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Tatü-tata die Polizei ist da! Auf, auf zur Großrazzia! An der Polizei scheiden sich die Geister. Die einen verklären die gute alte Zeit, da der Schutzmann an der Ecke für Recht und Ordnung einstand. Oder betrachten mit einem nostalgischen Wetterleuchten in den Augen die Werbeposter auf denen die Männer mit der grünen Mütze „als Freund und Helfer“ einen Schwung Schulkinder über die Straße lotsten.

Bild „Andersdenkende“ haben andere Assoziationen. Bei Polizei denken Sie an Willkür, an Wasserwerfer und Gummiknüppel. An Repression, Polizeistaat und Bullenschweine. An Schlagstock, Blaulicht, Sirenen und klickende Handschellen. So gesehen stellen die „grünen Jungs“ einen Lackmustest für das Gewaltmonopol des staatlichen Herrschaftssystemes dar.

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Betrachten wir also die Geometrie der Gewalt – in Form einer Retrospektive. Wo liegen die Ursprünge der Polizei, wie sieht ihre Geschichte aus? Ein Blick zurück lohnt, wenn er sich auch mit wachsamen Argusaugen – eine schöne Tautologie – auf Vergangenes zu richten hat. Jenseits der staatlich verordneten Kultur des Erinnerns heißt es dabei das Apercu George Orwells im Gedächtnis zu behalten: „Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft. Wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit.“

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Gepflegte Blumenbeete, Rasen mit Bürstenhaarschnitt, akkurat zugestutzte Hecken, ein plätschernder Bach in seinem verordneten Betonbett. Der im Zuge der Landesgartenschau 1992 neu angelegte Klenzepark in Ingolstadt bietet viel Grün fürs Auge. Mittendrin im gärtnerischen Idyll die steinernen Fortifikationskolosse des frühen 19. Jahrhunderts – das Reduit Tilly, die Festungstürme Baur und Triva. Denn bevor Ingolstadt zum Audi-Village aufstieg, war es die bayerische Festungsstadt Nummer Eins. Unter Napoleon wurden die Mauern, Bastionen und Rondelle des Absolutismus geschleift. Der erste Ludwig ließ von seinem Lieblingsbaumeister Leo von Klenze neue Vorwerke, Wälle und burgartige Bauten errichten. 1827 war der erste Spatenstich getan, pünktlich zur Abdankung des Königs im Revolutionsjahr 1848 war der Festungsring fertig. An der Großbaustelle schufteten und werkelten an die 20.000 Arbeiter, Steinmetze und Maurer. Mit Pickeln und Schaufeln warfen sie Schanzen auf, so dass die Stadtbewohner bis heute unter dem Spitznamen „Schanzer“ bekannt sind.

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Ingolstadt liegt am Schnittpunkt der diagonalen Achsen im Koordinatensystem Bayerns. Die gewaltigen Festungsbauten dienten also nicht zur Grenzsicherung oder zur Abschreckung eines realen oder eingebildeten Feinds. Ingolstadt war Garnisonsstadt, hier wurden Waffen, Uniformen und Kriegsmaterial gehortet, von hier aus wurde die bayerische Armee versorgt – und im Schutz der Festungsmauern konnte notfalls der König in Deckung gehen, falls sein Volk den Aufstand probte. Die Reduit Tilly und ihre beiden flankierenden Türme waren 1841 „schlüsselfertig“. Doch schon kurz nach ihrer Fertigstellung verlor der stark befestigte Brückenkopf südlich der Donau seine Bedeutung als militärisches Bollwerk – die bis zu vier Metern dicken Mauern waren ob der immer größeren Feuerkraft der Artillerie zur Makulatur geworden.

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Der Turm Triva hat die Form eines Ovals. Die ringförmige Anlage umspannt einen 50 mal 79 Meter messenden Kasernenhof. Benannt wurde der Bau im Stil der Klassizistik nach Johann Nepomuk von Triva, der war bayerischer Kriegsminister und General der Artillerie. Die Pläne zeichnete Hofarchitekt Leo von Klenze. Seine Stärke und Stabilität verdankt das Festungswerk den 58 gemauerten, tonnengewölbten Geschützräumen, den so genannten Kasematten. 1890 wurde der Turm zur Kaserne für die hier stationierten Pioniereinheiten umfunktioniert. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente der Kasernenkomplex – groteske Ironie der Geschichte – als Auffanglager und Notunterkunft für Kriegsflüchtlinge. Seit 2011 befindet sich hier das Bayerische Polizeimuseum.

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Thema des Museums: die Geschichte der Polizei in Bayern seit 1918. Auf 650 Quadratmetern sind in den alten Kasematten im Erdgeschoss rund 600 Exponate aus knapp 100 Jahren zu sehen. Didaktisch bewegt sich die Ausstellung auf zwei changierenden Ebenen. Es beleuchtet akribisch die geschichtliche Entwicklung der Polizei von innen und außen. Zwei Seiten der selben Medaille. Hält doch die Geschichte der Polizei der Gesellschaft den Spiegel vor.Gendarmerie1

Auf der einen Seite stehen historische Monturen, Waffen und Memorabilia der „Ordnungskräfte“. Auf der anderen Seite hängen Fahndungsplakate, tauchen alte Aufnahmen von Mordopfern und Tatorten aus dem Dunkel. Neben dem froschgrünen VW-Käfer mit Martinshorn auf dem Kotflügel droht ein Stück des giftgrün gestrichenen mit Stacheln bewehrten Stahlzauns, der die Atomkraftgegner vom Sturm des Baugeländes der WAA in Wackersdorf abhalten sollte. Hie die „Good Cops“, die Gewaltverbrecher und Mörder jagen, dort die „Bad Cops“, die mit gefühlloser Härte auf friedliche Demonstranten einprügeln. Beides zeigt mit schlagender Eindringlichkeit wie sich Gewalt in den Grenzbereichen der Gesellschaft manifestiert.

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Vom Jagd auf Wilderer bis zur Schlacht um Wackersdorf. Die Ausstellung spannt einen weiten historischen Bogen, von der brutalen Niederschlagung der roten Räterepublik durch die „Heimatschutzverbände“ und „Bürgerwehren“ im Jahr 1919 bis hin zu den bleiernen Zeiten der RAF, als wiederum die Roten die „Staatssicherheit“ bedrohten. Dort geht der königlich-bayerische Gendarm mit seiner tannengrünen Uniform, roten Revers und Goldknöpfen an der Brust auf Patrouille, dort ziehen die Anti-Terror-Matadoren in ihrer martialischen „Terminator“-Tracht in die Kampfarena.

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Breiten Raum nimmt die Zeit des Dritten Reichs ein. Hier insbesondere die herausragende Stellung des Polizeiapparats im nationalsozialistischen Machtgefüge: die Polizeibataillone an der Ostfront, die Geheime Staatspolizei im Innern. Es waren Polizisten, die Verbrechen aller Couleur begingen, die raubten, erpressten und unterdrückten, die folterten, mordeten und massakrierten.

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Die Polizei war einer der tragenden Säulen des Hitler-Regimes. Mit dem Reichsführer-SS und Polizei-Chef Heinrich Himmler an der Spitze. Schon beim gescheiterten Hitler-Putsch im November 1923 hatten die Chefs der Münchner Polizeidirektion – selbstredend vaterländisch gesinnt bis unter die Haarspitzen – im Hintergrund die Strippen gezogen. Am Ende des Gangs durch die Geschichte weicht das Dunkel dem Licht des Kasernenhofs. Das Kopfsteinpflaster ist uneben. Durch das Festungstor – und dahinter Bänke, Bäume, Grün. Wer waren nun die Räuber und wer der Gendarm? Im bayerischen Spruchkalender findet sich die passende Antwort: Recht hat immer der, der Recht hat!

Dinesh Bauer

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