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Ich steige die Himmelsleiter hinauf. Wie Jakob im Buch Genesis. Meine „Himmisloata“ hat jedoch keine Sprossen. Sie führt von Weidach nach Dorfen – und zwar auf dem direkten Weg, der „Diretissima“. Unten fließt die Loisach grau braun und trüb, von der Flosslände her höre ich fernes Stimmengewirr und Gläsergeklirr.BildUm mich herum ist alles Grün. Ein Dach aus Blättern wölbt sich über mir. Ranken, Zweige, Äste verstellen mir den Weg, nehmen mir die Sicht. Büsche, Stauden, Sträucher – alles üppig begrünt. Von den Bäumen sind nicht mehr als ihre gerundeten, bauchigen Stämmen zu sehen.

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Die Leiter selbst ist ein schmaler, steil ansteigender Steig, der sich in Serpentinen an Nagelfluhkanten und kleinen Geröllhalden vorbei schlängelt. Die Erde saugt schmutzig braun an meinen Turnschuhen. Nach dem endlos langen Regen der letzten Wochen hat sich der Boden mit Feuchtigkeit voll gesogen. Der Laubteppich federt jeden meiner Schritte ab. Die Luft ringsum ist schwer und riecht nach feuchter, wachsweicher Erde, nach Fruchtbarkeit und Fülle.

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Die fünfzig, sechzig Trittstufen der Himmelsleiter sind aus Holz. Das Holz ist alt vom aussehen, ist von undefinierbarer grau, brauner Mischfarbe und glänzt vor Nässe. An vielen Stellen hat es zu faulen begonnen, ist morsch und brüchig geworden. Pilze haben sich in den Schrunden und Spalten eingenistet und sind dabei das Holz in humiden Humus zurückzuverwandeln. Die Handläufe des Holzgeländers sind zum Teil zerborsten. Die ihres Sinnes beraubten Haltestangen stehen in absurden Winkeln ab, als ob Sie sich wie Lanzen ins Grün spießen wollten. Oben angelangt schweift mein Blick andächtig weit über das satte Grün der Au, dem kalkigen Weiß der Kiesbänke und den gletschergrünen „blauen Band“ der Isar, der Isara, der Reißenden.

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Überall in der Urlandschaft der Pupplinger Au hat die Natur verloren geglaubtes Terrain zurückgewonnen, die ihr der Mensch vor Jahrzehnten mühsam abgerungen hatte. Überall rankt und schlingt sich die „grüne Hölle“ zum Licht, zum Himmel empor. Wer abseits der Asphaltbänder, Kiesstraßen und den anderen von Menschenhand geschlagenen Narben durch die Au wandert, der verschwindet in einem Trichter, der sich ins Schattenreich einer üppig grünenden Vegetation schraubt und nur fernes, mattes Licht am Ende des Tunnels erahnen lässt.

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Die Au, die Worte klingen für mich vertraut, verheißungsvoll wie eine Tausend mal intonierte Liebserklärung. Hier ist meine Heimat. Für mich waren es immer nur wenige Schritte und ich war draußen, tauchte in den Auwäldern entlang der Isar unter. Bei meinen Exkursionen in die Au fühlte ich mich als waschechter Isar-Pirat, als Apache vom Stamm der Milzwurst-Mescaleros. Dies hier war mein Land, das Land meiner Vorväter, in Blutsbanden fest mit den Ahnen eins. Meine Jagdgründe, das war die Weite der Pupplinger Au, die ich mit meinen „Stammesbrüdern“ zu Fuß oder auf unseren Stahlrössern durchstreifte und erkundete.

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All dies ist lange her und längst vorbei. Doch im Hintergrund rauscht noch immer der selbe Fluss, die ewige Isar. Soll der alte Hellene Heraklit sagen was er will! Manchmal steigt man doch zweimal in den selben Fluss. Von Westen schwappen die dunklen Wolkenwellen vom Starnberger See herüber und pochen ans „Tor des Tölzer Lands“. Einlass begehrend. es beginnt zu regnen, erst tastend, wie ein Dirigent er bei der Orchesterprobe mit dem Taktstock das Notenpult traktiert. Dann klingt der Takt der Tropfen schneller, rascher, drängender. Wie sonst wäre die Au so grün?

Frauenschuh&DuEin Garten Eden vor der Haustür, voller seltener Blumen, voll unscheinbarer und unglaublich bunter Blüten: Frauenschuh, Seidelbast, stängellosen Enzian, Akelei. Und auch die Schlange, im Au-Fall die Kreuzotter, zischelt um den Baum der mehr oder weniger großen Erkenntnis. Ein gesegneter, paradiesischer Ort. Ein Ort, der mir immer wieder aufs Neue einen erstaunten, ja entzückten Ausruf entlockt: Au, ja! Au, schau, wem!

Dinesh Bauer

Ihr wollt noch mehr von mir entdecken? Meine Alpen-Krimis sind eine Liebeserklärung an das weiß-blaue Land vor den Bergen. Blättert rein und lasst euch überraschen…

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