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Der Riederstein ist ein 1207 Meter hoher Felssporn, der sich über dem Tegernsee erhebt. Die lotrechte Kante des Felsvorsprungs hebt sich rund 150 Meter aus dem dichten Blätterdach des Bergwalds. Ein markanter, weithin sichtbarer Punkt. Auf seiner Felsenspitze wurde Mitte des 19. Jahrhunderts eine winzige Kapelle im neugotischen Stil aufgemauert, die wie ein Falkenhorst auf dem nur wenige Meter im Quadrat messenden Gipfelplateau kauert. Von dem unmittelbar unterhalb des Riedersteins gelegenen Gasthaus Galaun führt ein Kreuzweg in über 500 ins Erdreich gepickelten Treppenstufen zum kleinen Kircherl mit grandioser Aussicht empor.

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Wer den Kreuzweg hinaufsteigt kommt rechterhand an einen grobklotzigen Felsenfindling vorbei. Unter der überhängenden Felswand duckt sich eine Grotte. In der Nische darüber wacht die Rosenkranzmadonna über den düsteren Ort, wie geschaffen um Dämonen und Waldgeister anzulocken.

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Aus der Felswand perlt das Wasser als ob die traurige Geschichte den Stein bis heute zu Tränen rühren möchte. An diesem schauerigen Ort wurden durch puren Zufall die Gebeine des Wildschützen Leonhard Pöttinger aus Sankt Quirin entdeckt. Ein in den Boden eingelassener „Grabstein“ mit einem Kreuz darauf, markiert die Fundstelle seiner skelettierten Leiche. An der Felswand darüber hängt eine Votivtafel, die an eine Schauergeschichte aus längst vergangenen Zeiten erinnert.

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Grab in der Grotte

Es war der 28. August 1897 – ein Samstag. Niemand am Tegernsee dachte mehr an den Wilderer Pöttinger, der vor über 30 Jahren unter mysteriösen Umständen verschwunden war. Im Jahre 1861 ist der verwegene Wildschütz von einer „Bergtour“ nicht zurückgekommen. Nur sein Hut wurde drüben am Wallberg an der Tonileiten gefunden. Sonst fand man von den Bauernsohn aus dem kleinen Ort sankt Quirin keine Spur. Der „Schiedler von Quirin“ galt seitdem als vermisst, als verschollen. Das er längst tot und vermodert war, daran bestand wenig Zweifel. Doch seine sterblichen Überreste blieben unentdeckt, sein Ende ein Rätsel.

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An diesem Tag war ein Arbeiter, der Saliner Bergmaier, im Auftrag des Riederstein-Vereins mit Ausbesserungsarbeiten am Weg beschäftigt. Der Wegmacher ist gerade dabei Erde aus zu heben, da stößt er mit der Schaufel auf Teile eines menschlichen Skeletts. Der Arbeiter ist ein unerschrockener Kerl, der weder Tod noch Teufel fürchtet. Er gräbt also alles aus und packt die weiß und gräulich schimmernden Knochen samt der Brotzeit in seinen Rucksack und macht sich auf ins Tal – genauer gesagt ins Tegernseer Bräustüberl.

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Dort hockt er sich zu seinen Kumpanen, stürzt wortlos eine Maß Bier hinunter, holt Brot und Aufschnitt aus den Rucksack. Während er an seinem Brot kaut, bemerkt er nur trocken: „I hob’n Schittler Hartl von St. Quirin gfundn.“ Ein Raunen ging durch die Reihen der Stammtischbrüder und Suffdimpfel. Ihr Erstaunen ist groß. Nach dem zweiten Wurstbrot gibt Bergmaier Details preis und erzählt wie es mit dem Skelettfund „hergegangen ist“.

Trachtenhut für einen Toten

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Am Nachmittag habe er unterhalb des Riedersteinfelsens Sand ausgraben wollen und sei bei der Lourdesgrotte fündig geworden. In einer Tiefe von zwei Fuß habe es unter seiner Schaufel gesplittert und gekracht und einzelne Knochen seien zusammen mit einem menschlichen Schädel zum Vorschein gekommen. Ein Schädel mit noch gut erhaltenen Zähnen in den Kieferknochen. Anhand der Zähne sollte später – bei der gerichtsmedizinischen Untersuchung – die Identität des Toten zweifelsfrei geklärt werden. Es handelte sich tatsächlich um niemand anders, als den seit „35 Jahren abgängigen“ Wildschützen Leonhard Pöttinger.

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Doch zurück ins Bräustüberl des Jahres 1897: die Zuhörer reagieren skeptisch, halten die Geschichte des Wegmachers für Geflunker, für eine ausgemachte „Räuberpistole“. Da sagt der zwischen zwei Bissen Käse seelenruhig: „Mögt’s n seng? I hob’n dabei!“ Unter den ungläubigen Mienen seiner Tischgenossen schnürt er seinen Rucksack auf und legt die Knochen und den Totenschädel vor ihnen auf den Tisch. Der Schädel ist mit Hackspuren übersät und weist vier kleinere Dellen auf. Die zwei deutlich erkennbaren Löcher im Schulterblatt, legen den Schluss respektive den Schuss nahe, dass der Wildschütz unfreiwillig aus dem Leben gerissen wurde.

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Doch war der Tote auf dem Biertisch wirklich der vermisste Wilderer? Der Wegemacher ist sich seiner Sache sicher. Wer bitte sollte es sonst sein? Die Mörder haben ihr Opfer unter dem Stein verscharrt und den Hut, um eine falsche Fährte zu legen, am Wallberg weggeworfen. Die größer werdende Runde ist jedoch noch nicht restlos überzeugt. Da hat einer der Anwesenden eine zündende wenn auch etwas makabere Idee: man schickt nach dem besagten Hut Pöttingers und siehe da der Hut passt perfekt auf den Schädel.

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Und die Missetäter, die den noch nicht einmal dreißigjährigen Bauernburschen auf dem schlechten Gewissen haben? Die Tatverdächtigen – ein Förster und sein Jagdgehilfe – entgingen zwar der irdischen Gerechtigkeit, doch die himmlische Strafe ist ihnen gewiss.

Dinesh Bauer

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