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BergtourKarwendel 008In den Bergen ja da wohnt die Freiheit – und dazu die Steilheit, bin ich versucht etwas spöttisch, ironisch anzumerken. Was wäre der Berg ohne Schräglage, ohne Hanglage, ohne Grenzlage? Und je stärker die Neigung des Geländes, je höher das Gefälle und die Niveauunterschiede, desto grenzwertiger, abgründiger und spannender wird es. Was wäre ein Bergroman, ein Alpenkrimi ohne steile Schrägen, steile Abbrüche, steile Wände – er wäre einfach undenkbar.

Steil3

Der Föhn weht über Bergeshöhen. Wo es steil nach oben geht, wird es brenzlig, bedrohlich und brutal. Jede Wand, jede Geschichte hat ihre Schlüsselstelle. Steil – das assoziative Adjektiv reimt sich auf Hanf und Seil, auf Griff und Keil, auf Bolzen und Beil, auch auf Berg Heil! Ganz gewiß aber – trotz aller phonetischen Homophonie – nicht auf Style. In der Steilwand da tummeln sich Edelweiß-Extremisten, Haken-Hasardeure, Karabiner-Kamikaze und Anarcho-Alpinisten. Steil ist nie steril, steil ist viril! Denn: Gipfel ist geil. Dazu später mehr.

Steil7

Wo die Wand steil, die Hänge abschüssig und der Felsenfluh brüchig wird ist kein Platz mehr für die breite Masse. Für Massenaufläufe, Massenmärsche, Massenware. Die Masse ist mehr als eine Einsteinsche Formel, ein Äquivalent von Energie und Beschleunigung. Die Masse ist ein Produkt der Horizontalen und wächst proportional zu ihr in die Waagerechte. In der Vertikalen hat Sie ihr physikalisches Recht, ihre Existenzberechtigung verloren.

Steil2

Doch lassen wir die Massen unter uns. Wenden wir uns der Trivialität der Senkrechten zu: Nur wenn das Gelände ansteigt, steil und schräger wird, wird daraus ein Hang, im Idealfall eine Wand oder gar ein Überhang. Ohne Aufschwung, ohne Erhebung keine Hänge, keine Schründe und Schrofen, keine Zacken und Scharten, keine Zinnen und Rinnen, keine Pfeiler und Pyramiden, keine Kegel und Kofel, keine Joche und Jodler, keine Berge, keine Gipfel. Der Berg wäre weder in uns, noch über uns. Steil sein – das ist ein Synonym für Extreme, für unbändige Naturgewalten, entfachte Leidenschaft, für strahlende Triumphe, für maskuline Kraft-Akte.

Steil6

In der Senkrechten, bei Neigungswinkeln von 70, 80 Grad regieren andere Gesetze, die der Flieh-Kraft, des Wände-Wahns, der Hybris der Höhe. Aus der Tiefe tönt das jammern, heulen und wehklagen, auf den schwindelnden Höhen aber wohnen seit jeher die Götter. Der Berg-Gott, ob er nun Zeus oder Jehovah heißt, ist männlich. Die steilen Stalagmiten sind die ultimativen Phallus-Symbole, die ihre steinernen Glieder starr und steif nach oben recken, bereit zur vulkanischen Ejakulation. Der Gipfel gehört den harten Männern. Für schlaff und schwächlich gewordene Muskeln bleibt der Berg fern und unerreichbar.

Steil 8

Der Hang ist dem Mensch eine karge Heimat – das menschliche Maß in Steillage stark abgeschrägt. Das Brot der Berge ist ein Hartes. Wer hier bleibt, hängt am Hang. Mögen die Berge Refugien der Heroen und Götter sein, die Abhänge überm Tal sind die Domäne der Sensenmänner. Sicheln und Sensen schneiden das Gras, Grummet und Heu. Die Schneide schlägt Schneisen, fräst sich Wiesen hinauf, die wie Wände ragen. Gesichter verwittert wie Felsen, Hände schrundig und fältig wie Klippen von Kalk. Steiles Land ist nie heiles Land. Der Ort an dem die Freiheit wohnt. Denn was bedeutet es schon frei zu sein, denn frei von allem, vor allem außerhalb jeglicher Komfortzone zu sein.

Dinesh Bauer

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