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Heimat, deine Ferne. Na, weit weg ist die Heimat nicht. Von München aus, über die A 95 Richtung Garmisch-Partenkirchen. 15 Minuten bis zur Ausfahrt Wolfratshausen. Zur Baustellen-Zeit dauert es etwas länger. Unterwegs sieht man schon eine Reklametafel mit der Silhouette eines Flößers am Ruder seiner Isar-Galeere: Wolfratshausen – die Flösserstadt.  Bei Kilometer 26,5 heißt es dann Blinker setzen und runter von der bayrischen Strada del Sole. Dann geradewegs den breiten Autobahnzubringer bergab. Nach einem Kilometer hat man plötzlich freie Sicht. Nach Süden über dem Zwiebelhäubchen der Geltinger Kirche wölbt sich weithin sichtbar der Buckel der Benediktenwand. Und auch sonst: Beeindruckende Bergkulisse. Keine Frage. Linkerhand bietet das Panorama weit weniger: der auf der grünen Wiese angerührte Betonbrei eines Gewerbeparks, dahinter eine weitere, unter die Haube gekommene Turmspitze: die Wolfratshauser Pfarrkirche. Sankt Andreas der Patron. Aber es gibt eine Alternativstrecke, die der Michelin-Routenplaner konsequent ignoriert. Ein Weg, der schnurstracks nach Süden führt, geradewegs auf die Berge zu. Die B 11, wie auch die S7 folgen der Trasse der früheren Poststraße, die wiederum folgsam dem Verlauf des luftig geschwungenen Hügelkamms rechts der Isar folgt. Straße und Schiene schlängeln sich durch Baierbrunn, Hohenschäftlarn und Icking, bevor es bei Dorfen steil bergab hinunter ins Tal nach Wolfratshausen geht: die letzte Wegstrecke, der unfallträchtige „Gasteig“ war bei den Fuhrleuten einst gefürchtet. Einer meiner Vorfahren, einer der Gebhardts aus Weidach, kam an jenem Gasteig, umgangssprachlich auch „Himmelsleiter“ genannt, unter die Räder seines Fuhrwerks. Von München nach Wolfratshausen – das bedeute im Zeitalter der Kutschen und Gespanne eine Tagesreise. Heute ist man in einer halben Stunde am Ziel. Auch die erste Etappe des Fernwanderwegs München-Venedig endet hier. Auf den ersten Blick hat die „Flößerstadt“ wenig zu bieten. Eine Kleinstadt mit zu vielen Autos, zu viel Verkehr: man befindet sich im südlichen Speckgürtel Münchens, was wiederum bedeutet, dass es an Werktagen eng, an Sonn- und Feiertagen öde ist. Die Marktstraße, das ehemalige „Zentrum“ ist eigentlich recht ansehnlich. Doch als Flaniermeile wiederum zu unspektakulär, zu zerzaust. Eine richtige, „malerische“ Marktstraße mit bayrischem Charme und pittoreskem Charakter findet sich schließlich schon in Bad Tölz, der ungeliebten Kreisstadt. Immerhin: Zur Verköstigung und Übernachtung in- und ausländischer Gäste ist die „sympathische Stadt im Isar-Loisach Land“ leidlich gerüstet. Ein Gästebett benötige ich nicht. Schließlich bin ich hier  „dahoam“.

Nach dem Krieg – dem Zweiten – haben meine Großeltern zu Schaufel und Maurerkelle gegriffen und mit Bruchsteinen, Isarkieseln, Ziegeln – und viel Mörtel ein Häuschen hochgemauert. Und das steht heut noch. Dafür war weder ein Architekt, noch ein geprüfter und amtlich besiegelter Bauplan von Nöten. Nachkriegszeit – Trümmerzeit. Unter Anleitung eines befreundeten Poliers wurden die Außenmauern aus Bruch- und Kieselsteinen eingeschalt, ausbetoniert und grob verputzt. Ein hölzerner, mit roten Ziegelplatten gedeckter Dachstuhl oben darauf und fertig war der „soziale Wohnungsbau“ der Nachkriegszeit. Das zugehörige Grundstück wurde natürlich wie im kleinbäuerlichen Umfeld üblich intensiv zur Eigenversorgung genutzt: ein großer Gemüsegarten, Johannisbeersträucher, Apfel- und Birnbäume. Dazu die Holzlege mit Sägen, Hacken und jede Menge Brennholz, dazu das Waschhaus mit gusseiserner Badewanne und einem gewaltigen Kochkessel, in dem nicht nur dreckige Wäsche gewaschen, sondern auch Marmeladengläser und Saftflaschen abgekocht wurden. Wie gesagt der Grund war billig. Der kiesige, unfruchtbare Schotterboden – das Haus steht mitten im alten Überschwemmungsbett der Isar – war in früheren Zeiten wenig oder besser gar nichts wert. Was sollte ein von den fetten, lehmigen Ackerböden der Umgebung verwöhnter Bauer auch mit diesem „Steingrund“ anfangen? Heute hat sich das geändert und ein Häuschen mit Garten, direkt am Rande der Isarauen gelegen, erscheint vielen Städtern als Inbegriff des Idylls, des grünen Paradieses. So ändern sich eben die Zeiten.

Ich bin kein Berliner, ich bin Wolfratshauser. Und das schon seit über 50 Jahren. Daran wird sich auch nichts mehr ändern. Das Licht der Welt erblickte ich im Kreißsaal des alten Kreiskrankenhauses. Bis vor wenigen Jahren befand sich dort die örtliche Dependance der Kfz-Zulassungsstelle. Mehr noch – ich bin ein echter Ureinwohner, der das „Wolfsblut“ mit der Muttermilch eingesogen hat. Seit vier, fünf oder mehr Generationen finden sich unter meinen Vorfahren gebürtige Wolfratshauser. Namen wie Bauer, Gebhardt, Westermaier, Gerbl oder Friedl. Mein Vater, meine Mutter – geboren in Wolfratshausen. Die beiden Großmütter, dazu einige Onkel, Tanten, Cousinen, Vettern – allesamt Wolfratshauser Kindl. Eine Familie mit starker Bodenhaftung, ausgeprägter Standorttreue. In meiner Ahnenreihe finden sich denn auch keine Weltreisenden, keine Künstler, keine Adeligen, keine Patrizier, keine Fabrikanten, nicht einmal Vaganten oder Schausteller. Dafür viele kleine Männer und Frauen: Forstarbeiter, Millimaiden, Schneiderinnen, Brauknechte. Immerhin – im stockfleckigen Familienalbum steht sogar ein Bahnhofsvorsteher in königlich-bayerischer Galauniform vor der Kamera stramm, in dem vergeblichen Bemühen auf dem Lichtbild eine ordentliche, ja königliche Figur abzugeben. Kurz und gut, von Geburt her bin ich alles andere als ein Kosmopolit, ein Paneuropäer, ein Weltbürger. Eher das krasse Gegenteil. In genetischer Hinsicht bin und bleibe ich ein Bauernschädel, ein Keltenkopf, ein Furchenflegel. Und ich bin stolz darauf. Denn: mia san mia! Waschechte Alpen-Aborigines, urige Alm-Apachen. Isar-Indianer eben.

Lassen wir Ursippe und Ursuppe köcheln und kehren derweil zum geographisch zu verortenden Begriff der Heimat zurück. Dabei bedarf es einer nostalgiefreien Betrachtungsweise samt GPS-tauglichen Koordinatensystems: Wolfratshausen liegt 30 Kilometer südlich von München, knapp unterhalb des 48.Breitengrads und ziemlich exakt in der Mitte zwischen 11. und 12. östlichen Längengrad. Ein idyllisches Landstädtchen mit – laut Wikipedia-Eintrag 18.666 Einwohnern auf einer Fläche von 9,13 km². Was einer Bevölkerungsdichte von 2044 Einwohnern je km² entspricht. Nur zum Vergleich: im asiatischen Stadtstaat Singapur beträgt die Einwohnerdichte knapp 8000, in Kanada dagegen gerade mal 4 Einwohner je km². Die Eisbären nicht mitgerechnet. Tendenz: weiter steigend. Wenn man den Statistiken traut, liegt der Lebensstandard der ansässigen Bevölkerung über dem Mittel, ja im örtlichen Mietspiegel ist von „überdurchschnittlichen Wachstumschancen auf dem Immobilienmarkt“ die Rede. Als „Aborigine“ betrachtet man die „Wachstumschancen“ seiner Heimat natürlich mit zwiespältig, gemischten Gefühlen. Gilt doch die alte Faustregel: je beliebter, je gefragter eine Gegend, desto teurer wird der Spaß. Desto mehr „geldige Preußenschädel“ fallen einem Heuschreckenschwarm gleich ein, um di schönsten Fleckerl kahl zu fressen. Mit der Ruhe, der Gemütlichkeit ist es jedenfalls längst vorbei. Denn die „Perle des Isar-Loisachtals“ bietet hier und heute – glaubt man den locker, flockigen Sprüchen von Werbeprospekten und Web-Sites „ideale Entwicklungsmöglichkeiten für Leben und Logistik“. In der Praxis bedeutet „Leben und Logistik“ nichts anderes als XXX Lutz, Mc Donalds, Dehner, BayWA, Aldi, REWE, Netto & Co. In Wolfratshausen gibt es alles was das Konsumentenherz begehrt. Ein Einkaufsparadies für die „mobile Familie“. Eines gibt es jedoch nicht: ein Konzept für diese Mobilität. Die Stadt platzt zu den Stoßzeiten aus allen Nähten. Denn um Wolfratshausen kommt man nur schwer herum. Alle Wege führen quasi nach „WOR“ statt nach Rom! Die vierspurige B 11 von Geretsried, der Zubringer zur A 95 nach München, die Querverbindung von der A8 nach Salzburg – alles mündet im Nadelöhr zwischen Isar und Loisach. Seit Jahren herrscht das planerische Chaos, wenn es darum geht mögliche Trassen einer Umgehungsstraße festzuzurren, geschweige denn Nägel mit Köpfen zu machen. Unter Bürokraten gilt schließlich der Leitsatz: Planen und Projektieren – ergo sum. Wie heißt es indes so schön: kein Schaden, wo kein Nutzen! So wird wenigstens auf absehbare Zeit ein Stück Natur vor der Betonierung, der Versiegelung verschont! Ein schwacher Trost: geht doch andernorts der Raubbau unvermindert weiter. Dort eine Lagerhalle, da eine Gewerbezone, hier ein Einkaufszentrum. Noch gibt es jedoch rund ums „Tor zum Tölzer Land“ am Rande von Schnellstraßen und Gewerbegebieten, im „Kleinen“ viel zu sehen, zu erkunden, zu ergründen. Gerade weil es die großen touristischen Attraktionen, die Sehenswürdigkeiten im Baedeker nicht gibt, Fun-Parks, Erlebnis-Bäder und Freizeit-Arenen zumindest bis heute noch keinen potenten Investor gefunden haben, schärft sich der Blick fürs Detail, für die kleinen Geschichten, für die versteckten, verwunschenen Orte der Magie, der Kindheit.

Große Ferien, endlose Sommertage. Ich erinnere mich mit seltsam, luzider Klarheit an die glühend heißen Sonntage im Hochsommer. In meiner Erinnerung rollen am Abend dunkel drohend Wolkenwalzen heran, färbt sich der Himmel über den Hügeln in einem endzeitlich leuchtenden Rubinrot. Denn der Wind, das „Wetter“ kommt meist von Westen. Auch wenn man es erst im letzten Moment kommen sieht. Blockiert doch ein lang gezogener Hügelrücken, der Wolfratshauser „Berg“, den Blick nach Westen. Der steil aufragende, dicht bewaldete Hang sorgt dafür, dass es unten im Markt früher finster wird als am Ostufer des Sees oder in den Dörfern auf der „Höh“, die auf den grünen Wiesenhügeln ein Sonnenplätzchen ergattert haben. Dass war schon immer so, doch vieles war früher anders. Zeit für eine Zeitreise, back tot he roots: Man schrieb hier nie die ganz große Geschichte. Die spielte in München, auf großer Bühne. Wolfratshausen war ein Ort der keine Schlagzeilen macht, keine langen Schatten wirft. Das Grafengeschlecht der Wolfratshauser erlosch im 12. Jahrhundert, der letzte Heinrich war Bischof in Regensburg. Die gewaltige, von den Wittelsbachern erweiterte Burg auf dem Bergsporn über besagten „Gasteig“ brannte im 18. Jahrhundert nieder und wurde bis auf die Grundmauern abgetragen. Baumaterial war teuer – damals. Im dreißigjährigen Krieg schaute die schwedische Soldateska auf einen Sprung vorbei, um den Markt zu brandschatzen. Um den Untertanen des katholischen Kurfürsten noch rasch den roten Hahn aufs Dach zu setzen, wie es damals so schön hieß. Nach der Verwüstung kam die Pest. Anni horribili – Jahre des Schreckens. Nur langsam ging es wieder bergauf. Mit barocker Lebenslust und untergärigem Bier. Irgendwann kam dann Goethe in der Postkutsche daher, machte auf seiner Reise nach Italien in der „Alten Post“ Station. Goethe schwieg und fuhr über Königsdorf weiter, die Alpen in Sicht. Kein Kommentar.

Wolfratshausen, eine Art Kontinuum, ein zeitloser Raum, ein Ort „ab vom Schuss“? Fakt ist: weder der Märchenkönig, noch Sissi, noch irgendwelche andere Notabeln und „Geschichtsträger“ kamen hierher. Für die Bomberpiloten der Alliierten waren Isar und Loisach Orientierungspunkte auf den Weg nach München, kein lohendes Ziel, auch wenn manche Bombe noch schnell abgeladen wurde, ehe es „nach Hause“ ging. Die amerikanischen Truppen marschierten „hoch zu Roß“ ein – und eine Zigarettenpackung später ging es weiter zur „Alpenfestung“. Über Jahrhunderte hockten die Einheimischen in ihrem stillen, toten Winkel zwischen den beiden Flüssen: der ruhig dahinströmenden Loisach – was etymologisch vom keltischen „Loisa“, der „Lieblichen“ herrührt – und der wild daherstrudelnden Isar – was sich wiederum von „Isaria“, sprich der „Reißenden“ ableiten lässt. Ein verträumter Marktort, an dem die Postkutsche nach Mittenwald Halt machte und die Flößer, die die Baumstämme aus dem Oberland nach München drifteten, eine Auszeit nahmen, um sich eine Brotzeit und ein paar Bier aus den zahlreichen Brauereien wie dem Schefflerbräu schmecken zu lassen. Einen Bräu gibt es schon lang nicht mehr in Wolfratshausen – und die paar Flößer fahren zwar noch nach München – doch nur um für’s feuchtfröhliche Gaudium einiger feierbiestiger Großstädter zu sorgen.

Aus den Erzählungen meiner Mutter, meiner Großmutter weiß ich, dass im Voralpenland früher ein milderer, sachterer, weniger „gacher“ Föhnwind wehte. In anderen Worten: Wolfratshausen war ein hinterer Platz. Die weite Welt war weit und es ging gemütlich, deftig und a bisserl leger, eben bayrisch zu. Mit dem „Bayerischen“, dem „Behäbigen, Bärbeißigen, Widerspenstigen“ war es allerdings bereits zu meiner Jugendzeit vorbei. Die Invasion der Städter, der Nordlichter und Paradepreußen war im vollen Gange. Unterm programmatischen Motto „im Grünen wohnen, in München arbeiten“ wurden die Bauern im Münchner Umland reich, ihre Felder, Wiesen und Äcker zu Neubaugebieten und Trabantensiedlungen. Meine Freunde, meine Freundinnen, mit denen ich das erste Bier, den ersten Kuss assoziiere, waren zu meiner Verwunderung nicht „wie ich“, „nicht von hier“:  Sie stammten aus Berlin, der DDR oder aus Schleswig-Holstein. Die meisten aber waren Flüchtlingskinder, wider alles Völkerecht aus dem Sudetenland vertrieben. Von den Tschechen aus ihrer Heimat, aus Tachau, aus Komotau, Falkenau verjagt. Eine Zeit, in der der Horizont begrenzt schien, die Welt irgendwo zu Ende. Die Pupplinger Au war unser Abenteuerspielplatz, die Isar unsere Badewanne. Jedes Sträßchen, jedes Gässchen, jedes freie Feld ein Freiraum für uns „Saububen“ und „Hundskrüppel“. Jeder Stoppelacker ein Bolzplatz, jede Kiesgrube eine Raubritterburg. Platz für Phantasie. Die Autos auf der Sauerlacher Straße konnte man an einer Hand abzählen. Noch nicht einmal die S-Bahn gab es. Nur ein Bummelzug mit zerschlißenen Polsterbänken zuckelte und ruckelte in einer Stunde zum Holzkirchner Bahnhof. Endstation Sehnsucht. Wolfratshausen war alles andere als die Nabe oder der Nabel der Welt. Eher eine Speiche die sich am Rand des Rads mit drehte. Zug um Zug wurde am Rad gedreht, die Zeit beschleunigt, bis sich der Raum verdichtete, die Gegenwart ihren Glanz verlor. Die gute alte Zeit ist nur mehr eine ferne Chimäre, von nostalgischen Träumereien verklärt. Wolfratshausen ist längst angekommen in der Postmoderne, der globalen Welt. Aus dem Dornröschenschlaf ist es erwacht. Da hilft es wenig, dass der „Märchenwald“ eine der Attraktionen des Flößerlands ist. Hänsel und Gretel, Rapunzel & Co. leiern ihren Text herunter – im Mp 3 Audioformat versteht sich. In elektronischer Penetranz  feixt ein Eunuchen-Falsett, in dass sich kreischendes Kindergelärm mischt: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“. Eine Kakophonie der Hexen, Feen, Elfen, Kobolde. Die Zeit der geflüsterten Geheimnisse, der wahren Mysterien ist vergangen  und ich spür den Windhauch noch auf meiner Haut, als sich die Tür zum Traumreich schließt. Pfiagott mei lieber Bua, pass auf, auf di.

Dinesh Bauer

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