Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , ,

Raben sind für mich ganz besondere Vögel. Das hat einen einfachen Grund: Sie erinnern mich an meinen Vater. Noch heute sehe ich ihn vor mir, ein von lebenslanger, harter Arbeit gebeugter alter Mann mit schlohweißen Haaren, auf einen dunkelbraunen Gehstock gestützt. Sein Blick starr in eine mir verschlossene, ferne Vergangenheit gerichtet, um seine Lippen ein mildes, melancholisches Lächeln. In diesen Augen blitzte es jedoch belustigt auf, wenn die Rede auf „seine beiden Raben“ kam – die er nach den beiden Begleitern Odins aus der nordischen Sagenwelt Hugin und Munin taufte. Jeden Tag, egal ob Sommer, Winter oder Herbst stand nach dem Mittagessen die „Rabenfütterung“ draußen im Garten auf dem Programm. Das hatten die beiden Krächzknechte – schlau und gewitzt wie Raben nun mal sind – natürlich längst gecheckt. High Noon ist Futterzeit. Um Punkt Zwölf saßen die schwarz gefiederten Gesellen auf dem Dachfirst des Schuppens und warteten, dass ihnen der Ober das Mittagsmenü auf dem Präsentierteller servierte.Bild

Sobald die gebückte Gestalt mit seinem Gehstock vor die Tür trat und die paar Schritte zum Futterplatz humpelte, begannen die Raben lauthals zu krähen und krächzen und erregt mit den Flügeln zu schlagen. Wussten sie doch – jetzt gibt’s Delikatessen, die nicht auf dem normalen Speiseplan der Mäuse- und Maden-Mensa stehen. Die Vorfreude auf ein paar ausgesuchte Leckerbissen war nicht zu übersehen und zu überhören. Das Take-away-Restaurant im heimatlichen Garten hatte einiges zu bieten: Fleischhäppchen, Pellkartoffeln, Quark, gedünstete Gemüse und um Weihnachten herum auch ein paar Gebäckkrümmel, Löffelbiskuit und oben drauf einige Schokorippchen, natürlich von Lindt. „Man“ respektive Rabe stürzt sich ja nicht gleich auf das erstbeste Chappi. Gewissen Gourmet-Ansprüchen sollte das Festmahl schließlich schon genügen.

Bild

Nach Bekunden der Ornithologen und Verhaltensforscher zählen die Rabenvögel, also Krähen, Elstern und Dohlen zu den Allesfressern. Mein Vater konnte indes die Beobachtung machen, dass Hugin und Munin bestimmten Gaumengenüssen eindeutig den Vorzug gaben. Jedenfalls krallten sich die beiden mit ihren spitzen Schnäbeln die Filetstückchen und pickten die besonderen „Leckerlis“ zielsicher heraus. Fressalien von minderer Güte und Qualität wurden hingegen verschmäht. Gab es etwas „Gutes“, dann wurde regelrecht geschmaust und getafelt und die beiden stopften sich den unter ihrem dichten Federkleid verborgenen Wamst mit „Vollwertkost“ voll. Die „Resterl“, gelbe Salatblätter, geschnipselte Gemüsefetzen oder Obstschalen rührten sie dagegen nur im Notfall und unter Protest an. Rabenvögel sind clevere Burschen und keine dummen Vögel – dessen war sich mein Vater absolut sicher. Und über die kleinen Streitereien und Reibereien zwischen seinen Schützlingen, wenn Sie sich um die besten Brocken balgten und zankten, konnte er herzhaft lachen.

Rabe_Dach

Rabe und Mensch – der alte Mann und die schwarzen „Unheilsvögel“ das war ein perfektes Gespann. Eine ohne Worte funktionierende „symbiotische Schicksalsgemeinschaft“, bei dem beide Partner von den liebenswerten Schrullen und Kapriolen des anderen „profitierte“. Für meinen „Rabenvater“ gehörten Hugin und Munin einfach zur „Familie“. Die gefiederten Freunde halfen ihn über manch düstere, vom Schmerz umnebelte Stunde hinweg. Und sah er das Tandem in Aktion, dann kerbte ein zauberhaftes Lächeln sein faltiges, schrundiges Gesicht. Wie viele „Rabenväter“ und „Rabenmütter“ mag es wohl geben, die in den Raben weder Unglücksboten noch „Pechvögel“ sehen.

Dinesh Bauer

Advertisements