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Seit Stunden bin ich unterwegs. Mitten durch die alpine Schweiz. Und zwar nicht auf den grünen, sondern auf den blauen Straßen. Denn die sind nicht mautpflichtig. Dafür brauche ich gefühlt eine halbe Ewigkeit, um hinter Traktoren her zukriechen und durch eng gewundene Ortsdurchfahrten zu kurven. Irgendwann reicht es mir. Ohne Kaffee geht nicht’s mehr. Irgendwo hinter Chur erspähe ich am Rand der Nationalstraße ein Schild mit der Aufschrift: Dorfbäckerei! Klingt verlockend. Das Problem daran ist nur, dass in meiner Reiseschatulle Ebbe herrscht. Bevor ich das Geschäft betrete, checke ich deshalb den Inhalt meines Portemonnaies. Darin befinden sich neben einem fünfzig Euro-Schein, der für die letzte Tankfüllung nach Hause reserviert ist, noch genau 5 Schweizer Franken und 80 Rappen. dazu ein paar Cent-Stücke. Hmm, ob das reicht? Inzwischen kenne ich die astronomischen Preise in der Eidgenossenschaft. Hatte ich doch erst tags zuvor 3 Franken und 40 Rappen für ein Tässchen Espresso berappt, das noch dazu bitter wie die Niederlage der Eidgenossen in der Schlacht bei Marignano schmeckte. Und die fand 1515 statt. Nun gut, wer wagt gewinnt.

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In der Dorfbäckerei: eine Ladentheke, ein paar Regale mit Pralinenschachteln und Confiseriewaren, zwei Tische. Um den größeren der beiden sitzen fünft in Ehren ergraute Eidgenossinnen beim Kaffeekränzchen. Zwei davon drehen sich zu mir um und nicken
mir, den Neuankömmling, unbestimmt zu. Ich besehe mir das Angebot, die wohl gefüllten Brötchenkörbe, die Kuchen, süßen Plunder und mit Puderzucker bestäubten Krapfen in der Auslage. Spontan beschließe ich, es nicht bei einer Tasse Kaffee zu belassen. Endlich rechnet die „Dorfbäckerin“ mit spitzem Stift zusammen: zwei „Weggi“, eine Roggensemmel, ein Krapfen mit Himbeerkonfitüre und eine Tasse Kaffee, das macht 6 Franken und 60 Rappen. Ich schlucke. Es fehlen 80 Rappen zum Kaffee- und Krapfenglück. Ich überlege gerade, ob sich die Bäckerin stattdessen mit den 65 Rest-Cent in meiner Brieftasche zufrieden gibt, oder ob ich den 50 Euro-Schein auf der nächsten, 10 Kilometer entfernten Kantonalbank wechseln und als Pfand derweil meinen Personalausweis hinterlegen muss.

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Ich zögere, werfe meine letzten Münzen mit der Aufschrift Confoederatio Helvetica auf den Wechselteller. Als die Bäckerin sieht, dass ich meine „billigen“ Cent-Münzen dazulege trifft mich ein empörter, vernichtender Blick. Da meldet sich eine der älteren Damen zu Wort: „Fehlt noch etwas?“ erkundigt Sie sich besorgt. Ich bekenne beschämt: „Ja, 80 Rappen!“ Die Antwort der silberhaarigen Eidgenossin erfolgt prompt: „Aber das ist doch kein Problem. Setzen Sie sich und trinken Sie ihren Kaffee. Wir machen das
schon!“

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Ich weiß nicht recht wie mir geschieht und setze mich wie befohlen an den kleinen Tisch. Während ich genüsslich den Kaffee schlürfe, sehe ich verstohlen zum Nachbartisch hinüber. Jede der fünf Kaffeekränzlerinnen kramt sichtlich stolz auf ihr „Hilfsangebot“ etwas Kleingeld aus der Geldbörse. Dann wird mit wahrer Leidenschaft getauscht, Franken und Fünfzig Rappen-Stücke gewechselt, bis exakt fünf silbrig glänzende Münzen à 20 Rappen auf dem Tisch liegen. Zur Bedienung gewandt, meldet sich die „Chefin“ der Runde zu Wort: „So jetzt haben wir sogar 20 Rappen zu viel gesammelt. Schenkst du uns dafür noch etwas Kaffee nach, oder?“ Ich bin baß erstaunt – sowohl vom ausgeprägten Gerechtigkeits- als auch vom Geschäftssinn der alten Damen. Und bin mir sicher, dass mir eine solche Episode anderswo so nicht passiert wäre. Ich bedanke mich überschwänglich – und werde von den „fünf Grazien“ mit freundlichen Mienen verabschiedet. Und die Moral von der „helvetischen Marzipan-Moritat“? Mit 20 Rappen setzt man nie aufs falsche Pferd! Ein Lob den alten Damen!

Dinesh Bauer

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