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Lang ist’s her, ein wenig zu lang vielleicht schon. Die alten Zeiten sind vorbei – ein für allemal und kommen so leicht nicht mehr wieder. Die Rede ist vom Kraud’n Sepp, einem Oberlandler-Original – kauzig, schrullig, schnauzbärtig, authentisch durch und durch. Im Frühjahr 1977 ist er gestorben – 42 Jahre ist das inzwischen her. Im selben Jahr übrigens als der „King“ Elvis Presley in Graceland drüben, der, Zufall oder nicht, 42 Jahre alt geworden ist. Am Gaißacher Friedhof, oben am Hügel mit Panoramablick auf die Benediktenwand, haben er und seine Frau Anna, eine geborene Trischberger, ihre letzte Ruhe gefunden. Auf dem Grabstein ist – zumindest vor einigen Jahren noch – zu lesen gewesen: „Hier ruhen meine liebe Gattin Frau Anna Bauer zum Krauden gestorben am 29.10.1964 im 62. Lebensjahr und Herr Josef Bauer gestorben am 1.4.1977 im 81. Lebensjahr. Die Anna hat Krebs gehabt – und er selbst hat irgendwann nicht mehr wollen oder können. Denk ich mir zumindest.

Als Bua, ich muss so 11 oder 12 Jahr gewesen sein, hab ich den Kraud’n Sepp in der Quellen, der legendären Wirtschaft bei Wackersberg, einmal spielen hören. Eher zufällig. Mich hat Musik damals nicht im Geringsten interessiert. Fußball ja, in der Isarau räubern ja, die Mädel und die jüngeren Jahrgänge in der Schule ärgern, noch lieber. Aber Musik machen, mit der Zither, dem Hackbrett oder der Harfe – das war was für die Stubenhocker, nicht für richtige Burschen und angehende „Indianer“ und „Wilderer“. Das Gedudel aus dem Radio, die deutschen Herz-Schmerz-Schnulzen oder das „Ami-Gefidel“ – auf Englisch noch dazu – hat mich damals komplett kalt gelassen. Meine Oma Anastasia hat jedoch ein „Faible“ für Volksmusik gehabt, deswegen sind wir damals wohl in der Quellen gwesen. Weit weg von daheim war es ja nicht. Meine Eltern haben sich das Brotzeit-Brett‘l und ein, zwei Halbe Bier schmecken lassen – und der Kraud’n Sepp, mei, der war halt auch da – seine rauchige, brüchige Stimme und die Zither, als stets getreuer Begleiter. Der hagere Holzfuchs mit seinem zerfurchten Zügen und den listigen, schalkhaften Blinzeln in den Augen war – in den Augen der damaligen Gäste – ein alter Krauterer, ein gspaßiger dazu. Der Sepp gehörte einfach zum Inventar von Wirtschaften wie der „Quellen“ oder dem „Gasthof Zantl“ in Tölz. Ein Volks-Musikus und kein Szene-Star – auch wenn er in alternativen Musikerkreisen bereits damals – als ungekünstelter „Roots-Rocker“ eine gewisse Bekanntheit erlangt hatte. Das Münchner Label Trikont hat dann ja auch in seinen letzten Lebensjahren mehrere Platten mit ihm aufgenommen – und der BR wurde auch aktiv.

Wer war dieser Kraud’n Sepp, alias Josef Bauer nun eigentlich? Geboren 1896 als jüngstes von neun Kindern auf dem Greilbauernhof in Greiling. Übrigens der letzte Hof in Richtung Tölz auf der linken Seite. Er diente als Soldat im ersten Weltkrieg, heiratete 1923 seine Anna und bewirtschaftete zusammen mit ihr den Kraud’n Hof im Gaißacher Ortsteil Lehen. Der Hof steht heut noch – und schaut nicht viel anders aus als zu Sepps Lebzeiten. Kein stattliches, großbäuerliches Anwesen, sondern vielmehr ein „Sachel“, dass gerade genug für eine bescheidene bäuerliche Existenz abwarf. Der „Kraud’n Sepp“, wie er bald nur noch reihum genannt wurde, war indes ein bescheidener, bodenständiger Mensch, der keine Ansprüche stellt und mit wenig auskommt. Eine Milchsuppe oder eine  Nudelsuppe, mehr braucht es für ihn nicht. Kein Wunder also, dass einer wie der Sepp nicht dick und behäbig wird. Er erledigt gewissenhaft seine Arbeit am Hof, doch seine eigentliche Leidenschaft gilt der Musik – und zwar von jeher. Der Sepp kann keine Noten lesen, aber er kann zuhören. Seine Stückerl eignet er sich intuitiv an –  ein Autodidakt reinsten Wassers. Und er kann sich in seiner Musik ausdrücken. Mit dem Gaißacher Sänger- und Zitherquartett tritt er zusammen  mit seiner Frau Anna – dem musikalischen Herz der Gruppe – an die 600 Mal auf. Das Quartett hat ein Riesen-Repertoire – Lieder, Landler, Boarische. Aufgspuit wird bei Dorffesten, privaten Feiern oder Musikanten-Meetings. Meist im Umkreis von 30 Kilometern rund um Goaßa, soweit einem das Radl eben trug.

Nach dem Tod seiner geliebten Frau fällt der Sepp in ein tiefes Loch – ehe er sich als Solokünstler neu entdeckt und dadurch neuen Lebensmut schöpft. Da ist er schon über 70. Er wird zu der charismatischen Figur, die in Erinnerung geblieben ist. Ein Zitherspieler, Gstanzl- und Bänkelsänger, dem die Musik im boarischen Blut liegt. Ein einfacher Mann, der für den Erhalt der echten, gewachsenen Volksmusik Großes leistet. Der Sepp war einer, der sich nie verbogen hat. Er spielt nur das, was ihm selbst und den Zuhörern in der Wirtsstube gfoit. Und wenn es auch „Kitsch“ oder zotig und zweideutig ist – den Sepp kümmert das Gerede nicht. „Und d`Leit, de hat`s gfreit dass` bei uns so weit feit aba d`Leit wissen an Dreck bei uns feits so weit net“, hat er einmal gesagt. Völlig undogmatisch und ehrlich war er, einer der aus dem Bauch heraus gelebt hat. So eine Musik, wie er und seine Mitstreiter gemacht haben, die gibt es nicht mehr. Die Zeit ist einfach eine andere heute – die Musiker auch. Deshalb ist der Sepp aus Goaßa eine Isarwinkler Musiklegende – und wird es bleiben. So bekannte sein Neffe Benedikt: „Er war ja a selten braver Mensch. Er war eigentlich oana, der wo owei nachgebn hat, und der hat se nia wegn a – der hoid ois im Friedlichen gmacht, der war nia boshaft, überhaupt ned.“ Ein grundehrlicher, kreuzbraver Mann also – und andrerseits doch ein „Hundling“, der kompromisslos seine ureigene Musik gemacht hat – unverwechselbar bis heute. „ Mia san de Oberlandler  von echtem Schrot und Korn und ham in unsrer Volkstracht no nia de Freid verlorn. Mia gehn nicht nach der Mode, de d´Stadtleit uns vorschreibn, wir woin beim oidn Gwandl de Oberlandler bleibn.“ Dem Liedtext der „Lederhose“ is nix mehr hinzuzufügen.

Dinesh Bauer

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