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„Wo der Wildbach rauscht, dort im grünen Wald, ach wie glücklich war ich damals dort einmal. Denn du gabst mir dort dein Verlobungswort, und der Wildbach rauschte weiter in das Tal.“ Wo die Tonspur rauscht möchte man angesichts der allbekannten Filmstreifen aus den 50er Jahren mit Wald, Weib und Gesang sarkastisch anmerken.

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Der rauschende Wildbach gehört zum Sujet des Heimat-Romans, ja der schablonenhaften Schnulzenfilme, in denen menschliche Leidenschaften in Kitsch und Klischee erstarren. In diesem Kontext wird der Wildbach zum Stilmittel. Er steht als allegorische Metapher für das Ungebärdige, Ungebändigte, Wilde, die raue Romantik der Berge. Das hoch aufschäumende Wasser, das sich mit archaischer Gewalt seinen Weg durch das härteste Granitgesetin gräbt wird zum gleichnishaften Spiegel für die von Eifersucht, Neid, Hass, Rache oder Liebespein zerquälte Seelen-Landschaft jener in ein grausiges Schicksal verstrickten Naturburschen. Das Unheil nimmt seinen Lauf…

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Die Szenen in einer „Klause“, einer „Klamm“ mit ihren klaustrophobischen Engen, Windungen und Wirrungen drängt sich als schreiender, scharfer Kontrast zu den pastoralen pastellfarbenen Bildern des heimatlichen Bauern-Idylls in den sich auf den dramatischen Höhepunkt der Geschichte fokussierenden Blickwinkel. Vor den Bergen liegt das Arkadien der Alpen. Einfache Menschen, glückliche Kühe, stattliche Höfe, grünende Auen, fesche Madel und forsche Burschen. Dort ist der Ort des behäbigen, gesetzten und untersetzten Bauerntums. Dort ist kein Platz für leidenschaftliche Gefühlsausbrüche, erotische Obsessionen und finstere Umtriebe. Die dramatische Zuspitzung spielt anderswo, die dunkle Seite der Story bedarf eines anderen Settings. Unten in der Tiefe erreicht die Spannung ihren Klimax.

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Ein schmales Brücklein, ein Steg nur. Darunter tost und tobt das Wildwasser. Die Enge der Kluft, die Schroffheit der ragenden Felsenfluchten zeichnen ein ehernes Bild der Bedrohung, der Beklemmung, des Zwang und des Zwists. Ein solcher Ort der Düsternis, der rohen Naturgewalten formt die kongeniale Kulisse für den erbitterten Kampf Mann gegen Mann, der zur finalen Entscheidung drängt. Im Showdown zwischen Held und Schuft, zwischen Wilderer und Jäger, Fiesling und Schönling kann es nur einen Sieger geben, der als Preis den Erbhof samt schöner, rotwangiger Braut abräumt. Der Verlierer, Unterlegene des rituellen Ringens dagegen ist dem Untergang geweiht. Und zwar im wortwörtlichen Sinne. Der Besiegte purzelt mit einem wilden Schrei namenlosen Entsetzens und tiefster Verzweiflung hinab in die eisigen Fluten. Exitus. Es strudelt, sprudelt und schäumt über den leblosen Körper, der in der letzten Einstellung wie ein toter Baumstamm davon treibt. Kamera aus, schnitt! Der wütende Wildbach symbolisiert auf der Meta-Ebene des Plots den Eingang in die Unterwelt, das Tor zur Hölle. Es ist der bayerische Styx, der in den Orkus des Oberlands hinabstürzt.

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Gut, das im klassischen Heimat-Epos am Ende alles gut ausgeht – und ein Happy-End auf die Helden der Geschichte wartet. Drunten im Tal, wo der Wildbach zum ruhigen Fluss werden wird. Ein gebändigter, gezähmter Fluss, der reiche Ernten und weiche Federn verheißt statt Tod und Verzweiflung.

Dinesh Bauer

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