Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , , , , , ,

20150918_2202Habemus papam? Weißer Rauch steigt auf. Gewaltige Rauchschwaden hinter dem golden schimmernden Messingkreuz auf einer Kirchturmspitze. Eine flockig, weiße Qualmwolke, die sich gespenstisch und gewaltig gegen den blässlich violetten Abendhimmel abhebt. Ich stehe auf der Schloßesplanade und bestaune das Schauspiel von beängstigender Erhabenheit. Ein Schauspiel vor der großen Kulisse einer Stadtsilhouette. Ich bin in Linz. Die Stadt Österreichs, die mit Abstand am wenigsten ins Klischeebild der Alpenrepublik-Ästhetik passt – und in der die Schlagobers-Seligkeit zwischen Mozartkugeln, Sissi-Tortenwelt und Walzer-Woge aus dem Takt gerät. Auch wenn die Linzer Torte – wobei die Mär, dass es sich bei dem süßen Schnittchen um die Kreation eines Wiener Zuckerbäckers namens Linzer handle, nicht mehr als eine infame Unterstellung ist – bei Schleckermäulern rund um den Globus Kultstatus erlangt hat. 20150918_2190Für die Pflege des Plüsch- und Prunk-Images der Donaumonarchie sind andere urbane Entitäten, sind Wien, Graz oder Salzburg zuständig. Linz ist eher rührig, als rührselig, nichtssagend statt nostalgisch, stählern statt sahnig, eine aus dem Ruhrpott an die Donau verpflanzte Malocher-Metropole. Eher ein Aschenputtel im schmutzigen Blümchen-Kleidchen denn ein Schneewittchen oder Dornröschen. Eine Stadt die nach der Kür zur Kulturmetropole 2009 ihr mausgraues, mit Ruß und Rost besprenkeltes Kleid abzustreifen und sich zu häuten versucht. Sich schön bunt und strahlend gibt. Ein bisschen Schminke, ein bisschen Rouge und Grün verschönert bekanntlich das Stadtbild – und lässt unter Puder und Lippenstift so manchen Schönheitsfehler verschwinden. Linz hatte etwas Kosmetik bitter nötig.
20150918_221720150918_2181

Keine andere österreichische Stadt wurde vom Nationalsozialismus mehr gezeichnet als Linz. Noch heute sind die Spuren der NS-Zeit ins Linzer Weichbild geprägt. Hitler, der „verlorene Sohn“ der Stadt, in der er sein Damaskuserlebnis, seine Berufung zu Höherem, zum Volkstribun erlebt hatte, wurde ungefragt zum „Paten“ von Linz. Und der Führer überhäufte sein „geliebtes Linz“ mit Ehren. So firmierte die Hauptstadt des Gau Oberdonau dank des Führers Gnade als „Gründungsstadt des Großdeutschen Reichs.“
20150918_2196Linz sollte eine Weltstadt werden. Eine Utopie, die dem Führer am Herzen lag. So besuchte er nach dem Anschluss 1938 gern und oft seine „Seelenstadt“. Sein exaltierter, großmannssüchtiger Plan: Linz sollte das europäische Kunstzentrum werden – eine Musen- und Museenstadt. Doch das Schöne, Wahre und Gute blieb dem Reißbrett vorbehalten. In der Realität wurde auf Geheiß der NS-Technokraten eine Eisenhütten-Stadt aus dem sumpfigen Boden gestampft. In Windeseile entstanden auf einer aufgeschotterten Fläche am Ostrand der Stadt Stahl und Chemie-Kombinate, dass die Schlote nur so schmauchten. Mit den Hermann-Göring-Werken schlug die Geburtsstunde der Vöest-Alpine, wurde Linz zur grauen Industriemaus gestempelt. Die auf Hochdruck produzierenden Rüstungsbetriebe machten Linz in den späteren Kriegsjahren zudem zu einem bevorzugten Angriffsziel der alliierten Bombergeschwader. Und deren Bomben schlugen berstende, brennende Lücken, die nach dem Krieg mit Betonburgen von profunder Hässlichkeit gefüllt wurden – und für abrupte Brüche, ja absurde Kontraste sorgen.

20150918_221820150918_2216

Noch im April 1945 sinnierte Hitler im Führerbunker stundenlang vor dem Reißbrett-Modell seines „Brasilias“ an der Donau. In seiner Wahnwelt versunken. So sollten entlang der Donau eine Reihe monumentaler Prachtbauten entstehen, die Landstraße nach Süden hin verlängert und in einen gigantomanischen Kulturzentrum samt ultramodernen Bahnhof ihren Abschluss, respektive Anschluss finden. Fertig von alldem wurde indes nur die Nibelungenbrücke – und die spannt bis heute ihre Bahn über die mehr oder weniger blaue Donau. Die übemannsgroßen Reiterstandbilder von Siegfried & Co. blieben der Brücke und den Linzern immerhin erspart.

Dinesh Bauer

20150918_219120150918_2183

Ihr wollt mehr? Dann könnt Ihr gerne meine Krimis lesen. Ebenso spannende wie spaßige Alpen-Abenteuer mit den „Bavarian Cops“ Hauptkommissar Korbinian Eyrainer und den „Bullen von Brennbruck“ Schorsch Wammetsberger.

http://www.buecher.de/shop/bayern/toter-winkel/bauer-dinesh/products_products/detail/prod_id/42702192

Advertisements