht bestraft werden könne. „Ich kann ruhigen Gewissens behaupten, dass das vorliegende Beweismaterial zu einem Schuldspruch nicht ausreicht.“ Die Ankläger sahen dies naturgemäß anders. Nach zweieinhalb Stunden war der Prozess beendet und Hofer wurde zurück in seine Zelle gebracht. Der Urteilsspruch des Kriegsgerichts fiel einstimmig aus: Tod durch Erschießen. Am folgenden Tag, den 20. Februar, zu vollstrecken.

Innsbruck_Goldener_Adler_Hofer_Tafel„So endete das Leben eines tapferen Führers; das war das traurige Schicksal eines Helden, der wahrlich ein schöneres, seinen Thaten angemessenes Loos verdient hätte. Doch der Krieg verschont keinen, sogar die Besten nicht, und niemand weiß heute, wie es morgen mit ihm stehen wird“, heißt es in den „Erlebnissen“ Eiffes. Noch am Tag der Hinrichtung wurde Hofers Leichnam in der Kirche San Michele beigesetzt, dies vermerkt der dortige Priester im Totenbuch. Im Sterbebuch von Sankt Leonhard in Passeier, der Heimatgemeinde Hofers, wird dessen Ableben gleichsam protokolliert. Auffällig ist das – später korrigierte – falsche Todesdatum sowie einige unleserliche Stellen: „Andras Hofer gewester (…) Wirth. an St. Grab auf dem Sandt. Verheurathet. Zu Mantua (…) erschossen, den 9. Merz 1810. 44 Jahr.“ 13 Jahre später, im Jahr 1823 werden Hofers sterbliche Überreste in einer Nacht- und Nebelaktion von einem Regiment der Kaiserjäger ausgegraben. Da man nicht wusste, wo sich das Grab genau befand, weil der Friedhof inzwischen aufgelassen und in den Pfarrgarten umgewandelt worden war, weckte man den Pfarrer, der den Männern die Stelle zeigte. Die anhand der Einschusslöcher leicht zu identifizierenden Gebeine Hofers wurden nach Innsbruck „überführt“ und in der Hofkirche beigesetzt. Dort befindet sich bis heute seine letzte Ruhestätte. Das Grabmal schuf anno 1834 im Auftrag von Kaiser Franz I. der Wiener Bildhauer Johann Nepomuk Schaller. Im Stil des 19. Jahrhunderts wird Andreas Hofer – eine Fahne in der Hand haltend – in martialischer Pose und mit stolz erhobenem Haupt gezeigt.

Dinesh Bauer