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Photo1382Es geht immer leicht aufwärts, schon seit zwei Stunden. Mein Skoda steht unten in Waldmünchen – am Rand von Streuobstwiesen. Nomen est Omen – das kleine Städtchen an der bayrisch-böhmischen Grenze ist exakt 199 Kilometer vom großen Bruder, der Landeshauptstadt gleichen Namens entfernt und von dichten Wäldern umgeben. Um mich herum dichtes, sattes Grün – vor lauter Bäumen ist der Böhmerwald kaum zu sehen. Irgendwann habe ich die – im wahrsten Sinne des Wortes – „grüne Grenze“ passiert – von zwei Wappenschildern zwischen grünen Zweigen markiert. Nun bin ich oben, am Cerchov – es ist kalt und der Wind pfeift mir um die Ohren. Schnell ziehe ich mir eine Strickmütze über den Kopf und wickle mich fest in ein Goretex-Mäntelchen. Kein Mensch weit und breit – und zu kauen oder zu nuckeln gibt es auch nichts.

Photo1381Das Cerchov-Bistro im Kantinen-Schick des real existierenden Sozialismus und das in einem Holzpavillon befindliche Turmstüberl haben geschlossen. Chiuso, Fermé, Zavreny. Hier gibt’s nix, kein Bier, kein Kaffee, kein Wiener Würstel. Gottseidank hab ich vorgesorgt und packe meine in Alufolie gewickelte Brotzeit aus – und köpfe – nein, kein Bier, sondern eine banale Zitronenlimo. Limo löscht den Durst – und gegen Hunger hilft die Wurst. Genüsslich beiße ich in die dick mit Schinkenwurstscheibchen belegte Semmel und blicke mich am Gipfelplateau um. Ich bin allein, allein mit der Vergangenheit.

Photo1378Der Cerchov, alias Schwarzkopf, avancierte mit der aufkeimenden Begeisterung für die freie Natur und die heimischen Haine und Fluren zum beliebten Ausflugsziel in der Grenzregion zwischen dem Reich der Hohenzollern und dem der Habsburger. Denn ganz Böhmen und natürlich auch das – was die Gutmenschen-Geschichtsfälscher gerne verschweigen – von Deutschen bewohnte Sudetenland stand bis 1918 unter den Fittichen des Doppeladlers. Der Cerchov befindet sich indes heute auf tschechischem Staatsgebiet und darf sich mit einer Höhe von 1042 Metern rühmen, die höchste Erhebung des Oberpfälzer Waldes zu sein. Über den Gipfel verläuft schnurstracks die große europäische Wasserscheide zwischen Atlantik und Schwarzem Meer. Und man spürt es nicht. Was man jedoch auf den ersten Blick erkennt, ist der Umstand, dass die Aussicht von hier oben großartig sein muss, wohlgemerkt bei klarer Sicht.

Photo1375Heute ist der Himmel jedoch schiefergrau – und von Nebelschlieren durchwirkt. Von den goldenen Auen Böhmens, geschweige denn von den Alpen keine Spur. Ich bin schon froh, wenn ich ein paar wellige Waldhügel erspähe, die sich schemenhaft aus dem Grau des Gewölks schälen. Die fantastische Weitsicht gab jedenfalls den Ausschlag für den Touristenclub Taus, um 1894 einen hölzernen Aussichtsturm am höchsten Punkt des Bergs zu errichten. Sein Nachfolger, ein der romantischen Minnewelt entsprungener Burgturm, existiert bis heute.

Photo1373Im kalten Krieg herrschte am Cerchov Eiszeit – hier herauf durfte niemand, es sei denn er war Soldat oder Abhörspezialist im Dienste des Warschauer Pakts. Bis heute umzäunt eine Art eiserner Vorhang den Gipfel. Kasernengebäude, militärische Anlagen, Hundezwinger, Betonplatten überall – und unübersehbar die 40 Meter hohe Abhöranlage, Herzstück des Horchpostens.  Neben der sowjetischen Armee nutzten auch die Spezialisten der DDR-Staatssicherheit die exponierte Stellung auf dem Čerchov unter dem Tarnwort „RUBIN“ als Außenposten. Nach 1990 war dann aber langsam Schluss mit Klassenkampf, nach und nach verfallen nun die Bauten und die Natur erobert hartnäckig, Zentimeter um Zentimeter, verloren geglaubtes Terrain zurück. Mein frugales Mahl habe ich inzwischen beendet und langsam wird es hier oben ungemütlich. Ein eisiger Wind faucht wie in einem Agenten-Thriller um die Ecken und ich klappe den Kragen hoch. Mein nun fast leerer Rucksack landet weich auf meiner Schulter und mit einer gewissen unbestimmten Wehmut trotte ich an den tristen Betonbauten vorbei bergab. Still ist es hier oben – ich lausche, höre mich atmen, höre meine Schritte – doch da ist noch etwas, ein leises pochendes Geräusch. Tief unter der Erde schlägt hier noch immer das tote Herz des roten Riesen.

Dinesh Bauer

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