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„Auf den Bergen ja da wohnt die Freiheit, auf den Bergen ist es ja so schön, wo des Königs Ludwig Zweiten alle seine Schlösser stehn!“ Der Märchenkönig war ein Mann der Berge.

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Als Romantiker par excellence suchte er im alpinen Amphitheater, quasi vor kolossaler Kulisse, seine Traumwelten zu inszenieren. Suchte die Abgeschiedenheit, suchte die Einsamkeit des schwermütigen Schwärmers. Seine Schlösser kennt jeder. Doch Ludwigs Weltfluchten endeten beileibe nicht immer in Neuschwanstein, Herrenchiemsee oder Linderhof.

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Als Fluchtort dienten auch bescheidene Bergdomizile. Schlichte Blockhütten ohne jeden Komfort und Luxus, die Ludwig aus der Hinterlassenschaft seines Vaters Max übernommen hatte. Diese „Pirschhäuser“ hatte der passionierte Jäger erbauen lassen, um dort auf der „Jagd im Gebirg“ zu übernachten. Im Gegensatz zu Vater Max und dem Standard-Blaublütler war der Kini kein Jägersmann, ja er verabscheute das blutige Waidwerk aus tiefstem Herzen.

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Er zog sich in die Berge zurück, um dort inmitten der stillen, erhabenen Bergnatur Ruhe und Inspiration zu finden. Ludwig war – wie wir heute sagen würden – Frischluftfanatiker und Outdoor-Freak. Er verabscheute die „Schreibtischarbeit“, die Audienzen und „Teamsitzungen“. Er war einer der die Bewegung brauchte, der für sein Leben gerne Spaziergänge und Bergwanderungen unternahm. Und er war ein ausgemachter Romantiker und Schöngeist, der in den Bergen den idealen Entwurf einer ungekünstelten, „natürlichen“ Gegenwelt sah.

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In einem Schreiben an „Meistersinger“ Richard Wagner verlieh er seiner Sehnsucht Ausdruck: „Diesen Brief schreibe ich auf einem Berge, in hoher Alpengegend, entrückt dem Getreibe der Menschenmenge. Längst sank die Tagesleuchte hinab, verschwand hinter den hohen Bergesketten; Friede herrscht in den tiefen Thälern, das Geläute der Herdenglocken, der Gesang der Hirten drang hinauf zu meiner wonnigen Einsamkeit; der Abendstern entsendet sein mildes Licht der Ferne, zeigt dem Wanderer den Weg aus dem Thale.“ Bis heute – über 125 Jahre nach dem Tod Ludwiga – hat man von der Veranda der Hütte einen famosen Ausblick auf die Soiernspitze, das obere Isartal und das Wettersteingebirge.

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Eine dieser „Bergresidenzen“ ist die südlich des Walchensees inmitten tiefer Wälder gelegene Hochkopfhütte. Das eingeschossige, mit Holzschindeln eingedeckte Pirschhaus des Vaters übernahm Sohnemann Ludwig so wie es war: vier Räume, ein königliches Schlafzimmer, ein Salon, Gästezimmer und Lakaienzimmer. Außerdem gab es eine kleine Toilette. Von einem Lenggrieser Zimmermeister ließ er hastig einige Nebengebäude aufmauern, von denen heute nur noch kärgliche Ruinenreste zeugen: Pferdestall, Küchengebäude und Arbeiterunterkünfte. Zu dem lies er um den Altlacher Hochkopf, einen 1328 Meter hohen Waldbuckel oberhalb der Hütte, einen Gipfelrundweg mit mehreren Parapluis anlegen. Bänke mit einer Art hölzernen Sonnenschirm darüber.

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Von Kindheit an war Ludwig ein fanatischer Leser, der sich offen dazu bekannte, mehr in seinen geliebten Büchern zu leben als in der verhaßten Gegenwart. In seinen Musestunden stieg er hinauf zu den Aussichtspavillon, um die Gedanken schweifen und sich in seine Lektüre zu vertiefen: „O, es gehört zu den größten Freuden, den Geist in jene wundervollen Werke von Zeit zu Zeit zu versenken, gehoben, wahrhaft neu gestärkt, wendet man sich dann aufs neue dem wirklichen Leben zu!“ – so der O-Ton des Märchenkönigs. Und was las der „Kini“ in den Bergen? Er hatte ein Faible für historische Abhandlungen, insbesondere über die Geschichte des 17. und 18. Jahrhunderts in Frankreich. Über den Sonnenkönig oder die Architektur dieser Epoche.

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Die französische Literatur studierte Ludwig stets im Original. Seine Lese-Leidenschaft galt auch den deutschen Klassikern. Mit den Werken Goethes, Schillers und Lessings war er so vertraut, dass er daraus lange Passagen auswendig rezitierten konnte. Der Geburtstag Friedrich von Schillers am 10. November galt ihm stets als „heiliger Tag“. In seinen Zeitgenossen, den österreichischen Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch, sah Ludwig einen Seelenverwandten. Der zu seiner Zeit äußerst populäre Autor entsprach mit seinen moralischen mit psychologischen und folkloristischen Elementen gespickten Seelendramen in Form von Novellen und Romanen perfekt den schwärmerischen Vorstellungen des Königs.

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Beim „Märchenkönig“ denkt man an ein extravagantes, exklusives Ambiente, an Sängersäle, maurische Teehäuser und künstliche Grotten. Doch Ludwig beschied sich in seinen Gebirgshütten mit nur zwei oder drei kleinen Zimmern. Auch der „Hofstaat“ des Hütten-Königs bestand lediglich aus einer Miniatur-Entourage: ein Leibdiener, ein Koch und ein Pferdeknecht, der auch als Bote diente. Hofkoch Theodor Hierneis beschrieb die Einrichtung der bis heute im Originalzustand erhaltenen Hochkopfhütte: „Drei einfache Zimmer für den König. Mit geringen Mitteln etwas wohnlich gemacht, der Boden ist mit einem grauen rupfenähnlichen Wollteppich belegt, die Wände mit Jagdstichen und Familienbildern behängt. Im Schlafzimmer ein runder Tisch mit einer Petroleumlampe, in der einen Zimmerecke ein Kachelofen, in der anderen das simple hölzerne Bettgestell, dazu ein paar Stühle, ein geschnitztes Kruzifix – wahrlich armselig im Kontrast zu Schloß Linderhof oder Herrenchiemsee.“ Ein rustikales und ländliches Refugium eben.

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Der König feierte dort oben in „wonniger Einsamkeit“ zweimal Geburtstag und er lud den Maestro höchstselbst in die Wildnis. Und Wagner kam tatsächlich. Im August 1865 weilte er allein, nur begleitet von seinem Diener Franz und Hund, für zehn Tage hier oben, um inmitten unberührter Bergnatur letzte Hand an die Parsifal-Partitur zu legen. Wagner war von seiner „Adventure-Tour“ nicht sonderlich begeistert, wie er später dem „Braunen Tagebuch“ anvertraute: die Rede ist von „mühseligen Aufstieg“, „vollständiger Wildnis“, „üblem Wetter“ und „großer Erkältung“.

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Die Folge: „Weichei“ Wagner brach seinen Aufenthalt im „Dschungelcamp“ vorzeitig ab, „um sich der Behandlung des Arztes zu übergeben.“ Ludwig bemühte sich in der Folge immer wieder den Meister zu einem Besuch auf dem Berg zu überreden. So beschwor der Kini in einer „Grußkarte“ zu Wagners Geburtstag im Mai 1878 die Sonnenseiten des Berglebens: „Auf der Höhe des Hochkopfes, der gerade im Mai so wonnig schön ist und den Sie leider im Jahre 65 in so trauervoller Stimmung und überdieß bei heftigem Sturm und Regen kennenlernten, hier also feierte ich Ihr theures Geburtsfest. Es ist himmlisch in Gottes freier Natur im geliebten Mai.“ Wagner hatte jedoch nach dem ersten Horrortrip die Triefnase gestrichen voll von der Blockhütten-Romantik à la Ludwig.

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Auf seinem Weg zur Hochkopfhütte logierte der König in Altlach – einen winzigen Weiler am Südufer des Walchensees. Im 1843 erbauten Bräu-Hof – noch heute das stattlichste Anwesen weit und breit – logierte Ludwig gerne und oft. Auf der Wiese vor dem Haus hielt er sogar Kabinettsitzungen unter freiem Himmel ab.

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Eine unwirkliche Szenerie, die Augenzeugin Luise Kobell in ihren Erinnerungen so beschrieb: Auf der Wiese lagerten die Reitknechte, die teuren Kutschen standen in Reih und Glied. Der König setzte sich, die schottische Mütze auf dem Kopf, im Reisekostüm an den Tisch, flankiert von zwei Lakaien. Vor ihm stand sein Kabinettschef im schwarzen Frack, den Claquehut unter dem Arm, und berichtete mit lauter Stimme über die von den verschiedenen Ministern eingesandten Anträge und Vorschläge; in die Regierungsgeschäfte mengte sich das Gebimmel der Kuhglocken und das Gekläffe der Dachshunde des Försters.

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Falls Ludwig erst spät abends in Altlach anlangte, verbrachte er die Nacht in dem für ihn reservierten Königszimmer und führte lange Kamingespräche mit dem Hausherrn, Revierförster Anton Bräu. Der Förster erinnerte sich später: “Ich konnte den König schon verstehen, wenn er allein die verschiedensten Naturstimmungen beobachten wollte, wenn der Mond die fernen Bergspitzen bestrahlte, wenn früh morgens die ersten Sonnenstrahlen die Gipfel ringsum vergoldeten, wenn Nebelschwaden
gespenstisch über die Riffe zogen und die verschiedenartigen Gesänge der Vögel die herannahende Morgenröte verkündeten. Nur wer selbst einmal die Natur, die Berge und Seen, am frühen Morgen oder am späten Abend beobachtet hat, wer die Stille und Ruhe der Einsamkeit gerade in solchen Stunden gespürt hat, der wird einen Ludwig II. verstehen, der wird begreifen, was die Natur, die Einsamkeit, diesem Monarchen zu geben vermochte.”

Dinesh Bauer

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