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Mons Dei, mons pinguis, mons coagulatus. Ein Berg Gottes hat viele Namen – auch lateinische. Nein hier ist nicht die Rede vom Kailash, dem heiligen Berg der Tibeter, sondern von Andechs, dem heiligen Berg der Bayern. Auf dem Gipfel des grünen Hügels hoch oben über dem Ammersee, erhob sich dereinst eine Ritterburg wie in einer Szene aus dem „Namen der Rose“. Der Stammsitz eines omnipräsenten mittelalterlichen Adelsgeschlechts, derer von Andechs. Mitte des 13. Jahrhunderts wurden die Andechser allerdings von den Wittelsbachern beerbt. Der letzte von Ihnen, ein gewisser Otto, gesellte sich 1248 zu seinen Ahnen.

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Na beerbt klingt viel zu harmlos, denn die Andechser wurden von ihren Rivalen nach allen Regeln der Kriegs- und Intrigenkunst bekämpft, befehdet und endlich besiegt. Ihre Burg wurde zerstört und der von den Andechsern bei ihren Streifzügen ins heilige Land angehäufter Reliquienschatz vergraben. Die Wittelsbacher ließen zwar keinen Stein auf dem anderen, die Kirche aber ließen sie wiederaufbauen. Schwung in die Angelegenheit brachte der Legende nach erst eine Maus.

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Während der Messe am 26. Mai 1388 huschte besagtes Felltierchen um den Altar und ließ ein Stück Pergament fallen, auf dem die Lage der vergrabenen Reliquienkiste unter dem Altar der Kapelle verzeichnet war. In diesem Fall wäre es völlig verfehlt, von einer armen Kirchenmaus zu sprechen, denn der findige Nager bekam in der Folge stets eine Extraportion Körnchen vorgesetzt. Ihre Körner hatte sich die Maus redlich verdient. Denn nun strömten die Pilger wieder zu Hauf auf den heiligen Berg. Es dauerte ein paar Jahre, aber anno 1392 entschieden die Wittelsbacher in Andechs ein Kloster zu gründen, um sich den Wallfahrern „anzunehmen“, sprich Ihnen die Münzen aus dem Beutel zu ziehen.

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1394 kamen deshalb auch die Reliquien nach Andechs zurück, die vom Volk am meisten verehrt wurden: eine Monstranz samt den Heiligen Drei Hostien. Und noch ein besonders skurriles „Heiltum“ befand sich im Besitz der Mönche am Berg: die heilige Vorhaut Jesu. Irgendwo musste sie nach der Beschneidung ja abgeblieben sein. 1423 wurde mit dem Bau einer dreischiffigen spätgotischen Hallenkirche begonnen.

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Am 17. März 1455 wird das Kloster offiziell von Herzog Albrecht den Dritten, der auch der Fromme heißt und in seiner Jugend mit der berühmt-berüchtigten Agnes Bernauer liiert war, gestiftet. Das Kloster wurde dem Benediktinerorden unterstellt und bekam 1458 seinen eigenen Abt. Schon 1438 wird indes der erste Gasthof am Heiligen Berg urkundlich erwähnt – die „Trunk-Tradition“ wird bekanntlich bis auf den heutigen Tage intensiv „gepflegt“. Beten und bechern – ein Geschäftsmodell das seit über 500 Jahren perfekt funktioniert.

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Da hilft es auch nicht, dass der Turm wie ein Zeigefinger aussieht, der sich mahnend gen Himmel reckt. Zum 300-jährigen Jubiläum von Kirche und Kloster bekam die Abteikirche 1755 ihr heutiges luftig, leichtes Rokoko-Kleid übergestreift. Der fürs „Innen-Design“ zuständige Architekt war eine bekannte Größe der Stuck- und Schmuck-Szene: Johann Baptist Zimmermann.

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Nein, Andechs ist gewiss kein Geheimtipp: es ist das Wallfahrtsziel in Bayern – und nicht nur Pilger kommen hierher. Längst ist es zur festen Anlaufstation für den Massen- und Maßentourismus mutiert. Die Reliquien sind längst in den Hintergrund geraten – heute locken Bockbier und Braten statt Beichte und Oblaten.

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Und doch: an etwas abseitigen, stilleren Plätzen ist noch etwas von der archaischen, mystischen Ausstrahlung des heiligen Bergs zu spüren – den sich schon die keltischen Druiden zum Opferplatz auserkoren hatten. Und längst wieder wird den keltischen Göttern um Cernunnos & Co. gehuldigt und ein heidnisches, hopfenhaltiges Trankopfer dargebracht. Na denn Prost!

Dinesh Bauer

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