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Pässe gibt es viele. Da wären einmal die Steilpässe und Querpässe auf dem Fußballfeld oder aber die Reise-, Diplomaten- und Impfpässe, die an der Grenze gefragt sind und von gestreng und misstrauisch drein blickenden Zöllnern inspiziert werden. Schließlich sind da noch die nicht von Menschenhand geschaffenen oder von Fußballerfuß geschlagenen Pässe, die Tal- und Gebirgspässe.

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Erstere wie der Paß Lueg oder der Talpaß Finstermünz sind zwischen hoch aufragenden Felswänden eingeklemmt. Enge, schluchtartige Schläuche, die es auf schmal, gewundenen Saumpfaden zu durchqueren gilt. Oberhalb der beängstigenden Enge die schrundigen, scharfkantigen Felsstürze, unten das tosende, schäumende, nach Zerstörung geifernde Wildwasser.

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Die zweite Pass-Kategorie sind die Klassiker: die Bergpässe, die von Süd nach Nord, von Ost nach West oder umgekehrt führen und in die Gebirgskämme eingekerbt, zwischen Gipfeln links und rechts eingezwängt sind. Diese Sorte Pass wird in den heimischen Alpen auch als Joch, Höhe oder Sattel bezeichnet. Es liegt in der Natur eines Pass-Übergangs, dass dieser die tiefste respektivste gangbarste oder eben „passabelste“ Stelle markiert, an dem ein Gebirgszug per Pedes, per Pferd oder Pferdestärke überquert werden kann. Er stellt also einen Transitpunkt dar. Oder um den Mystiker und Dichter William Blake das geflügelte Wort zu reden: Großes geschieht, wenn Mensch und Berg sich treffen.

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Das Wort Pass, aber auch der Passagier oder der Passant leitet sich in etymologischer Hinsicht vom lateinisch-stämmigen Wort „passare“. sprich durchgehen, passieren ab. Der französische Ausdruck passeport, sprich „passare portas“ verweist noch bildlich auf die ursprüngliche Bedeutung, nämlich ein Tor durchqueren dürfen, Einlass in eine Pforte gewährt zu bekommen.

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Wer über einen Pass pilgert, zieht oder fährt, der überschreitet eine sichtbare Grenze, einen Einschnitt, der den Blick auf die andere Seite der Berge freigibt. Ein Pass ist also auch ein Bindeglied, ein steinernes Scharnier. Über die Passhöhe hinweg eröffnen sich neue Horizonte.

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Es ist ein Ort, der Verbindungen anbahnt, der für den Austausch von Waren und Ideen, für Veränderung, Handel und Wandel, der aber auch für kriegerische Unternehmungen und Eroberungszüge steht. Über die Pässe kamen Händler, Fuhrleute, Vaganten und Bettelmönche, aber auch Söldner, Mordbrenner, Galgenvögel und Beutelschneider. Ein kunterbuntes Gemenge, ein gewaltiges Gewese, ein babylonisches Sprachengeschwirr. Zumindest war das in früheren Jahrhunderten so. Damals als der Karthager Hannibal oder noch als sein Kriegsherrn-Kollege Napoleon über die Alpen marschiert kam.

BildWer heute die Namen der zu mehrspurigen Transitrouten mutierten Alpenpässe von Arlberg und Brenner bis Simplon und Sankt Gotthard hört, denkt höchstens noch an imposante Brücken- und Tunnel-Bauwerke, an Maut- und Raststationen, an die sich wie billige rote Glasperlen auf der Betonschnur durch die Berge reihenden Rücklichter.

Da ist nichts mehr Mythisches und Manisches, Unbekanntes und Unheimliches, nichts Abenteuerliches und Absonderliches mehr – da bleibt nur noch Platz für das Wohnwagengespann aus Belgien, den Pick-Up aus Polen, dem 36-Tonner aus Verona, das Wohnmobil aus Wuppertal und dem SUV aus München.

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Nur wer einen Pass auf Schusters Rappen erklimmt und „überwindet“, der die alten, teils noch aus römischer Zeit stammenden Plattenwege über den Septimerpass, den Splügen, das Pfitscher Joch oder die Krimmler Tauern unter die Vibram-Sohle nimmt, der verspürt noch etwas von dem magischen Moment, eine Schwelle überschritten und ein fremdes Haus betreten zu haben. Oder hinterkünftig gesprochen: „Die Pässe, bitte!“

Dinesh Bauer

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