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„Kennst du die Perle, die Perle Tirols, das Städtchen Kufstein, das kennst du wohl. Umrahmt von Bergen so friedlich und still, ja das ist Kufstein dort am grünen Inn…“ Halt, Tonarm hoch! Falsche Platte aufgelegt. Die Perle am Inn liegt nicht in Tirol, sondern in Bayern. Es ist auch kein Städtchen, sondern ein Dorf. Kein x-beliebiges Kuhdorf, sondern ein „Kulturdorf“. Ein Marktflecken, das sich sein Ortsbild von anno dazumal bewahrt hat. Seit 1981 kann es sich zudem mit dem Titel „schönstes Dorf Deutschlands“ schmücken: Neubeuern am Inn.

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Neubeuern liegt auf einem grünen Felsenhügel überm ebenso grünen Inn. Wären da nicht die weiß-blauen Stereotype, die im milchigen Dunst verschwimmenden Berge, die satten Wiesen, die glücklich grasenden Kühe und die fast klischeeartigen Bilder von bayerischer Bodenständigkeit und Beständigkeit, dann könnte man beim flanieren über den Marktplatz meinen in einem südlichen, mediterranen Landstrich zu sein. In Castellnuovo di Val Ceccina oder in Castelvecchio de Rocca Barbena und nicht in Neubeuern. Historische, mit Lüftlmalereien bepinselte Fassaden, mit blühenden Geranien geschmückte Balkone, Schatten und Inspiration spendende Lindenbäume bestimmen die idyllische Szenerie. Nach Nordwesten schließt das Münchner Tor, nach Südosten das Salzburger Tor den „schönsten historischen Dorfplatz Bayerns“ hermetisch gegen die Außenwelt ab.

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Hier hat man den Brunnen, den Bäcker, die vier Wirtshäuser und die Kirche noch im Dorf gelassen. Das „schönste Dorf“ ähnelt einem Mikrokosmos, einer Nussschale. Alles liegt hier auf engstem Raum beieinander. Ein paar Schritte nur zum Innschifffahrtsmuseum, zur Kunstgalerie, zur alten Dorfschmiede. Irgendwie spürt man, dass hier früher nicht die Mistgabel und Dreschflegel den Takt vorgaben, sondern Schmiedehammer und Amboss. Schon im Jahr 1393 bekam der Ort das Marktrecht verliehen. Die günstige Lage am Hauptverkehrsweg zwischen Nord und Süd, dem Inn, war auch der Grund warum auf dem aus dem Auwald aufragenden Felskegel eine Burganlage erbaut wurde.

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Von Heinrich dem Flätzbeck bis Hugo von Hofmannsthal

Jeder historisch kundige Fortifikationsfan und Vauban-Epigone erkennt sofort, dass der Schlossberg eine strategische Schlüsselstellung einnimmt. Der Sandsteinfelsen fällt nach Osten, Süden und Norden hin steil ab. Ein schmaler, sich auf den Hügel schlängelnder Weg, die Bäckerstiege, führt neben dem Münchner Tor zum heutigen Schloss hinauf. Die Buckelquader des Bergfrieds wurden wohl schon in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts behauen und aufeinander geschichtet. Unter Graf Konrad von Wasserburg wuchs um 1240 die mächtigste Wehranlage des Inntals empor: mit einer bis zu zwei Meter dicken Ringmauer und neun Wachtürmen. Am höchsten Punkt in der Nordostecke thronte der Palas, Sitz der Pfleger und Vögte. Die Namen der Burgherrn klingen ebenso nach altem Adel wie nach Stolz und aufbrausendem Hochmut: Eglof von der Warte, Heinrich der Flätzbeck, Sieghart von Eglofsheim, Zacharias von Höhenrain und Hartprecht von Harskirchen auf Zangberg. Letzterer übergab 1400 die „Burghut“ an Wolfhart von der Alben und der wiederum an den Ritter Jakob von Thurn.

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Den Thurn gefiel es offenbar in Neubeuern, denn das Geschlecht mauerte und murkste über zwei Jahrhunderte an der Burg herum. Als 1632 der letzte männliche Nachfahr Georg von Thurn verstarb, gelangte das Schloss nach einigen Wirrungen und Irrungen an die Grafen von Preysing-Hohenaschau. 1882 wurde das Schloss an den neureichen Niederländer Jan Wendelstadt verscherbelt. Der ehelichte eine Julie Gräfin von Degenfeld-Schonburg. Und die kunstsinnige Gräfin verwandelte den Bau in ein Promi-Domizil – so logierten hier Hugo von Hofmannsthal, Franz von Stuck und Franz von Lenbach. Heute beherbergt das im Stil der Neorenaissance umgemodelte Schloss ein Nobel-Internat mit international gemischter Schülerschaft.

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Von Schleifsteinen und Mühlsteinen

Einen Abstecher wert ist die „Wolfsschlucht“: der Steinbruch aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts kerbt sich tief in die Sandsteinschichten des Schlossbergs. Der Weg führt zum Teil über Treppen mitten durch den Steinbruch, der eine gerade, lange Kluft bildet, die an der Sohle durchgehend etwa 15 Meter breit ist, die Wände links und rechts ragen wiederum etwa 15 Meter senkrecht empor. Beeindruckend ist der von einem riesigen Felsblock „überdachte“ Durchgang, den man aufrechten Hauptes passieren kann. In der Wolfsschlucht wurden dereinst Mühl- und Schleifsteine aus dem Fels gehauen. In dem kleinen Weiler Hinterhör befindet sich ein weiterer historischer Steinbruch.

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Ein Steinhacker mühte sich an die zwei Wochen ab, ehe er in den harten Quarzit eine tiefe Rinne gemeißelt hatte, in die knochentrockene Buchenholzkeile geklemmt wurden. In die Spalten wurde immer wieder Wasser gegossen, die Holzkeile quollen auf und der Mühlstein wurde vom Fels abgesprengt. Um 1650 kostete einer der begehrten Beurer Mühlsteine 4 bis 6 Gulden. Für einen Gulden bekam man damals – nur zum Vergleich – 16 Maß Bier.

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Von Schiffleuten und Plätten
„Nahui in Gottsnam!“ Über Jahrhunderte lebte der Ort von der Schifffahrt auf dem Gebirgsfluss mit seinen unberechenbaren Strömungen und Strudeln. Die „nasse Strass“ war die damalige Autobahn. Die Frachtkähne wurden mit Salz, Gewürzen, kostbare Stoffen, Mühlsteinen, Kupfer, Silber, Eisen, Zement, Kalk, Gips, Getreide und Vieh beladen. Die Fahrt flussabwärts bis Passau und weiter nach Wien dauerte etwa 6 bis 10 Tage, der beschwerliche Rückweg – bei dem die Plätten von Pferden flussaufwärts getreidelt wurden nahm dagegen an die 6 Wochen in Anspruch.

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Anno Domini 1622 wurde die Schiffleut-Bruderschaft gegründet – eine „Gewerkschaft“ mit sozialer, karitativer und religiöser Zielsetzung. Der Zunftverein existiert heute noch und erinnert an die große Zeit der Innschiffer. Der „Schiffleutwanderweg“ führt zu geschichtsträchtigen Plätzen und lässt die bayerische Schifffahrtstradition in Fotografien und historischen Karten aufleben.

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Mehr im Netz: http://www.kulturdorf-neubeuern.de

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