Inn-tim: Von Flößen und Flüßen

isar_1Mit dem Floß am Fluß – auf Lech, Isar, Inn und Salzach. Die reißenden Gebirgsflüsse des Oberlands bedeuteten für die Isar- oder Innschiffer über Jahrhunderte zu gleich Fluch und Segen. Ein oft kolportierter Spruch der Isarflößer lautete: Mia fahr’n auf Minga mit’m Floß, des geht vui schneller als mim Roß!

innschifffahrtBis in die Zeit der Industrialisierung und den Bau der ersten Eisenbahnen war die Schifffahrt auf den Flüssen das wirtschaftliche Rückgrat des Voralpenlands. Waren aller Art – Holz, Getreide, Baustoffe, Glaswaren, Metalle, Wein, Fleisch, Fett, Wachs, Waffen, Gewürze aus dem Orient und vor allem Salz – wurden auf den unberechenbaren Gebirgsströmen zur Donau und nach Passau hinab transportiert. Aber auch Passagiere – Kaufleute und Soldaten, Fürsten und Handwerker, ja sogar ein Holzschnitzer samt Flügelaltar – reisten auf Inn und Isar. Bis zum Bau der Inntal-Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts war der Inn die Hauptverkehrsader des Bayern-Landes. Ein blaues Band, dass Passau an der Donau mit Hall in Tirol verband. Die Landstraßen waren anno Domini in aller Regel keine Alternative: sie befanden sich in einem miserablen, bemitleidenswerten Zustand und das Fassungsvermögen für Fässer und Fracht aller Art der Lastkähne war um ein vielfaches größer denn die der wackligen Fuhrwerke.

Innschiff2Ein Schiff trug im Mittelalter im Schnitt rund 65, im 18. Jahrhundert bereits um die 125 Tonnen. Flussabwärts legten die Plätten oder Flöße über 40 Kilometer, flussaufwärts – von Pferden gezogen – maximal 15 Kilometer pro Tag zurück. Große, meist in Hall oder Rosenheim gezimmerte Plätten, waren bis zu 35 Meter lang und 11 Meter breit. Allerdings war der Inn aufgrund seines unregelmäßigen Wasserstands nur rund 6 Monate im Jahr befahrbar. Im Winter ruhte der Schiffsverkehr aufgrund des Eisgangs oft für Wochen völlig. Doch auch im Frühling und Sommer war die Fahrt auf dem wilden, ungezähmten Gebirgsfluss nicht ungefährlich: Felsen, Treibholz, Sandbänke und Strudel ließen die Schiffsreise oft zu einem lebensgefährlichen Unterfangen werden. Zumal es ja keine Staustufen gab, die den Fluss regulierten.

innschiff_nussd_stangeDer Beginn der Schifffahrt auf dem Inn liegt im historischen Dunkel. Die Römer nutzten die Wasserader jedoch bereits zum Transport von Truppen und Wirtschaftsgütern. Das goldene Zeitalter der Inn-Schiffer war das 15. und 16. Jahrhundert. Die Arbeit der Schiffsleute war hart und entbehrungsreich. Die „Inn-Matrosen“ waren verwegene, trinkfeste Gesellen – ungestüm und aufbrausend wie der Fluss selbst. An Land waren die „Flussmänner“ aufgrund ihrer rauen Sitten gefürchtet. Schwimmen konnten die Schiffleut indes nicht, sollten Sie doch an Bord bleiben, wenn Schiff und Ladung Gefahr drohte. So verließen bei einer Havarie nur die Ratten das sinkende Flussschiff.

2678Weit verbreitet war auch der Aberglaube, dass alles, was ins Wasser fiel, dem Flussgott anheim fiel. So war es strikt verboten, Ertrinkenden zu helfen. Wollte es man sich doch nicht mit Neptuns Nepoten verderben. Bis ins 19. Jahrhundert saßen in allen Innstädten reiche Schiffsmeistersippen wie die Riedl und Buchauer von Wasserburg oder die Greiderer in Rosenheim.

7444208_web1854 fuhr der erste Raddampfer auf dem Inn. Zwei Tage brauchte der Dampfer den Fluss hinauf nach Rosenheim. Abwärts ging es bedeutend schneller: in neun Stunden waren die Passagiere in Passau. Nach einer kurzen Blütezeit kam jedoch schnell das „Aus“ für die Inn-Dampfschifffahrt. Und der Güter- und Personenverkehr verlagerte sich auf Schiene und Straße.

Dinesh Bauer

Mehr von mir? Sie lieben Krimis, die in Bayern und in den Bergen spielen. Dann besuchen Sie doch meine Autoren-Page auf Amazon. Dort finden Sie auch kostenlose Leseproben meiner Krimis.
http://www.buecher.de/shop/bayern/toter-winkel/bauer-dinesh/products_products/detail/prod_id/42702192

Der Inn – Fakten:
Der Inn entspringt am Maloja-Pass im Oberengadin und mündet bei Passau in die Donau. Von der Quelle bis zur Mündung legt er eine Strecke von 517 Kilometer zurück. 344 Kilometer – bis Hall in Tirol – waren in früheren Zeiten schiffbar. Flöße konnten den Inn bis Telfs, maximal bis Mötz befahren. Von dort wurden die Waren auf Saumwegen in die Schweiz und nach Schwaben gekarrt. Bedeutendster Nebenfluss ist die Salzach. Im Oberlauf ist der Fluss ziemlich schmal, verbreitert sich bis Innsbruck jedoch erheblich. Die Wassertiefe unterliegt starken Schwankungen und hängt von verschiedenen jahreszeitlichen Einflüssen wie Schneeschmelze, starke Herbst- oder Frühjahrsregen ab. Bei Rosenheim beträgt der mittlere Pegelstand in etwa 3,50 Meter, bei Hochwasser bis zu 6 Meter. Im Mittelalter suchte sich der Fluss sein Bett selbst und schlängelte sich in wilden Mäandern durchs Tal. Im 19. Jahrhundert wurde der Inn begradigt und eingedämmt. Die Breite im Mittellauf beträgt in etwa 110 Meter. Durch die Regulierung des Flusses und den Einbau zahlreicher Staustufen zur Stromerzeugung ist die Gefahr von Überschwemmungen heute weitgehend gebannt.

Mehr über den Inn und die historische Innschifffahrt: http://innschifffahrt.antonprock.at/

Advertisements

Die Watzmann-Orchidee

20150822_2094Der Watzmann. Um seinen Gipfel jagen Nebelschwaden. Groß und mächtig, schicksalsträchtig. Der markante Berg im Berchtesgadener Land ist nicht nur unter Alpinisten eine feste Größe. Seit dem Konzeptalbum „Der Watzmann ruft“ genießt der 2700 Meter hohe Eisriese Kultstatus. Nur einen Steinwurf von Schründen, Schrägen und Scharten entfernt blühen indes tropische Orchideen. Orchideen in Sichtweite des Watzmanns? Verantwortlich für dieses Wunder ist ein passionierter Gärtner: Giselher Cramer. Wer seine Gewächshäuser  betritt, lässt die raue bayerische Bergnatur hinter sich und betritt einen tropischen Garten Eden. 20140410_0426Eine blühende „Allpracht“ leuchtet mir in rosa, purpurrot, violett, weiß und gelb entgegen. Die Orchideen sind wahrhafte Paradiespflanzen, die himmlische Duftmarken setzen. Ich bin schier erschlagen von der Vielfalt symmetrischer Formen, der Fülle poppiger Farben, dem harmonischen Ganzen ihrer Erscheinung. Die unbändige Leuchtkraft, die bunt getüpfelte Palette ihrer Blütenblätter lassen die „Wundertüten“ als Boten des ewigen Sommers erscheinen.

Orchideen tragen prächtige Pantinen. Zumindest manche Arten. Cramer züchtet und kultiviert seit 40 Jahren Orchideen und hat rund 2500 Kreuzungen auf dem „Kerbholz“. Eine seiner ersten Züchtungen benannte er nach seinem Vater „Gerd Cramer“, andere Familienangehörige wie Sohn Alexander folgten. Und auch der Berchtesgadener Landrat Georg Grabner bekam zu seinem sechzigsten Geburtstag eine von Cramer designte Orchidee geschenkt.

20140410_0407Und er findet immer noch etwas Neues, etwas Interessantes für seine „Kollektion“. Der Züchter kennt all seine „Schützlinge“ beim korrekten lateinischen Namen – von Paphiopedilum pinocchio über Dactyloriza purpurella bis Phalaenopsis Bischofswiesen. Ich bin schon froh, dass ich die gängigsten Gattungen am Blütenmarkt im Kopf behalten habe: Cattleya,  Phalaenopsis, Vanda und Paphiopedilum, die Frauenschuhfraktion. Insgesamt wachsen um die 800 Orchideenarten  unter den Glasdächern seiner Gärtnerei. Weltweit sind rund 30.000 Naturformen bekannt, die mit Abstand meisten davon als Epiphyten in den tropischen Wäldern Asiens oder Südamerikas.

20140410_0414Doch es gibt auch farbenprächtige Arten wie Cymbidium oder Dendrobium nobile die kühlere Gefilde und Felsspalten bevorzugen. Bei uns in Deutschland sind immerhin 60 Arten heimisch – 40 davon im Berchtesgadener Land. Die Zahl der von Gärtnerhand gezüchteten Hybriden weiß nicht einmal ein Crack wie Cramer zu beziffern.

Von der Paprika zur Phalaenopsis

„Weshalb ich zu den Orchideen gekommen bin?“ Cramers Stimme klingt amüsiert: “Eigentlich ganz profan. 1972 habe ich meinen Meister gemacht – und habe überlegt, wie ich mich von den anderen Gärtnereien abzusetzen. Wir waren ja nur ein kleiner Betrieb. Mein Vater hat nach dem Krieg mit Gemüse angefangen, später kamen dann Topfpflanzen und Schnittblumen hinzu. Also was tue ich? Ich hab damals in Berlin gearbeitet – und da hatten wir drei Tische mit Orchideen.

20140410_0440Davon habe ich 40 Stück in meine alten Karren gepackt und bin zurück ins Berchtesgadener Land getuckert.  Am Anfang war das also keine Liebhaberei, sondern der Gedanke etwas zu haben, was in den anderen fünf Gärtnereien, die es hier damals noch gegeben hat, fehlt.“  Doch die Infektion mit dem Orchideen-Bazillus war unausweichlich: „1975 waren wir für drei Tage beim Weltorchideenkongress in Frankfurt –  und da hat es mich dann „erwischt“. Ab dem Zeitpunkt sind wir dann auch regelmäßig jedes Jahr einmal quer durch Deutschland gefahren und haben uns Orchideengärtnereien angeschaut – und haben eingekauft.  Das Geld, das wir mit den Geranien verdient haben, haben wir für Orchideen ausgegeben.“

20140410_0402Der eigentliche Boom kam jedoch erst Ende der 70 er Jahre, rekapituliert Cramer.  „1978 war am Nockherberg eine Orchideen-Ausstellung. Da haben wir uns gesagt– da stellen wir jetzt einfach mal unsere erste eigene Kreuzung aus. Und die Resonanz der Züchter war: Uiih, was habt’s denn ihr da Schönes!“  Phalaenopsis-Kreuzungen wurden daraufhin sukzessive zur „Spezialität des Hauses“:  „Als erstes bestimmt man die Auswahlkriterien. Also was will ich? Kleinere oder größere Blätter in welcher Farbe, dann der Aufbau der Rispe, will ich Topfpflanzen oder Schnittblumen?  Dann geht man her und sucht  aus Hunderten von möglichen Mutterpflanzen die zwei vermeintlich besten, schönsten heraus – und die vermehrt man.“

20140410_0429Beim Züchten kam Cramer seine Imaginationskraft zu Gute: „ Ich hab vielleicht so einen Art siebten Sinn, wo ich hinmöchte. Und eine Gabe zu erkennen, welches Exemplar sich als Mutterpflanze eignet und welche nicht. Dadurch, dass ich sie quasi von klein auf gezogen habe, habe ich ein relativ gutes Gespür entwickelt, welche Pflanze schneller wächst und früher zum blühen kommt. Und die habe ich mir dann schon mal zur Seite gelegt.“ Die Selektion der Jungpflanzen bestimmt ganz wesentlich den Erfolg einer Neuzüchtung. „Ich hab mich immer gefragt: Warum hat die stabilere Blätter? Warum blühen die einen früher? Weshalb ist der Aufbau harmonischer? Also das Gute bleibt im Stall – dann kann ich weiter kreuzen.“

Vom Luxusgeschöpf zur Massenware

20140410_0421Dabei ist die Vermehrung und Kreuzung von Orchideen nicht so einfach, denn in der Natur brauchen sie spezielle Pilze um zu wachsen. Cramer nennt als griffiges Beispiel die heimischen Orchideen:  „Frauenschuh oder Knabenkraut wachsen normal auf einer Wiese. Dann kommt ein Bauer daher und verspritzt seinen  Odel. Und was passiert? Wo gedüngt wird, verschwindet der Pilz – und mit ihm die ganze Population. Deswegen sind geschützte Flächen wie hier im Nationalpark so wichtig.“ Wenn die Vermehrung so komplex und kompliziert ist, warum gibt es dann heute im Baumarkt blühende Orchideen im Topf für 4,99 Euro en Masse zu kaufen?

20140410_0413Cramer lacht grimmig: „Nun man hat herausgefunden, dass sich exotische Arten  beispielsweise der Gattung Phalaenopsis in beliebiger Anzahl im Labor reproduzieren lassen. entweder über Sämlinge, immer mehr aber auch durch Meristeme, also Klone der Mutterpflanze. So kann ich im Labor relativ einfach Hundert aber auch Hunderttausend Stück industriell produzieren. Also wenn ich eine toll blühende Orchidee hab, schicke ich die ins Labor und sag: mach mir fünftausend Stück davon. Früher war die Nachzucht viel mühsamer und aufwändiger – und deshalb auch die Preise viel höher.“  Als Herrscher über ein vielköpfiges  „Blütenreich“ hat Cramer natürlich auch besondere „Günstlinge“ unter seinen Fittichen: „In meinen Anfangszeiten waren die Phalaenopsis eindeutig meine Favoriten – und da wiederum die mit kleinen Blüten und die Nachzucht von Naturformen.

20140410_0404 In den 80er Jahren waren wir sicher die führende Gärtnerei bei kleinblütigen Hybriden. Ich hatte aber nie den Ehrgeiz in die Massenproduktion einzusteigen. Vielmehr hat mich gereizt, etwas Schönes zu schaffen, dass auch bei anderen Orchideen-Liebhaber Anerkennung, ja Begeisterung findet.  Heute hat sich das Bild komplett verändert – und die Züchtungen kommen heute hauptsächlich aus Taiwan, aber auch aus Deutschland und Holland. Und das wird alles in gigantischen Stückzahlen auf den Markt geworfen. Allein aus dem größte Labor in Lippstadt kommen jedes Jahr 70 Millionen Pflanzen.“ Die Massenfertigung von Orchideen – vor allem die Phalaenopsis – hat für Cramer dazu geführt, dass diese ihren Nimbus verloren haben – was er persönlich schade findet: „Die ist wirklich zur Wegwerfwarfe verkommen, die irgendwo neben der Kasse im Gartencenter vegetiert. Das hat diese wunderschöne Blume eigentlich nicht verdient.“

20140410_0509Cramer ist Realist – diese Entwicklung wird nicht aufzuhalten sein: „In diesen industriellen Gartenbaubetrieben wird alles automatisiert und auf Masse und Kasse hin getrimmt. Oberstes Gebot ist das schnelle Wachstum. Dies führt dazu, dass die Stabilität und Qualität der Pflanzen darunter leidet. Aber der Preis „stimmt“. Da kann man als kleiner Familienbetrieb nicht dagegen ankämpfen, da muss man sich Nischen suchen. Und Gottseidank gibt es nach wie vor Leute, die das Besondere schätzen. Ich habe immer wieder die Erfahrung, dass Menschen die alles andere als Orchideen-Experten sind, die schönsten Blüten auf Anhieb „herauspicken“ – und sich höchstens wundern, dass die nicht für 6 Euro zu haben sind.“ Und wie sieht er nun aus der typische „Frauenschuh-Freak“? „Die klassischen Blumenfreunde und Hobbygärtner. Erstaunlicherweise sind die Männer eindeutig in der Überzahl.

20140410_0476Unter 20 Ausstellern auf einer Orchideenschau sind 18 Männer und 2 Frauen.  Auch unter den „Liebhabern“ sind mehr  als die Hälfte Männer – das ist schon verblüffend.“ Und welche Orchideen sind derzeit besonders en vogue? Cramer verschränkt seine Arme und lächelt in sich hinein: „Wie überall gibt es auch hier Modeströmungen. Die letzten zwei Jahre waren vor allem Phalaenopsis-Naturformen gefragt. Das ebbt jetzt gerade wieder ab – und das Interesse verlagert sich momentan in Richtung Frauenschuhe. Aber in drei Jahren ist wieder etwas anderes In.“

Dinesh Bauer

Sie interessieren sich für Krimis, die in Bayern, die in den Alpen spielen? Dann besuchen Sie doch bitte meine Autoren-Page. Würde mich sakrisch freun!

http://www.buecher.de/shop/bayern/toter-winkel/bauer-dinesh/products_products/detail/prod_id/42702192

20140410_0400Kontakt zum Orchideen-Meister:

Zum Steiner 9, 83483 Bischofswiesen, Telefon:  08652 9449-03, Internet: www.cramer-orchideen.de

 

 

 

Linzer Ansichten – Kontrastreich

Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , , , , , ,

20150918_2202Habemus papam? Weißer Rauch steigt auf. Gewaltige Rauchschwaden hinter dem golden schimmernden Messingkreuz auf einer Kirchturmspitze. Eine flockig, weiße Qualmwolke, die sich gespenstisch und gewaltig gegen den blässlich violetten Abendhimmel abhebt. Ich stehe auf der Schloßesplanade und bestaune das Schauspiel von beängstigender Erhabenheit. Ein Schauspiel vor der großen Kulisse einer Stadtsilhouette. Ich bin in Linz. Die Stadt Österreichs, die mit Abstand am wenigsten ins Klischeebild der Alpenrepublik-Ästhetik passt – und in der die Schlagobers-Seligkeit zwischen Mozartkugeln, Sissi-Tortenwelt und Walzer-Woge aus dem Takt gerät. Auch wenn die Linzer Torte – wobei die Mär, dass es sich bei dem süßen Schnittchen um die Kreation eines Wiener Zuckerbäckers namens Linzer handle, nicht mehr als eine infame Unterstellung ist – bei Schleckermäulern rund um den Globus Kultstatus erlangt hat. 20150918_2190Für die Pflege des Plüsch- und Prunk-Images der Donaumonarchie sind andere urbane Entitäten, sind Wien, Graz oder Salzburg zuständig. Linz ist eher rührig, als rührselig, nichtssagend statt nostalgisch, stählern statt sahnig, eine aus dem Ruhrpott an die Donau verpflanzte Malocher-Metropole. Eher ein Aschenputtel im schmutzigen Blümchen-Kleidchen denn ein Schneewittchen oder Dornröschen. Eine Stadt die nach der Kür zur Kulturmetropole 2009 ihr mausgraues, mit Ruß und Rost besprenkeltes Kleid abzustreifen und sich zu häuten versucht. Sich schön bunt und strahlend gibt. Ein bisschen Schminke, ein bisschen Rouge und Grün verschönert bekanntlich das Stadtbild – und lässt unter Puder und Lippenstift so manchen Schönheitsfehler verschwinden. Linz hatte etwas Kosmetik bitter nötig.
20150918_221720150918_2181

Keine andere österreichische Stadt wurde vom Nationalsozialismus mehr gezeichnet als Linz. Noch heute sind die Spuren der NS-Zeit ins Linzer Weichbild geprägt. Hitler, der „verlorene Sohn“ der Stadt, in der er sein Damaskuserlebnis, seine Berufung zu Höherem, zum Volkstribun erlebt hatte, wurde ungefragt zum „Paten“ von Linz. Und der Führer überhäufte sein „geliebtes Linz“ mit Ehren. So firmierte die Hauptstadt des Gau Oberdonau dank des Führers Gnade als „Gründungsstadt des Großdeutschen Reichs.“
20150918_2196Linz sollte eine Weltstadt werden. Eine Utopie, die dem Führer am Herzen lag. So besuchte er nach dem Anschluss 1938 gern und oft seine „Seelenstadt“. Sein exaltierter, großmannssüchtiger Plan: Linz sollte das europäische Kunstzentrum werden – eine Musen- und Museenstadt. Doch das Schöne, Wahre und Gute blieb dem Reißbrett vorbehalten. In der Realität wurde auf Geheiß der NS-Technokraten eine Eisenhütten-Stadt aus dem sumpfigen Boden gestampft. In Windeseile entstanden auf einer aufgeschotterten Fläche am Ostrand der Stadt Stahl und Chemie-Kombinate, dass die Schlote nur so schmauchten. Mit den Hermann-Göring-Werken schlug die Geburtsstunde der Vöest-Alpine, wurde Linz zur grauen Industriemaus gestempelt. Die auf Hochdruck produzierenden Rüstungsbetriebe machten Linz in den späteren Kriegsjahren zudem zu einem bevorzugten Angriffsziel der alliierten Bombergeschwader. Und deren Bomben schlugen berstende, brennende Lücken, die nach dem Krieg mit Betonburgen von profunder Hässlichkeit gefüllt wurden – und für abrupte Brüche, ja absurde Kontraste sorgen.

20150918_221820150918_2216

Noch im April 1945 sinnierte Hitler im Führerbunker stundenlang vor dem Reißbrett-Modell seines „Brasilias“ an der Donau. In seiner Wahnwelt versunken. So sollten entlang der Donau eine Reihe monumentaler Prachtbauten entstehen, die Landstraße nach Süden hin verlängert und in einen gigantomanischen Kulturzentrum samt ultramodernen Bahnhof ihren Abschluss, respektive Anschluss finden. Fertig von alldem wurde indes nur die Nibelungenbrücke – und die spannt bis heute ihre Bahn über die mehr oder weniger blaue Donau. Die übemannsgroßen Reiterstandbilder von Siegfried & Co. blieben der Brücke und den Linzern immerhin erspart.

Dinesh Bauer

20150918_219120150918_2183

Ihr wollt mehr? Dann könnt Ihr gerne meine Krimis lesen. Ebenso spannende wie spaßige Alpen-Abenteuer mit den „Bavarian Cops“ Hauptkommissar Korbinian Eyrainer und den „Bullen von Brennbruck“ Schorsch Wammetsberger.

http://www.buecher.de/shop/bayern/toter-winkel/bauer-dinesh/products_products/detail/prod_id/42702192

Türkenköpfe am Spieß

Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , ,

Mühlviertel_20150706_1870Sie tragen Turbane und Schnurrbärte. Ein spitzes Kinn und wulstige Lippen komplettiert das „Negativbild“. Und sie sind von Hand geschmiedet. Die Türkenköpfe schmücken ein Treppengitter auf Schloss Weinberg im Mühlviertel. Ein aufwendiges Stück Schmiedekunst. Datiert wird das Gitter auf 1622. Eine Zeit in der die türkische Bedrohung, die islamische Gefahr, Realität war. Fast möchte man sagen – wie heute. Die erste Belagerung von Wien lag knapp 100 Jahre zurück, die zweite Attacke des Osmanischen Reichs stand Österreich noch bevor. Die bemalten Blechschnittköpfe stellen also den allgegenwärtigen Erzfeind dar: den Türken, die Janitscharen, die muslimischen Mordbrenner und Kriegsgurgeln. Die Furcht einflößenden  Physiognomien, die grotesken, grimmigen Fratzen der türkischen Krieger sind also Programm – und dem kollektiven Unterbewusstsein der Zeit entnommen.

Mühlviertel_20150706_1868Mühlviertel_20150706_1871

Die Angst vor den Säbel schwingenden Halsabschneidern saß tief. Die Köpfe stecken deswegen auch auf eisernen Spießen – ein allegorischer Seitenhieb auf die Abwehr der türkischen Angriffe. Die eigene Vormachtstellung, die Überlegenheit der abendländischen, christlichen Kultur wird hier beschworen. Der christliche Kaiser ist dem Sultan überlegen. Zumindest hofft der Schlossherr dies. Das florale, ornamentale Muster der Gitter ist ein Werk der Renaissance: doch die Formensprache ist noch der Gotik verpflichtet: die geometrische Grundform des „Vierpass“ gibt das Schema vor.  Ursprünglich war das Türkengitter farbig „gefasst“ – sprich es war farbenfroh bemalt. Die Blätter waren dunkelgrün, die Zweige und das Rankenwerk leuchteten goldgelb. An den Köpfen selbst finden sich jedoch noch deutlich sichtbare Spuren der einstigen Bemalung – ziemlich verblasst, patiniert und zum Teil abgeblättert. Doch das Rouge auf den Wangen der Spitzbuben am Spieß blitzt noch heute auf.

Dinesh Bauer

Mühlviertel_20150706_1879Ihr wollt mehr von mir lesen? Auf meiner Autoren-Page findet ihr ebenso spaßige wie spannende Krimis, die unterm weiß-blauen Himmel oder im finsteren Mittelalter spielen.

http://www.buecher.de/shop/bayern/toter-winkel/bauer-dinesh/products_products/detail/prod_id/42702192

Mord auf Bayrisch – Leseprobe „Toter Winkel“

Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , , , , ,

20150821_2120Bald ist es soweit – am 12. Oktober erscheint mein Alpen-Krimi „Toter Winkel“ beim Aufbau Verlag. Ein klassischer Fall von Mord aus dem tiefen Süden Bayerns. Wo sonst werden Mistgabel und Holzpflock zu Mordinstrumenten umfunktioniert. Ein Bayern-Krimi wie aus dem Bilderbuch: weiß, blau und wild – und mit eben solchen Protagonisten auf der Bühne. Hier für euch exklusiv: eine Leseprobe aus dem Kapitel 4 „Nox est perpetua“. Viel Spaß beim schmökern wünscht euch euer Krimi-Krampus Dinesh Bauer.

In Kabul, Bagdad oder Johannesburg gehörte die Gewalt zum Alltag. Im Irak oder in Syrien juckte es niemanden, wenn ein Toter im Rinnstein lag – erschossen, erschlagen oder erstochen. Im Grenzgau waren solche Bluttaten hingegen eher selten. Folglich schien es nur logisch, dass sich die Nachricht vom Fund einer männlichen Leiche im Kreuzsteiner Forst wie ein Lauffeuer verbreiten würde. Doch noch zwölf Stunden nach dem Leichenfund hatte Polizeihauptmeister Georg Quirin Wammetsberger nicht den blassesten Schimmer, dass sein Schwager das„irdische“ mit dem „himmlischen Leben“ vertauscht hatte. Während sich Wammetsberger auf seinem unlängst beim Radl-Discounter „Velo-Bauer“ erstandenen ultraleichten Berg-Bike mit 24 Gängen abstrampelte, lag dessen Leichnam auf einem Stahltisch im Rechtsmedizinischen Institut und wartete darauf, fachgerecht seziert zu werden. Derweil der Onkel seiner Frau Elfriede den diesseitigen Dingen entrückt war, quälte sich Schorsch im Schweiße seines Angesichts den nicht enden wollenden Anstieg in den Brennbrucker Ortsteil Bad hinauf. Schweißüberströmt und mit puterrotem Gesicht erklomm Wammetsberger die Anhöhe und war gottfroh, dass es von nun an nur noch bergab ging.

20141008_1372Nach einer rasanten Abfahrt schoss der Pedalkünstler, der gut und gern seine zweihundertfünfzig Pfund auf die Goldwaage brachte, wie eine gesengte Sau ums Eck der Polizeiinspektion. Mit schrill quietschenden Reifen kam das feuerrote Veloziped vor dem Holzschuppen im Hinterhof zum Stehen. Schorsch stieg ächzend aus dem Sattel, nahm einen kräftigen Schluck Isostar-Plus aus der Pulle und wischte sich den dicken Schweißfilm von der Stirn. Er schob sein Radl in den Schuppen, kettete es an einen dicken Balken und tappte in den Aufenthaltsraum, wo etliche hohe Metallspinde Staub ansetzten. Er entledigte sich seines buntscheckigen Trikots, das ihn als Mitglied des russischen Radrennsport-Teams „Katjuscha“ auswies, hängte es an einen Kleiderhaken und schlüpfte in seine zerknitterte grün-beige Uniform mit den vier grünen Sternchen auf der Schulterklappe. Schorsch war notorischer Frühaufsteher und als solcher kein Freund der Nachtschicht. Des Nächtens auf Streife zu gehen war für ihn wider die Natur. Primaten und somit auch der Mensch waren, in evolutionärer Hinsicht, tagaktive Karnivoren. Als solche standen sie bei Sonnenaufgang auf der Matte, um zu jagen und zu sammeln. Nachts schliefen sie in ihrer Höhle oder oben im Geäst eines Urwaldriesen. Schon um nicht zur Beute eines Bären oder einer gefrässigen Raubkatze zu werden. So war das menschliche Wesen beschaffen, mochten auch Ausnahmen die Regel bestätigen. Von daher war es eine Zumutung, dass die Nachtschichten im Polizeidienst nicht etwa um ein oder zwei Uhr in der Früh endeten, sondern erst am nächsten Morgen um Punkt sieben. Das Problem an dieser der menschlichen Natur zuwider laufenden Regelung war, dass sich im morgendlichen Berufsverkehr regelmäßig schwere bis schwerste Unfälle mit Personenschäden ereigneten, die ein sofortiges Eingreifen seitens der diensthabenden Ordnungskräfte erforderten: ein blöd gekiffter Lieferwagenfahrer mit zwei Promille Restalkohol im Blut, der am Lenkrad wegdämmerte und sich um den nächstbesten Alleebaum wickelte, ein gestresster Manager auf dem Weg zum Team-Meeting, der mit Tempo 180 in die Rostlaube einer Studienreferendarin am örtlichen Gymnasium schlitterte, die sich mit der Sturheit einer Öko-Jüngerin an die geltende Geschwindigkeitsbegrenzung von 70 km/h hielt. Die Beispiele menschlicher Unvernunft und Unvermögens waren mannigfach. Und wer durfte in aller Früh ausrücken, die verkohlten Fahrzeuge inspizieren und das Unfallprotokoll tippen? Er, Schorsch Wammetsberger! Kurzum, der zu Korpulenz, bayerischer Behäbigkeit und Wortkargheit neigende Hauptmeister scheute die Nachtschichten wie ein Vampir die Sonnenstrahlen.

20150815_2133Schlurfenden Schritts betrat er die Diensträume der Inspektion. Er brummelte ein missmutiges „Servus Xarre“ und erkundigte sich bei seinem Kollegen, ob es tagsüber irgendwelche Vorkommnisse gegeben hatte: „Wie schaut’s aus? War was?“ Sein Untergebener Polizeiobermeister Franz Xaver Gschwandtner gähnte gelangweilt und hebelte sich aus dem Drehstuhl: „Nix! Ois as usual – wie die Amis sagen. Grad eben hat uns die Zentrale ein Eil-Rund-Fax geschickt – den Empfang hab ich schon quittiert. Die Kriminalpolizei fahndet nach einem dringend Tatverdächtigen. Höchste Prioritätsstufe – Top Priority quasi, wie es bei CSI heißt.“

20141020_1468Wammetsberger reagierte verstimmt – und mokierte sich sogleich: „Weshalb schicken uns die Bratwürste ein Fax? Warum rufen die nicht bei uns an oder lassen uns die Nachricht auf den Pager zukommen? Halten uns die Grattler da droben für Dorftrottel?“ „Die bei der Kripo sind prinzipiell alle superwichtig, verstehst?“, erwiderte sein „Vize“ unverblümt. „Es geht um ein Kapitalverbrechen, genauer gesagt um Mord. In der Fahndungsmeldung heißt es, dass Spaziergänger heute Vormittag eine Leiche im Kreuzsteiner Forst aufgefunden hätten. Ein schon älterer Mann, sechzig plus, mittelgroß, von schlanker, hagerer Statur.“ Gschwandtner drückte seinem Boss den Faxausdruck in die Hand, den dieser unschlüssig betrachtete. Das sah nach Ärger, vielmehr noch es sah nach Arbeit aus. „Schau dir die Fotos der Leiche an, Schorsch. Aufgespießt wie ein Brathendl oder einen Ochsen auf der Wies‘n – mal was anderes!“ Als Gschwandtner den verständnislosen Blick seines Vorgesetzten gewahr wurde, legte er noch eine Schippe drauf: „Mit der Mistgabel. Das ist doch mal innovativ, oder? Ein Gewalttäter, der in punkto Mordwaffe auf die guten alten bäuerlichen Traditionen hält. Für mich ist jetzt aber Schicht im Schacht. Ich hab mir meine Halbe verdient!“ Wammetsberger grunzte ungehalten. „Nix da, da bleibst! Diese Mordsgeschichte schauen wir uns genauer an. In jedem Fall stellen sich zwei grundsätzliche Fragen: Wer ist Opfer, wer ist Täter?“, dozierte der gewichtige Dorfbulle wie ein Kriminologe in einem Seminar für angehende Provinz-Profiler.

P1010748„So schaut’s aus die Maus!“ erwiderte Gschwandtner ohne rechte Begeisterung für die Mord-Materie. „In 95 Prozent der Fälle kannst du davon ausgehen, dass das Opfer seinen Mörder gekannt hat. Daraus resultiert, dass der Mörder so gut wie immer ein Bekannter und mitnichten der Gärtner ist.“ Falls er von seinem Adlatus einen konstruktiven Beitrag erwartet hatte, sah Wammetsberger sich bitterlich enttäuscht. „Aber bloß weil jemand einen kennt, bringt er ihn doch nicht gleich um“, wandte Gschwandtner mit bestechender Analytik und zwingender Logik ein. Das Präludium, um mehr oder weniger elegant auf ein neues Thema zu wechseln: „Im Prinzip kann es jeder gewesen sein – kann ja auch jeder in den Forst hinein! Sollen sich doch die Kasperlköpfe von der Kripo das Hirn zermartern, welche Spinner nachts mit der Mistgabel im Wald herum hupfen. Ich bin mit dem Ignaz im Roten Adler verabredet.“ Er sah seinem Chef auffordernd an: „Schaust nachher auf a Hoibe vorbei, Schorsch? Eine geht schon!“

P1020102Wammetsberger blickte ihn missbilligend an. Aus unerfindlichen Gründen mochte er diesen odrahten Bazi, förderte und protegierte ihn nach Kräften. Ja, seit Jahren mühte er sich, ihn zu seinem Nachfolger aufzubauen. Die legere Dienstauffassung seines jeglichen Ehrgeizes abholden Schützlings konterkarierte indes bislang seine Bemühungen – und trieb ihn ein ums andere mal zur Weißglut. Gschwandtner mangelte es an innerer Stärke und Charakterfestigkeit, an der mentalen Einstellung und am Durchhaltevermögen. Eigentlich haperte es an allen, aber Schorsch war keiner, der die Flinte von vornherein ins Korn warf. Wammetsberger war nie ein Ehrgeizling gewesen, der Karriere machen und auf der Leiter nach oben wollte. Im Regelfall schob er mit Vorliebe eine ruhige Kugel – und achtete strikt darauf, jeden unnötigen Ärgerzu vermeiden – und möglichen Komplikationen aus dem Weg zu gehen. Seine Vorgesetzten mochten ihn für einen behäbigen, phlegmatischen, etwas minderbemittelten Fettwanst halten. Sie täuschten sich jedoch gewaltig. Wenn es darauf ankam, war er einer, der sich durchbiss, der dran blieb und nie aufgab. Wenn er Blut geleckt und eine Fährte entdeckt hatte, dann ließ er wie ein Bullterrier nicht mehr locker, dann erwachte der Jäger, der Spürhund in ihm. Und dieser Mistgabel-Mord weckte seine Neugier. Jemand musste einen gehörigen Grant gegen das Opfer gehegt haben. Er hielt Gschwandtner das Fahndungs-Fax unter die Nase. „Weißt was ich jetzt mach? Ich nehme mir den Wisch hier vor. Es ist meine Sache, was ich zu meiner Sache mach! Geht das rein in dein Spatzenhirn?“ Gschwandtner stand verlegen lächelnd an der Tür und überlegte, ob er zu seiner Ehrenrettung etwas vorbringen sollte, machte aber dann, dass er verschwand. Er tippte sich kurz an die Schirmmütze: „Pfiati Schorsch! Wir sehen uns beim Wirt!“

20150828_2159Verächtlich schnaubend sank Wammetsberger auf den Lehnstuhl. „Eine Arbeitsmoral – zum Grausen!“ Dreiunddreißig Dienstjahre hatten ihn gelehrt, dass in der Ruhe die Kraft lag. So es in seinem Revier zu keinen gröberen Unfällen oder Vorfällen kam, ließ er es gemütlich angehen. Er dekorierte seinen Schreibtisch mit turmhohen Aktenstößen, als ob er vollends damit beschäftigt sei, den Berg von Anzeigen, Einvernahmen und Dienstanweisungen abzuarbeiten. Im Schubfach darunter hatte er allerdings ein paar halbe Dunkle und eine Flasche Obstler gebunkert. Statt sich also mit Lappalien und Routinekram abzuplagen, ließ er sich lieber seine Brotzeit und sein Bier schmecken. Wenn immer es ging, überließ er es den strebsamen Jungbullen sich mit randalierenden Pickelgesichtern, Rocker-Rowdys und rumänischen Romas herumzuschlagen. Da er dreiundfünfzig, verheiratet und mit einem fein verästelten Netzwerk von Freunden und Spezln gesegnet war, war er als Beamter auf Lebenszeit so gut wie unantastbar und genoss Narrenfreiheit. Diese privilegierte Stellung gestattete es ihm, die PDV, die Polizeidienstvorschrift, nach eigenem Ermessen auszulegen und sich einige Freiheiten herauszunehmen. Sprich: Wammetsberger sorgte dafür, dass er in den Genuss gewisser Vergünstigungen und Annehmlichkeiten kam und sich keinen Haxen ausriss. So ignorierte er auch jetzt das penetrante Gepiepe und Gegurre des PCs. Er hatte neue Mails im Eingangsfach – na und? Der Lockruf der Silikon-Sirenen ließ ihn kalt. Was nutzte ein Tablet, Smartphone oder ein anderes IT-Utensil, wenn der Akku leer war oder jemand den Stecker zog? Nix! Nein, die digitale Welt war die seine nicht. Diese gestörten Gestalten, die unentwegt auf ihre Displays starrten, litten seiner Ansicht nach an einer autistischen Degeneration beider Hirnhälften. In ihren Eierköpfen lief eine Asperger-App. Hinter ihrer Google-Brille nahmen sie die wahre Welt nur noch durch einen Grauschleier wahr – und auch nur die Mosaiksteinchen, die in ihr verqueres Weltbild passten. Schorsch war kein Anhänger von Verschwörungstheorien, doch er war überzeugt, dass die Zombies dereinst nicht aus Kellerverschlägen, sondern aus den Kabelschächten hervorkrochen. Im Web wimmelte es nur so von hochgradig ansteckenden Erregern, von Würmern und Trojanern, die das Hirn befielen und irreparabel schädigten. Eine Seuche, die sich in rasender Geschwindigkeit ausgebreitet und die Ausmaße einer globalen Pandemie angenommen hatte. Doch gegen den Virus 2.0 war er immun. Schorsch musste sich allerdings eingestehen, dass die diversen Datenbanken der Polizeibehörden, aber auch Google & Co. eine wahre Fundgrube waren, um Fakten zu sammeln, die Hintergründe zu recherchieren und Fallprofile zu erstellen. Zu irgendwas mussten diese Scheißdinger ja auch taugen, dachte er gehässig.

20150903_2141Buchstabe für Buchstabe hämmerte er sein Passwort „Elfriede0709“ – Name und Geburtstag seiner „Holden“ – in die Tastatur und suchte gleichzeitig mit der anderen Hand die ellenlangen Fahnen des dünnen Faxpapiers zu bändigen. Mit halbem Auge sah er, wie sich die Schwarzweiß-Fotografie des Toten unter der Berührung seiner Finger wirr wellte und nur bruchstückhafte Teilpartien des Gesichts – Wangen, Mund, Stirn – zum Vorschein kamen. Nach heldenhaftem, aber vergeblichem Kampf hatte sich Schorsch heillos in den Papierbahnen verheddert. Fluchend suchte er in dem Wust nach Angaben zur Person des Opfers. „So ein Scheißdreck, so ein geschissener! Irgendwo muss doch stehen wie …“ Da schrillte das Telefon – wie immer im unpassendsten Moment.

„Toter Winkel“ Copyright 2015 Dinesh Bauer

Im Buchhandel oder bei den Book-Shops:

http://www.buecher.de/shop/bayern/toter-winkel/bauer-dinesh/products_products/detail/prod_id/42702192

IMG_1875

Val di Cembra – Von Braunbären, Brombeeren & Pyramiden

Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sentiero Piramidi

20150803_201620150803_2008

Der Pyramidenpfad biegt nach rechts in den Bergwald ein. In den Wald – und nicht in die Wüste? Bei den Pyramiden handelt es sich um die von Segonzano und nicht die von Gizeh. Ich bin also nicht in Ägypten sondern im Trentiono unterwegs. Doch die wie Pilze in die Höhe schießenden Erdpyramiden sind nicht minder spektakulär als die wuchtigen Weltwunder von Cheops& Co.

20150803_2013Und hier waren nicht die alten Ägypter, sondern die Natur am Werk. Wind und Wetter formten oberhalb des Dorfs Segonzano unglaubliche Kreationen, die ausschauen wie die Sandkastenburgen eines Surrealisten vom Schlage Salvador Dalis. Der Schwerkraft Hohn sprechende Türmchen, Nadelspitzen und messerscharfe, sichelförmige Erdwälle. Für die Geologen ist die Sache klar: die Erosion ist Schuld an dem Naturschauspiel. Sie schürfte, fräste und schälte die Erdpyramiden aus den von den Gletschern angelagerten, amorphen Gesteinsmaterial. Das aus Kies und Erdklumpen zusammen gebackene Konglomerat ist seit Jahrtausenden dem Wüten des Wassers relativ schutzlos ausgeliefert. Doch dort wo harte Felsbrocken als „Schutzpanzer“ fungieren, hält das weichere Material darunter den Elementen viel länger stand, als außen herum. So entstanden die hoch aufragenden Erdsäulen und Kieskegel – mit dem Felshut auf dem hohen giraffenartigen Hals. Eine der Felsen in der zweiten Pyramidengruppe hat einen besonders stattlichen napoleonesken Hut – auf. Dieser wiegt über hundert Tonnen – und wirkt als natürliches Dach, dass das darunter liegende Gesteinsgebäck vor den Unbilden der Witterung bewahrt.

Orso in Bosco

20150803_2022Der Piz de Agole – ist ein markanter Aussichtspunkt, hoch über dem Dorf Cembra. Von hier hat man das gesamte untere Tal des Torrente Avisio im Visier. Der Blick reicht hinüber zu den Felsgipfel der Paganella, zu den Felskämmen hinter der Pinè-Hochebene im Süden und bis zu den Ausläufern der Brenta-Gruppe im Westen. Piz de Agole bedeutet im heimischen Dialekt: Spitze des Adlers. Auf der letzten Felsklippe erhebt sich ein Kreuz mit einer gewaltigen, lebensechten Jesus-Statue. Der Heiland sieht so aus, als ob er jeden Moment seine Fesseln sprengen und vom Kreuz herabsteigen wolle. Kein leidender, demütiger sondern ein wild entschlossener Gottessohn. Doch hier geht es weder um den Messias, noch um den majestätischen Königsvogel der Lüfte. Auf dem Rückweg treffe ich am Rande einer kleinen Almsiedlung – La Maderlina – einen wettergegerbten Holzhackerbuam. Die Leute im Cembra-Tal sind fast immer freundlich – und manchmal auch leutselig und gesprächig, wenn ich, der bayrische Wandersmann, zufällig ihren Weg kreuze. So auch in diesem Fall. Der alte „Contadini“ hält in seiner Arbeit inne – und wir plaudern ein wenig. Wo ich herkomme will er wissen, er sei aus Lisignago und sei den ganzen Tag über damit beschäftigt, Stämme zu entasten und die Äste klein zuhacken. Auch wenn es heue um die 35 Grad hat meint er lachend, kann er den Winter schon im Gebein fühlen.

20150803_2000Ich erzähle ihm begeistert von meiner Wanderung zum Piz de Agole. Er scheint hocherfreut über meine Wegwahl. Jedenfalls grinst er wie ein Honigkuchenpferd und zieht eine Fotografie aus seiner Hosentasche. Die Aufnahme ist etwas verwackelt, die Konturen etwas verwaschen. Das Sujet aber ist eindeutig zu erkennen: ein rundliches, pelziges Wesen mit einem gewaltigen Schädel und der charakteristischen, spitzen Schnauze: ein Braunbär. Ob ich den vielleicht gesehen habe? will der freundliche ältere Herr wissen.  Der „Orso“ treibe sich seit einiger Zeit hier herum – doch er habe ihn schon seit längerem nicht mehr erspäht und es könne sein, dass der junge Bär weiter gezogen sei. Dass wäre schade meint der zahnluckerte Holzfuchs mit einem breiten Grinsen. Mir hingegen rutscht das Hasenherz bis in die Hose. Attenti al cane? Attenti al orso!

Mora et labora

20140815_1253Mora heißt Brombeere, die Himbeere dagegen Lampone. Im Tal des Rio Molino, des Mühlbachs, oberhalb des Dörfchens Grauno, könnte sich eine ganze Sippschaft neolithischer Jäger und Sammler von den überall wild wachsenden Beeren ernähren. Ich schlage mir hemmungslos den Wanst mit den süßen Früchtchen voll – und kann mich kaum daran satt essen. Ein Wunder an natürlichen Aromen und intensivem Geschmack – zum schlemmen und genießen! Kein Vergleich mit den Beeren, die an unseren Marktständen in Pappmaché-Schalen feil geboten werden. Grauno selbst ist ein Bergdorf wie im Bilderbuch. Der alte Ortskern klebt an dem Steilhang wie ein Adlerhorst. Die gepflasterten Gässchen sind teilweise so steil, dass man separate Stufen für die Fußgänger angelegt hat. Im Winter kann man hier sicher mit dem Rodel durch die Gässchen sausen. Mein Weg führt durch wunderschönen Lärchenwald, über Hochweiden und Hochmoore hinauf zur Südtiroler Grenze und weiter zur Malga di Corno.

20150801_2058Unterwegs passiere ich den Weißensee – ein Feuchtbiotop, der ursprüngliche See ist so gut wie verlandet, nur noch ein paar von Schilfrohr umwucherte Tümpel lassen erahnen, dass hier einmal ein Bergweiher zum Baden lockte. Von der Alm – die auf italienisch Malga heißt – hat man einen gewaltigen Fernblick, über das Fleimser- und Fassa-Tal bis zu den Bergstöcken der Dolomiten über Canazei. Den Vordergrund beherrschen die beiden monolithischen Pyramiden des Weiß- und Schwarzhorns. Ich biege ums Eck der geduckten Alm und erlebe einen kleinen Kulturschock. Über drei Stunden sind mir lediglich drei Autos – vollgepackt mit Kind und Kegel – begegnet, die auf den Weg zu ihren jeweiligen Alm-Resorts waren. Denn auf der „italienischen“ Seite des Bergrückens trifft man kaum jemand, der per pedes unterwegs ist. Auf der „Südtiroler“ Seite wandelt sich das Bild indes schlagartig. Die Wanderameisen in ihrer grellbunten Outdoor-Kluft wuseln emsig ihres Weges. Auf den Bierbänken der Alm hocken denn auch ganze Heerscharen von Hikern und Bikern, herrscht der mir von den Münchner Hausbergen her zur genüge bekannte Bergtouri-Rummel. Bedienungen in leicht geschürzten Dirndln-Verschnitten hasten hin und her, um die durstigen und hungrigen Mäuler zu stopfen. Alles kostet das doppelte als unten im Cembra-Tal. Ich verzichte dankend auf die Speckknödelsuppe zu 8 Euro – und mache mich frohen Fußes auf den Rückweg. Der Weg ist das Ziel – und der führt mich hinab nach Grauno, ins Tal von Cembra, das dereinst einmal Zimmern hieß.

Dinesh Bauer

20150802_2041Lust auf mehr von Mir? Meine Autoren-Seite freut sich über ihren Besuch. Schauen Sie auf einen Sprung vorbei…

http://www.buecher.de/shop/bayern/toter-winkel/bauer-dinesh/products_products/detail/prod_id/42702192

Übernachtungsmöglichkeit gesucht? Hotel al Caminetto, Via C. Battisti, 7, 38034 Cembra TN, +39 0461 683007, http://www.hotel-alcaminetto.it/

Toter Winkel – Mein neuer Alpen-Krimi

Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , ,

TOTER WINKEL – so heißt mein erster Alpen-Krimi beim Berliner Aufbau Verlag. Am 12. Oktober ist er erschienen. Ihr findet ihn in der Buchhandlung eurer Wahl, oder auf Online-Shops wie Bücher.de oder Thalia.de. Meidet nach Möglichkeit Amazon – diesen monopolistischen Ami-Laden. Würde mich freuen, wenn ihr in meinen weiß-blau gefärbten Krimi reinschaut. Es ist ein wirklich schönes Buch geworden, sehr bayrisch und sehr authentisch. Eine Liebeserklärung an das Land vor den Bergen – an seine kantigen Charaktere und liebenswerten Kraftnaturen.

AnderSchlossmauerIhr wollt wissen um was es in der Mordsgeschichte geht? Ein kleines Appetithäppchen gibt’s vorneweg. Aber lasst euch danach den Schweinsbraten, die Knödel – und eine Halbe Bräuberger Hell schmecken.

Euer „Alpen-Autor“ Dinesh Bauer

Um was es geht?

Kommissar Korbinian Eyrainer findet beim Holzhacken einen Toten. Beim Mordopfer handelt es sich um den Höllhof-Bauern Sixtus Eder. Mit der Mistgabel an einen Baum genagelt. Für Kripo-Mann Eyrainer liegt der Schluss nahe, dass der Schatten nicht weit vom Stamm fällt. Denn dessen jüngerer Bruder Sebald ist seit der Mordnacht spurlos verschwunden. Dunkles Familiengeheimnis oder profane Habgier – diese Frage stellt sich auch der Schwager der Gebrüder Eder: Dorfbulle Schorsch Wammetsberger. Er ermittelt mit seinen „Spezln“ Franz Xaver Gschwandtner und Ignaz Irgl auf eigene Faust. Logisch, dass der nächste Tote der Nachbar der Eder-Brüder ist.

Staffel2_mai2012Was macht das Besondere des Buches aus? 

Die Geschichte spielt im bayrischen Oberland – dem „Grenzgau“.  Der Landstrich südlich von München, entlang den Alpen zwischen Lech und Traun. Das Setting spricht jeden an, der die Bayern und die Berge liebt. Im O-Ton spricht man bayrisch – und die Protagonisten sind felsenfest mit ihrer „Hoamad“ verankert. Der Tote Winkel ist ein Alpen-Krimi wie er im Buch steht. Mit knorrigen und kauzigen Protagonisten. Skurril, komisch und spannend. Weiß, blau und wild. Da ist alles authentisch, wenn auch ein wenig überzeichnet.

Serie? 

Sowieso. Der „Tote Winkel“ gehört zu einer Krimi-Reihe – eben den Grenzgau-Krimis. Die Episoden/Fälle sind jedoch vollkommen unabhängig voneinander und nur durch die gleichen Schauplätze und natürlich durch dieselben Protagonisten locker miteinander verwoben. Der nächste Alpen-Krimi mit Eyrainer, Wammetsberger & Co. ist schon in Vorbereitung.

Ich?

Hans-Peter Dinesh Bauer, Jahrgang 63, stamme aus der Nähe von Bad Tölz. Ich arbeite seit 25 Jahren als Journalist für Presse und Fernsehen. Lebe in München und im Tölzer Land. Meine Bayern-Krimis sind eine heimliche Liebeserklärung an das weiß-blaue Land vor den Bergen.

DER TOTE WINKEL – zum Beispiel bei Bücher.de!

http://www.buecher.de/shop/bayern/toter-winkel/bauer-dinesh/products_products/detail/prod_id/42702192

 

Mount Hitler: ein Gipfel-Anachronismus

Schlagwörter

, , , , , , , , ,

IMG_2124_EverestMount Everest. Mount Mc Kinley. Pico Cristobal Colon. Carstensz-Pyramide. Einige der größten und berühmtesten Felsspitzen wurden nach mehr oder weniger bekannten und bedeutenden Persönlichkeiten benannt. Nach einem britischen Landvermesser, einem amerikanischen Präsidenten, einem genuesischen Entdecker in Diensten der kastilischen Krone, einem holländischen Navigator, der an den Küsten Neuguineas entlang schipperte. Und da wären neben dem Pik Lenin, der heute noch so heißt, der Pik Stalin alias Pik Kommunismus alias Pik Ismail Somoni zu nennen.

193px-HeiglkopfDer letztere 7495 Meter hohe Berg im Pamir zeigt, dass sich die Namen eines Gipfels je nach politischer und ideologischer Schönwetterlage durchaus ändern können. Während der aus Fels und Eis geformte Bergriese selbst eine weitaus längere Lebensspanne sein eigen nennt als die von Menschen gemachten Namen. Ein schräges, ja skurriles Beispiel für die Unbeständigkeit menschlicher Gipfelnomenklatura ist der Hitler-Berg im Isarwinkel.

heigelkopf16Eine Geschichte, die eher einer Provinzposse oder einer Schildbürger-Mär gleicht. Handelt es sich beim „Mount Hitler“ nicht etwa um einen markanten, die Umgebung überragenden Granitgiganten oder Dolomit-Riesen, sondern um einen unscheinbaren Wald- und Wiesenbuckel in den bayrischen Voralpen. Den 1205 nach anderer Lesart 1218 Meter hohen Heigel- oder Heiglkopf oberhalb von Wackersberg bei Bad Tolz. Vom Tal in eineinhalb Stunden und von der Blomberg-Bergbahn in 20 Minuten zu besteigen. Ein sanfter, von Kuh-Hufen gezeichneter Grasgrat stapft zum Gipfelkreuz hinauf. Von den zwei Bankerln aus weitet sich der Blick ins Isartal. Ringsum friedlich wiederkäuendes Almvieh, dass sich die frischen Berggräser einverleibt. Und regelmäßig dicke, tellerförmige Fladen zu Boden plumpsen lässt. Hier oben erinnert nix an den „Führer“ – außer den braunen Rindvieh-Exkrementen.

Bild0803Und doch führte Google-Earth über Jahre hinweg die Muh- und Kuh-Höhe unter den Namen Hitler-Berg. Wenn man den Namen in die Suchmaske eintippte, erschienen die GPS-Daten des Heigelkopfs. Wie konnte es zu dieser absurden Fehl-Benennung kommen? Nun, ganz einfach: Zur glorreichen Zeit des Dritten Reichs trug die Wiesenkuppe tatsächlich den Namen des vom Volk weithin verehrten und mit Gunstbezeugungen überhäuften Reichsführers. Da wollten die wackeren Wackersberger nicht nachstehen.

Bild0805Eingefleischte Führer-Fans benannten die Anhöhe gleich 1933 nach den Mann der Stunde. Der Gemeinderat zögerte daraufhin nicht lange und beschloss Adolf Hitler zum Ehrenbürger zu ernennen. So wie Tausende anderer Gemeinden auch. Hitler bekam obendrauf seinen eigenen, wenn auch etwas mickrigen Berg. Auf dem Gipfel wurde im Juli 1933 ein gewaltiges, aus Eisen gegossenes Hakenkreuz aufgestellt. Nach 1945 wurde dieses „Gipfelkreuz“ als unpassend empfunden und durch ein schlichtes Holzkreuz ersetzt. Dieses markiert bis heute den höchsten Punkt des Heigelkopfs – eine Bronzetafel erinnert an die Gefallenen der Weltkriege. Der Heigelkopf hat seinen Frieden wieder – Google Earth hin, Google Earth her. Und was sind Namen – denn Schall und Rauch.

Dinesh Bauer

Meine Bücher gibt’s in den Buchhandlungen und in Online-Shops. Schmökern Sie rein. Mord dahoam – und auf bayrisch.

http://www.buecher.de/shop/bayern/toter-winkel/bauer-dinesh/products_products/detail/prod_id/42702192

 

Komischer Kauz – Huhuhuhu…

Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

„Buhu, buhu, buhubuhu buihu“ – ja er ist wieder da. In unseren Wäldern. Der Habichtskauz alias Strix Uralensis macht den Mäusen das Leben schwer. Zumindest im Nationalpark Bayrischer Wald. Hier wurde der Kauz erfolgreich „ausgewildert“. Dass sich die majestätische Eule mit dem Schleierblick im „Woid“ sichtlich wohl fühlt zeigt den Biologen eines: das raue Bergland wird wieder zum Urwald.

20140815_1237Aller Anfang ist allerdings schwer. In einer Voliere mitten im dichten Mischwald sitzen fünf junge Habichtskäuze auf ihren „Kratzbäumen“ – und ahnen noch nicht, dass ihnen gleich die große Stunde schlägt. Die Stunde der Freiheit. Denn heute werden sie in selbige entlassen. Der Ort an dem für die Kauz-Kinder das Abenteuer Freiheit beginnt ist ein gottverlassener. Die Voliere duckt sich unter mächtige Buchen- und Ahornbäume am Rand einer Lichtung, auf der im Winter das Rotwild gefüttert wird. Ahornschachten heißt der Platz an dem Fuchs, Hase und Habichtskauz gute Nacht sagen. „Wir befinden uns hier im Erweiterungsgebiet des Nationalparks Bayrischer Wald, im Zwiesler Winkel. Auf rund 750 Höhenmeter, mitten im Lieblingsterrain der Käuze. In  einem dichten, strukturreichen Laubwald“, erklärt mir der Leiter der Tierfreigehege im Nationalpark Dennis Müller.

20140815_1198Müller ist Tierarzt und kümmert sich „federführend“ um die „Mission Habichtskauz“. So begleitet er auch heute seine Schützlinge beim „Flug in die Freiheit“. Zwei Tierpfleger und drei Tiermedizin-Studentinnen im letzten Semester assistieren ihm. Denn bevor die Habichtskäuze ins Ungewisse starten, gilt es noch ein paar wissenschaftliche Daten zu dokumentieren: das grauweiße, schwarz gestrichelte Federkleid wird abgetastet, die Stärke der Brustmuskulatur untersucht und der After auf wunde Stellen abgeklopft. Und dann werden die knochigen Füße der Käuze beringt: „11340“ ruft Müller – eine der Studentinnen schreibt mit. Denn die jungen Käuze haben zwar keine Namen, aber Nummern. Damit jedes Tier klar identifiziert und sein Revierverhalten nachvollzogen werden kann. Sprich: Wo gehen die kleinen Räuber am liebsten auf Beutezug.

20140815_1175Bei der Prozedur packt der Tierpfleger die Racker am Kragen. Die fühlen sich sichtlich unwohl in ihrem Fell. Die Jungspunde sehen in ihren zerrupften Federkleid wie „Unglücksraben“ aus. Runde, kohlschwarze Augen lugen ängstlich umher. Doch der Habichtskauz ist alles andere als ein „armes Hascherl“. Im Gegenteil: er ist ein Raubvogel, der schnell und erbarmungslos zuschlägt. Das wissen auch die Pfleger. Sie haben dicke Lederhandschuhe übergestülpt. Die nach innen gebogenen Krallen sind messerscharf – und werden so mancher unvorsichtigen Rötel- oder Schermaus zum Verhängnis werden.

20140815_118220140815_1188

Die in Gefangenschaft ausgebrüteten und großgezogenen Käuze sind erst seit zwei Wochen in der Voliere, um sich an die Verhältnisse draußen in der Natur zu gewöhnen – bei voller Kost und Logis. Nun ist allerdings Schluss mit lustig – die Fünf müssen raus aus der Pension Waldesruh, um sich ihr Futter in Wald und Flur selbst zu suchen. Bevor es ab auf die Bäume geht, begutachtet Müller jeden einzelnen Jungvogel mit Argusaugen. Seine Einschätzung dessen physischen Zustands gibt er einer der Studentinnen zu Protokoll: „Gut entwickelt. Da fehlt sich nichts!“ „Die Eins und die Vier sind etwas kleiner und schwächer als die anderen. Wir lassen sie trotzdem fliegen – sie länger in der Voliere zu lassen, bringt nichts. Die werden schon flügge!“

Habichtskauz_SchnabelKrallenNun beginnt der Ernst des Lebens. Der Reihe nach werden die Kleinen mit aller gebotenen Vorsicht auf den Waldboden abgesetzt. Sofort breiten sie ihre Schwingen und – man hört nicht den geringsten Laut. Da ist kein hektisches Flügel schlagen, kein wildes Geflatter zu vernehmen. Eulen sind eben keine Enten oder Tauben. Wie schwerelos gleiten sie davon, um auf einem der Äste hoch oben im Geäst zu landen. Dort sitzen Sie wie kleine Könige auf ihrem Ast und schauen herab, was die Zweibeiner dort unten treiben. Nur Nummer Vier blickt etwas verdattert aus der Wäsche als er da plötzlich so verloren auf dem „Trockenen“ sitzt. Es dauert eine Weile bis er sich wie seine Brüder und Schwestern in die Lüfte erhebt und mit gravitätischer Leichtigkeit davon segelt. Nun wird das Netz der Voliere zurückgeschlagen – für die Jungvögel, die in der Anfangsphase noch Schwierigkeiten mit „Mutter Natur“ haben, bleibt das „Hotel Mama“ noch einige Tage geöffnet. Auch der Tisch wird anfangs noch gedeckt. In der Futterschale wartet ein köstlicher Happen: dicke, fette Mäuse.

20140815_1196Um sich ihre Leibspeise zu greifen, nähern sich die Jungjäger auf leisen Schwingen, fahren die Krallen aus und sind auch schon wieder weg. Da möchte man nicht Maus sein. Mit schnellen Flügelschlägen kurven sie im Zickzackflug durch die Zweige und steuern mit der unglaublichen Präzision geborener Flugkünstler ihren Ausguck an. Zeit sich von den „Neuen“ im Nationalpark zu verabschieden: „Die werden jetzt schon in der Dämmerung auf Jagd gehen. Denn die müssen jetzt liefern“, merkt Müller lakonisch an.

Komischer Kauz im Aufwind

„Im Nationalpark werden nur Tiere ausgewildert, die schon früher hier heimisch waren, wie der Auerhahn, der Kolkrabe oder eben der Habichtskauz“, betont Dennis Müller auf dem Rückweg zum Betriebshof in Altschönau. Für den bekennenden „Kauz-Fan“ ist die Ansiedelung der zweitgrößten Eulenart Europas eine besondere Erfolgsstory.  Charakteristisch ist ihr ausgeprägter Gesichtsschleier, ein strahlenförmiger, außen dunkel gesäumter Federkranz, dass sie ein bisschen wie die Inkarnation eines weisen Indianers im Federschmuck aussehen lässt. Mit einer Größe von 60 Zentimetern, einer Flügelspannweite von 1 Meter Zwanzig und einem Gewicht von bis zu 1200 Gramm übertrifft Sie nur der Uhu an „Masse“. In den nordischen Wäldern ist die Eule mit den großen dunklen Knopfaugen und den wachsgelben Schnabel noch häufig anzutreffen. Im Böhmerwald war das „Buhu buhu“ seit Jahrzehnten verstummt.

20140815_1197Mitte der 70er Jahre startete der Zoologe Dr. Wolfgang Scherzinger, der „Vater der Wiederansiedelung“, jedoch ein bahnbrechendes Projekt. Aus Nachzuchten wurden über die Jahre rund 200 Jungvögel ausgewildert, mit dem Erfolg das 2014 allein im Nationalpark Bayrischer Wald 16 Brutpaare gezählt wurden. Wobei die „Dunkelziffer“ um einiges höher liegt, da nicht jede Kauz-Liaison ans Licht kommt. Kauze kennen zudem keine Grenzen – und so brüten auch auf tschechischer Seite, im Nationalpark Sumava, mehrere Paare. „Das Auswilderungsprogramm funktioniert prima“, strahlt Müller über beide Ohren. „Die frei lebende Population in den Bergen ist stabil und breitet sich nach Westen und vielleicht auch bald Richtung Süden, zur Donau hin, aus.“

20140815_1211Für Müller ist der Kauz ein „Naturnähezeiger“ wie es im Biologen-Jargon heißt. „Käfig auf, Tier frei – so einfach läuft das nicht“, paraphrasiert Müller den Umstand, dass viele Faktoren zusammenkommen müssen, damit eine Tierart eine „zweite Chance“ bekommt. „In den Forsten finden die Käuze keine alten, innen hohlen Bäume oder von anderen Vögeln wie Spechten gezimmerte Höhlen im Holz. Nur wenn er einen geeigneten Platz für sein Nest findet, brütet er.“ Um den Eulen das überleben zu sichern, muss natürlich das geeignete Habitat geschaffen werden. Dichte Fichtenwälder sind nicht so ihr Fall. Habichtskäuze lieben vielmehr alte Buchen-Wälder. Dort beziehen Sie als weitgehend monogam lebende „Ehepaare“ ihr eignes Revier: „Die Käuze untereinander sind auf Abstand bedacht. Das wichtigste ist allerdings ein Areal mit vielen Mäusen, ein gutes Jagdgebiet also. Denn ihr Leibgericht sind Mäuse, vor allem alle Arten von Wühlmäusen. Das ist bei einem solch großen Vogel schon verwunderlich – aber so ist es. Ein solches „Mäuseloch“ kann dazu führen, dass mehrere Paare relativ dicht nebeneinander brüten. Zwischen einzelnen Horsten liegen jedoch im Minimum zwei bis drei Kilometer“, erläutert Müller.

Habichtskauz-mitPflegerDoch auch die beste Planung und Vorbereitung ist kein Garant dafür, dass das „auswildern“ in der Praxis klappt. „Wir haben versucht dem Auerhuhn, dass ja so eine Art Wappentier des bayrischen Walds ist, auf die Sprünge zu helfen. Doch sein Lebensraum, der Bergmischwald, hat sich zumindest in den mittleren Zonen wohl so verändert, dass es damit nicht mehr zurechtkommt. Das hat nicht funktioniert“, räumt Müller freimütig ein. Nur um mit einem verschmitzten Lächeln zu relativieren: „Die Auerhühner gibt es nach wie vor. Nur weiter oben in den höheren Lagen im reinen Fichtenwald, dort hat es ohne unser Zutun überlebt.“ Zwei dereinst zwischen Dreisessel und Arber ansässige Raubtiere werden allerdings keine Renaissance im Bayerwald erleben: Braunbär und Wolf: „Dafür sind die Vorbehalte und Ängste bei den Menschen einfach zu stark“, gibt Müller unumwunden zu. Es wird also weder der Wolf heulen, noch der Bär steppen. Der Habichtskauz aber macht die große Flatter.

Text und Bilder: Dinesh Bauer

Sie wollen mehr von mir lesen? Schauen Sie auf meiner Autoren-Seite vorbei – und schmökern Sie in einem meiner Alpen-Krimis, selbstredend kostenlos…

http://www.amazon.de/Hans-Peter-Dinesh-Bauer/e/B005F2DLJK

20140815_1252