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Chardonnay vom Chiemsee? Riesling aus Rimsting? Primitivo aus Prien? So abwegig, wie es sich anhört, ist es nicht. Als die Römer unter Augustus über die Alpen kamen, brachten die Legionäre den Weinstock mit – und machten das Gewächs an Rhein und Mosel, aber auch in den Provinzen Rätien und Noricum heimisch. Rund um den Chiemsee kultivierten römische Gutsbesitzer ihre Reben. Die Trauben des Vitis vinifera reiften im relativ milden Klima am See zu respektabler Größe heran – und auch der Öchslegrad stimmte. Und was den Römern recht war, war den Rittern billig. Von der mittelalterlichen Weinbaukultur zeugen zahlreiche Orts- und Flurnamen. So hieß der Westerbuchberg am Südufer des Sees lange Zeit „Weinberg“. An den sonnseitigen Flanken des Hügels wurde bis ins 18. Jahrhundert hinein Wein angebaut. Alten Chroniken zu Folge wuchsen dort genug Trauben, um einen leichten, fruchtigen Wein daraus zu keltern. Heute grast an den Hügelhängen allerdings das bayrische Fleckvieh.

Der Flurname „Weinberg“ hat sich auch in dem Weiler Stöttham in der Nähe von Chieming erhalten. An dem nach Süden geneigten Hang wurden im Mittelalter Weinreben gepflanzt. Dasselbe Bild bietet sich nahe Kloster Seeon: an den Südhängen bei Sankt Walburgis gedieh die „Frucht des Weinstocks“ – eine Reminiszenz daran ist der „Weinberg-Rundweg“. Oberhalb von Prien belegt der alte Flurname „Weinleiten“ das hier im Mittelalter die Winzer des Augustiner-Chorherren-Stiftes Herrenchiemsee ihre Ernte einbrachten. Erst in den 80er Jahren wurde die Chiemsee-Traube wieder entdeckt: an der „Weinleiten“ legte der Winzerverein Randersacker ein Weingärtchen an, um fünf Rebsorten auf ihre Tauglichkeit für die klimatischen Verhältnisse am Rand der Alpen hin zu testen.

Eine echte Kuriosität ist der „Insularus“. Der exotische Tropfen wurde von Weinbauer Holger Hagen kreiert. Die Rebstöcke seines Weingartens auf der Fraueninsel liefern pro Jahrgang rund 100 Liter Rotwein. Weinfachmann Hagen verfügt nicht nur über das nötige Knowhow, um einen Weinberg fachgerecht anzulegen, er hat einen Weinkeller samt Presse errichtet. Weitere Pflanzungen – mit resistenten Rotweinsorten wie Regent und Klassikern wie dem fruchtig, feinen Riesling – von Hobby-Winzern folgten. So entstanden oberhalb des Stettner Sees und in Ottakring – in der Gemeinde Rimsting – kleine mit Rebstöcken bepflanzte Parzellen.

Wird der Chiemgau also in Bälde zum Weinbaugebiet? Zumindest in günstigen Lagen, wie an windgeschützten Südhängen gedeiht das Gewächs des Bacchus problemlos. Es liegt also nicht am Klima, dass die Renaissance des „Chiemsee-Wein“ auf sich warten lässt. Nach den derzeit geltenden gesetzlichen Bestimmungen sind außerhalb der anerkannten Weinanbaugebiete nur Mini-Pflanzungen bis zu einer Fläche von 99 Quadratmetern erlaubt. Der Chiemgau ist jedoch – zumindest bislang – kein „Weinland“. Der von den oberbayerischen Reb-Rebellen gekelterte Wein darf also „ohne Lizenz“ weder vermarktet noch verkauft werden. Sie dürfen ihn nur selber trinken – sonst nix! Für den engagierten Weinmacher Hagen ist das „Fleckerl“ auf der Insel denn auch nur ein Experiment. Er macht seinen Wein in der Südsteiermark – denn dort darf man!

Dinesh Bauer

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Video zum „Weinbau im Chiemgau“:

http://www.youtube.com/watch?v=EHu-3tCxmvI

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