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Tauernblicke 008

Wer sitzt schon gerne in der Klemme? Wem betrübt es nicht, wenn er „klamm“ ist? Da kann es dann schon mal passieren, dass sich der Betreffende „klammheimlich“ davon stiehlt. Wenn es irgendwo „klemmt“, dann läuft es nicht rund, dann wird es eng. In etymologischer Hinsicht lässt sich der Begriff „Klamm“ vom mittelhochdeutschen „klemen“ ableiten. Und dieses altertümlich schnarrende Wort fasst klar klaustrophobische Begrifflichkeiten: enge, fest, knapp und umfassend. Umfassend in dem Sinn, dass man eingeschlossen ist und von einem Gegner „umfasst“ wird. So wie Che Guevara in der Quebrada del Yuro. Das letzte Gefecht in einer engen, ausweglosen Dschungelschlucht. Weit weg von den bolivianischen Anden, in den bayerischen Alpen sehen Klammen ganz ähnlich aus.

Tauernblicke 019

Tief in den Fels gefurcht, mit wenig Spiel- und Freiraum für Freiheitskämpfer und Freischärler. Eine Klamm ist auch hierzulande eine tief eingeschnittene Schlucht, von steil, oft lotrecht aufragenden Felswänden zugeschnürt und wie von einem steinernen Schraubstock zusammen gepresst. Kaum genug Platz bietend, um Luft und Atem zu holen. Eingeklemmt, abgeklemmt.

Orte des Orkus

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Klammen gibt es viele in den bayerischen Bergen: die Partnach-, die Höllental- oder die Gießenbach-Klamm. Und natürlich gibt es jenseits der Grenze in Österreich noch viel mehr solcher düsterer, dunkler, orkusartiger Orte: die Kitzloch-, die Kaiser- oder die Klamm in Krimml mit den wild tosenden Wasserfällen. Eine der schönsten und spektakulärsten Klammen aber spaltet sich im Berchtesgadener Land ins Erd- oder besser ins Gesteinsreich: die Almbachklamm. Der die Klamm durchfließende, wild wie Champagner aufschäumende Bach hat sich über die Jahrtausende mit der steten Gewalt des den härtesten Stein höhlenden Tropfens in die Dolomit- und Kalkfelsen des Untersbergs gekeilt. Der drei Kilometer lange Felsschlund kann es in punkto Dramatik und Wildromantik mit jeder anderen Klamm aufnehmen. Ein kleiner, die hiesigen Dimensionen nicht sprengender Grand Canyon.

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Schwemmlinge

Der Durchbruch des Almbachs hat eine der bizarrsten und bedrohlichsten Schlucht-Kulissen geformt – mit Wasserstürzen, Kehrwässern und azurblauen Gumpen als Augenfang. Der Höhenunterschied vom Eingang bis zum Ausgang der Klamm beträgt rund 200 Meter.  Während der obere Teil noch einer breiten, bewaldeten Vertiefung gleicht, schwindet dieser Eindruck schnell. Die Schlucht windet sich immer dramatischer durch die Felswände zu beiden Seiten des Bachs. Nach dem Sulzer-Wasserfall, der über Hundert Meter in die Tiefe stürzt, beschleicht einen das orphische Gefühl, nunmehr unweigerlich in die Unterwelt hinabzusteigen.

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Immer enger und schmäler, ungemütlicher und unwirtlicher wird es. Der Raum verengt sich, bis auf eine „Spurbreite“ von zwei Metern zu einem schaurigen Gefühl in Bedrängnis zu geraten. Gleich hinter der nächsten Ecke scheint es, als ob Pluto, Persephone samt Haushund Zerberus lauern. Doch die Pforte zur Unterwelt wartet auch mit blumigen, paradiesischen Seitenansichten auf. Entlang den Steilhängen wachsen die sogenannten „Schwemmlinge“. Alpenpflanzen wie der Clusius-Enzian, deren Samen aus höheren Regionen in die tiefer gelegenen Klammbereiche geschwemmt wurden. Auf engstem Raum blühen hier Blumen- und Gewächsarten aus den unterschiedlichsten Vegetationszonen.

Pionierarbeit

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Es dauerte bis sich der Mensch durch die Engstellen der Schlucht grub und schlug. Bayerische Pioniereinheiten legten im Jahr 1894 binnen eines Monats den bis heute bestehenden „Ho-Chi-Minh-Pfad“ an. Die Soldaten hämmerten mehr als 320 Stufen in den Fels, bohrten einen Tunnel und bauten 29 Brücken, so dass der Weg ständig von einem Ufer zum anderen wechselt. Bei der Überquerung der Stege findet der Blick kaum einen streifen des Himmels und sieht sich stattdessen in narzisstischer Selbstvergessenheit an den sich in den Gumpen spiegelnden Bildern satt. Dank des Einsatzes der königlich-bayerischen Pioniere ist der Weg durch die Klamm heute eine „leichte Übung“ und für jeden Schluchtengeher machbar. Seit 1999 ist der Weg durch die Klamm von Anfang Mai bis Ende Oktober geöffnet. Am Ein- und Ausgang in Hammerstiel ist ein Obolus für die Begehung der Klamm zu entrichten. Wegen Lawinengefahr und Eisglätte ist die Klamm im Winter für Besucher gesperrt.

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Wildes Treiben

Durch die Almbachklamm wurde bis 1963 Holz getriftet. Baumstämme von Längen von bis zu 5 Metern schossen dabei in wilder Jagd übers wirbelnde Wasser. Um die Trift zu bewerkstelligen wurde in den Jahren 1834 bis 1836 am oberen Ende der Klamm eine 14 Meter hohe, 6 Meter breite und 17 Meter lange Staumauer Block für Block auf gemauert. Zu Ehren der bayerischen Königin Therese – der Namenspatronin der Münchner Theresienwiese –  taufte man das Stauwerk „Theresienklause“. Auf einen „Schwung“ wurden jeweils rund 1000 Ster Holz durch die Klamm geschwemmt. Am unteren Ende der Klamm bei der Kugelmühle wurde das „Schwemmholz“ von einem Rechen aufgefangen. Das Holz befeuerte die Heizkessel der Saline in Berchtesgaden.

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Murmeln aus Marmor

Am Ausgang der Klamm liegt die letzte, bis heute existente Steinkugelmühle Deutschlands. Seit über 300 Jahren werden dort vielfarbig schillerende Steinkugeln und Murmeln aus Untersberger Marmor geschliffen.  Murmeln – auch Schusser genannt – waren dereinst ein Exportschlager. Die kleinen Kügelchen waren das Kinderspielzeug des 19. Jahrhunderts und wurden in die ganze Welt verschifft.

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Zur Hochzeit der „Marmormurmeln“ ratterten und klapperten Almbach an die 40 Mühlräder. Betrieben wurden sie vor allem von armen Bergbauern. Sie verdienten sich damit eine „Extragroschen“, denn die bescheidenen Einkünfte aus der Land- und Forstwirtschaft reichten nicht zum leben. Heute betreibt „Kugelmüller“ Friedl Anfang als letzter seiner Zunft die Mühle und verkauft die rund und glatt polierten Marmorbällchen am Souvenirstand. Und so mancher Gast gibt sich da die Kugel.

Dinesh Bauer

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Mehr zur Almbachklamm:

http://www.marktschellenberg.de/urlaub-berchtesgaden-bayern/Article/ID/29/Session/1-b9EsWx8i-0-IP/Almbachklamm_Kugelm%C3%BChle.htm

http://www.berchtesgadener-land.com

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