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Anfang November steht die Sonne schon früh am Nachmittag tief überm Horizont. Ihre schräg einfallenden Strahlen tauchen den Friedhof Westenhofen in ein weiches, warmes Licht, dass die Messingknäufe auf den schmiedeeisernen Grabkreuzen wie pures Gold aufschimmern lässt. Unter einem der Eisenkreuze liegen – zumindest angeblich – die sterblichen Überreste des Georg „Girgl“ Jennerwein. Immergrüne Latschenkiefern wachsen und wuchern wie wild. Hinter der Fiedhofsmauer schauen die Berge auf das Grab herab. Im Westen die Waldbuckel zwischen Schliersee und Tegernsee, nach Süden hin stehen die von frisch gefallenem Schnee bestäubten Gipfel von Brecherspitz, Jägerkamp und Rotwand Spalier. Dort oben war der „Jennerwein Girgl“ Zeit seines irdischen Lebens zu Hause, als Holzknecht und als Wildschütz.

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Und dort oben an der Rinnerspitz, „am Peißenberg bei Tegernsee“, wurde er am 6. Oktober 1877 von „feiger Mördershand“ hinterrücks erschossen. Die Bühnenleinwand für das Leben und Sterben des „Schütz vom Schliersee“ ist also rund um sein Grab aufgespannt. Ein wildes, bewegtes Leben das mehr Stoff als für drei Akte im Bauerntheater bietet. Eine Geschichte wie aus einem griechischen Epos geschnitzt. Der Wilderer als Archetyp von Freiheit, Mannesmut und Unerschrockenheit. Eine Blaupause für eine archaisch, anarchische Tragödie vor melodramatischer Bergkulisse. Ein ins bayerische Oberland strafversetzter Wildwest-Plot.

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Die Wilderer des 19. Jahrhunderts, waren so etwas wie Volkshelden, heldenhafte Gestalten – verwegen, gerissen und mit einem großen Herzen für die Armen. Der „Jennerwein Girgl“, ein aus Haid bei Holzkirchen gebürtiger Holzknecht war ein solcher Held. Ein „rauer Romantiker“ so Recht nach dem Geschmack der „einfachen Leut“: Zitherspieler, Gstanzlsänger, Weiberheld – und ein Schütze, der mit schlafwandlerischer Sicherheit das Schwarze der Scheibe traf. Das weibliche Geschlecht hatte ein Faible für den feschen, kecken Burschen mit seinen graue Augen und einen schief im Mund sitzenden Schneidezahn, der sich von niemandem kujonieren und herum kommandieren ließ. Die Jäger und einige Burschen, denen der „Girgl“ die Schau bei den Madln stahl, hegten weniger Sympathien für den widerspenstigen „Schützen“. Für Sie war er ein Raufbold und Zechbruder, der öfter seinen Vergnügungen auf dem Tanzboden und im Wirtshaus nachging, als einer geregelten Arbeit. Jeder um den Schliersee herum wusste, dass sich Jennerwein mit der Wilderei ein Zubrot verdiente, aber es konnte ihm nie etwas nachgewiesen werden.

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Der Girgl war zusammen mit seinem Freund, dem Unterschwaigbauern Markus Hofberger aus Westenhofen in den „70er Krieg“ gezogen und hatte den Feldzug gegen Frankreich mitgemacht. Im Feld hatte er seinen Schießkünsten den letzten Schliff gegeben. Als er vom „Dienst am Vaterland“ zurück kam, stand er mit leeren Händen da. Und er nahm sein unstetes Wilderer-Leben wieder auf. Der „Hennerer“ am Prinzenweg hinüber nach Tegernsee war seine Stammschenke, aber er war auch in anderen Wirtsstuben und Kaschemmen in der Schlierseer Gegend anzutreffen. Dem schneidigen Schütz wurden mehrere Liebschaften nachgesagt, doch seine „Favoritinnen“ waren die „Rosl“, Kellnerin beim Hennerer, und die Agathe, Sennerin von der Baumgarten-Alm, die Mutter seiner Tochter Rosl.

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Sein gewaltsamer Tod am 6. November 1877 bietet den Jennerwein-Jüngern bis heute breiten Raum für Spekulationen. In den Gerichtsakten stellt sich der Fall so dar: Jennerweins grausig zugerichtete Leiche wurde am 14. November auf einer Waldlichtung am zwischen Spitzing- und Tegernsee gelegenen Peißenberg aufgefunden. Die rechte große Zehe steckte im Abzug seines Gewehres und das Unterkiefer war zerschmettert. Ein Teil der Wange mit einem Stück Schnurrbart hing in den Ästen einer Fichte. Der Tote wies eine weitere Schusswunde im Rücken auf, die jedoch nicht zum Tod geführt hatte. Der Tat bezichtigt wurde sein früherer Freund Johann Josef Pföderl. Der Jagdgehilfe Pföderl bestritt vor Gericht vehement etwas mit dem Ableben Jennerweins zu tun zu haben – und beteuerte seine Unschuld. Auch der Jäger Simon Lechenauer geriet in Verdacht. Doch es war Pföderl, der für acht Monate ins Zuchthaus wanderte. Pföderl wurde indes seines Lebens nicht mehr froh. Nach seiner Entlassung wurde der „hinterhältige Mordschütze“ wie ein Aussätziger behandelt. Er begann unmäßig zu trinken, verfiel zusehends und starb am 12. Juli 1889 in Tegernsee als Schatten seiner selbst. Als sein Ende nahte, bedrängten ihn Wahnvorstellungen. So sah er sich im Delirium mit dem Teufel zur Hölle fahren. Pföderl fiel dem Vergessen anheim – doch sein Opfer wurde ob seiner mysteriösen Todesumstände bald zum „Wildschütz Jennerwein“ verklärt.

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In der Legende wurde er zum „Freiheitshelden“ hochstilisiert, der gegen die Obrigkeit aufgemuckt hatte und deshalb sterben musste. Eine Art bayerischer Che Guevara also. Begraben wurde der Wildschütz in Schliersee, seinem „Lieblingsort“. Genauer gesagt: im Friedhof Westenhofen. Doch ob das Grab wirklich die Stelle markiert an dem die Gebeine des gemeuchelten „Märtyrers“ der Auferstehung am jüngsten Tag harren, scheint fraglich. In den Jahren 1890 und 1900 wurde der Westenhofener Friedhof erweitert. Die Honoratioren des Orts waren von der Aussicht wenig begeistert, neben einem notorischen Unruhestifter und Wilddieb beigesetzt zu werden. So wurde sein Grabkreuz in einer „Nacht- und Nebel-Aktion“ an einen anderen Platz versetzt. Während des Zweiten Weltkrieges verwilderte Jennerweins Grab. 1947 bezahlte der „Peißl Wastl“ die fünf Mark Aufstiftungsgebühr, um die „Auflassung“ des Grabs zu verhindern.

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In den Nachkriegsjahren übernahmen die Mitglieder des Schlierachtaler Trachtenvereins die Grabpflege. Als Anderl Hoffmann, der „Schlierachtaler Ehrenvorstand“ 1961 verstarb, „beichtete“ Hoffmann auf dem Sterbebett, dass sich in Jennerweins Grab nur der „Hax vom Beischä“ befinde und sonst nichts. Der „Beischä“ war zwar auch ein Wilderer, aber einer der keine großen Spuren in der Geschichte hinterließ. Von ihm wird lediglich berichtet, dass ihm auf frischer Tat die Kugel eines Jägers so unglücklich in die Kniekehle traf, dass ihm das rechte Bein amputiert werden musste. Eben jenes Bein liegt – glaubt man den letzten Worten jenes Anderl Hoffmanns – im Grab vom Jennerwein. An seinem 99. Todestag im Jahr 1976 hängten Unbekannte eine gewilderte Gams um sein Grabkreuz. Und noch eine Besonderheit weist das Grab auf: als Weihwasserkessel dient ein Maßkrug – bis heute.

Dinesh Bauer

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