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20140914_TageinTirol_126920140606_0667Gipfelsturm, Gipfelgrat, Gipfelgang – und oben das Kreuz! Die Sehnsucht nach einem „höheren Ziel“ macht den Menschen aus – ist ihm unauslöschlich eingebrannt. Wenn die Luft auch oben dünner, der Platz knapper wird. Der Primus unter den Primaten ist von Natur aus neugierig. Unsere Vorfahren kletterten auf Bäume, um die Sache von oben zu betrachten. Der Homo Sapiens erklimmt die Berge, weil er dort droben etwas zu finden erhofft, dass es sonst nirgends mehr zu geben scheint.  Das Gefühl von Freiheit und Abenteuer.

20140606_0661Das Problem mit der Freiheit. Sie muss mit Ängsten und Anstrengungen teuer erkauft werden. Der menschliche Forschergeist stößt an Grenzen. An die Grenzen der eigenen Leistungs- und Leidensfähigkeit und der physischen wie psychischen Belastbarkeit. Irgendwann ist Schluss. Und das eigene Leben steht auf dem Spiel – und an diesem Punkt kommt Gott in selbiges. Ein höheres Wesen, dass uns logischerweise über ist. Der „Sitz der Götter“ ist folglich im Himmel oder am Olymp – oben eben. Und dort am Gipfel hat das Kreuz – als „Symbol des Göttlichen“ seinen Stammplatz.

20140606_0650Der Kreuzkult am Gipfel ist kein Phänomen der Neuzeit. Seit dem Mittelalter wurden an exponierten Stellen, an Passübergängen und auf weithin sichtbaren Anhöhen Kreuze aufgerichtet – so auf dem Arlberg, dem Grödner Joch oder der Birnlücke. Dabei dienten die Kreuze vornehmlich als Orientierungspunkte und Grenzmarkierungen. In anderen Bergregionen der Welt, im Himalaja oder in den Anden, haben Steinmännchen, Gebetsfahnen, Obos oder kleine „Götzen-Figuren“ eine ähnliche Funktion. Eine sowohl geographische als auch göttliche Wegmarke.

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Im 17. Jahrhundert, im Gefolge der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Rom und Luthers Erben wurde das Kreuz zum Sinnbild des rechten Glaubens. In der Frühzeit der Gipfelkreuze wurden schlichte Holzkreuze auf den Gipfel aufgestellt – oder kleine Kruzifixe zwischen die Steinblöcke geklemmt. Die gebräuchlichste Form waren Kreuze mit zwei Querbalken – die sogenannten Patriarchenkreuze. Wetterkreuze dienten dem selben Zweck wie Amulette oder Kreuz-Reliquien. Dahinter steht die abergläubische Vorstellung, dass ein magisches, atropäisches Zeichen böse Geister vertreibt. Und wirksamen Schutz vor Unwettern, Unfällen und anderen Unbilden der Natur bietet.

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Mit dem 19. Jahrhundert, mit der Romantik setzte eine wahre Berg-Begeisterung ein. Der Geist der Aufklärung rückte zudem die exakten Naturwissenschaften in den Fokus. Das Diktat der Empirie forderte Fakten. Die Welt wollte vermessen, kartografiert und typisiert werden. Jeder Messpunkt sollte gekennzeichnet werden – mit einem Markstein, einem Tripoden oder mit einem Kreuz. Der Siegeszug des Gipfelkreuzes begann. Die Provisorien verschwanden und bald schon zierten solide Kreuze aus Eisen die Bergeshöhen. Den Anfang machten der Klein- und der Großglockner, die schon 1800 ein festes, dauerhaftes Kreuz bekamen. Das Kreuz war nun mehr als ein religiöses Motiv es versinnbildlichte nun auch den Triumph der Technik und des menschlichen Pioniergeists über die ungebärdige Bergnatur. Im „Zeitalter der Vernunft“ wurden denn auch Forderungen laut, „rationalere“ Symbole wie Pyramiden, Obelisken oder Fahnenstangen in Fels und Eis zu verankern.

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Jenseits aller Messmethodik ist der Gipfel auch in metaphysischer Hinsicht ein Fix- und Endpunkt, der letzte mit eigener Kraft ersteigbarer, erreichbarer Punkt. Darüber hinaus gibt es nur noch den Himmel, die Sphäre des Göttlichen und Überirdischen. Auf den ersten Blick erinnert es an die Kreuzigung Jesu. Im übertragenen Sinn ist es ein metaphysisches Mahnmal: am Gipfel haben wir den Punkt der Umkehr erreicht. Wir können nicht immer weiter. Wir können nur noch voll Ehrfurcht nach oben blicken. Und einen Moment der Erhabenheit, des stillen Glücks erleben. Wir sind oben – wir haben ein Stück unsres Wegs geschafft.

Dinesh Bauer

Die Geschichte hat Ihnen gefallen? Und Sie mögen „Alpen-Krimis“? Dann schauen Sie doch auf meiner Autoren-Seite vorbei. Schmökern Sie ein bisschen, die Leseproben dort sind selbstverständlich gratis.

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