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Hasta la Victoria Siempre! Ernesto Rafael Guevara de la Serna hat
zweifellos Geschichte geschrieben. Heute vor 85 Jahren, am 14. Mai 1928
wurde er in Rosario geboren. Passenderweise nur eine Durchgangsstation.
Denn seine Eltern waren mit dem Flußdampfer unterwegs. Che hatte noch
mehrere jüngere Geschwister. Er hatte irische und baskische Vorfahren, Sein
familiärer Hintergrund: bürgerliche Boheme. Doch ein Familienmensch war Che nie. Er hatte anderes im Sinn, reiste mit dem Motorrad durch Lateinamerika, landete in einer Leprastation im Urwald, wollte Arzt werden und wurde Berufsrevolutionär. Einer der Zeit lebens unter seinen Asthmaanfällen litt – und mit schier übermenschlicher Energie immer weiter kämpfte. Ein Kämpfer gegen die eigene, in dem Atem beraubende Krankheit und für Gleichheit und Gerechtigkeit. Denn – so sein Kindermädchen – schon der kleine Che besaß einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

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Heute ist Che – was in Argentinien so viel wie „hey“ oder „hallo“ bedeutet
– der Inbegriff des Dschungel-Guerilleros, des leidenschaftlichen
Widerstandkämpfers. Der Comandante ist die Ikone der Revolte, der
Revolution. Che hat etwas von einem „Christus mit der Knarre“ wie Protest-
Barde Wolf Biermann sang. Ein Erlöser der Postmoderne, ein charismatischer
Visionär – den entrückten Blick auf eine bessere, gerechtere Welt
gerichtet. Che ist Kult, ist Kumpel und Kampfgefährte. Er ist der Rebell,
der marxistische „Gottessohn“, der linke „Lucifer“, der gegen die
Weltordnung der Väter aufstand. Der für seine Rebellion gegen den Gott des
Geldes eines gewaltsamen Todes starb.

Im Oktober 1967 wurde er in Bolivien von einem dafür gedungenen Feldwebel mit einem M 2-Karabiner erschossen. Mit sieben Schüssen im Schulhaus des winzigen Weilers La Higuera. „Sie werden sehen, wie ein Mann stirbt“, sollen seine letzten Worte gewesen sein. Zuvor war er wie ein wildes Raubtier in der Quebrada del Yuro – einer dicht bewaldeten Schlucht bei La Higuera – in die Enge getrieben und zur „Strecke gebracht“ worden. Die Militärs waren stolz auf ihren „Fang“. So wurde die Leiche des Comandante per Helikopter nach Vallegrande verfrachtet, gewaschen und „in präsentable Form“ gebracht. Danach wurde der Leichnam – die offenen Augen starrten ins Leere – im Waschraum des Hospitals wie eine Jagdtrophäe zur Schau gestellt. Es ist wohl das Gesetz des Mythos vom Märtyrer: Helden müssen für ihre „gerechte Sache“ sterben – egal ob sie Herakles, Christus oder Che heißen mögen. Der „guerillero heroico“ fand seine Apotheose in der berühmten Fotografie, in der er aufgebahrt auf einem Waschtrog liegt. Erst ihr „Image“ lässt tote Heroen ewig leben.

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Auch Che hat es „geschafft“ – er ist unsterblich geworden. Doch zu welchem
Preis? Das Bild des kommunistischen Weltrevolutionärs, des Propheten des
Proletariats, des Apostel des Aufstands wurde – späte Rache des
Kapitalismus – bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Er wurde zur weltweit
vermarkteten PR- und Medien-Ikone abgestempelt. Sein Gesicht prangt auf T- Shirts und Zigarettenschachteln, sein Konterfei taucht in
Hochglanzmagazinen und in Werbespots auf. Steht für eine imaginäre Freiheit in schablonenhaften Werbearrangements. Che ist zu einer Art „alternativen Model der Männlichkeit“ verkommen – schick, lässig, sexy, freiheitsliebend und durch seinen frühen Tod – CIA & Co. sei Dank – für immer jung.

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Zu seinen Lebzeiten war Che ein „Anderer“. Ein Idealist, ein Ideologe, ein
überzeugter Kommunist. Ein unerschrockener, wagemutiger Anführer, der immer in den vordersten Linie stand. Einer, der die Maurerkelle und die Machete schwang, um den „Neuen Menschen“ unter das rote Banner der Revolution zu scharen. Sein Anspruch an alle „Werktätigen“: Moralische Maximen statt materiellem Erfolg, Selbstdisziplin und Kollektiv statt
Selbstverwirklichung und Hedonismus. So sah es aus, das erhoffte Paradies
der Proletarier. Dafür geht Che – im wahrsten Sinne des Wortes – auch über
Leichen. Und wenn es sein muss, exekutiert er einen Verräter mit eigener
Hand. Ohne Gnade, unbarmherzig. Doch auch Christus kannte mit den
Geldwechslern im Tempel keine Gnade. Sie mussten weg – basta la victoria!

Diese „programmatische“ Seite Ches bleibt weitestgehend vergessen – und
verdrängt. Was blieb ist das Abbild, das Eidoleion des „romantischen
Helden“, des Synonyms für Aufruhr, Rebellion und Protest. Auch das bleibt
von Che post mortem. Diese religiöse Komponente, diese Gestalt eines
Märtyrers und atheistischen Heiligen. Einer der nicht zögerte sein Leben
für die Armen, Verratenen und Verkauften in die Waagschale zu werfen.
Einer, der für seine Mission in den Tod ging, der sich für seinen Traum
opferte. In seiner heroischen Askese hatte er jedoch auch immer etwas etwas von einem Don Quichotte, der seine Rosinante bestieg um in den Kampf gegen eherne Windmühlen zu galoppieren. Die Nachkommen der bolivianischen Bauern, die ihn dereinst um den Judaslohn von 30 Silberlingen an die Hohenpriester des Kapitalismus verraten haben, verehren ihn heute als den heiligen „Don Ernesto“. Glorienschein inklusive. Ironie der Geschichte.Bild

Klar taugt Che zum Popstar – mit seinem wild wuchernden Bart und der
brennenden Zigarre im Mundwinkel. Dieser „Popstar-Status“ macht Che „hip“ – auf T-Shirts und Stickern macht er eine gute Figur. Sein glühender Fan
Diego Maradona trägt gar ein Che-Tattoo auf dem rechten Oberarm. Dennoch ist Guevara mehr als die übliche „Pop-Ikone“ von Marilyn bis Madonna. Das Abbild des archetypischen Rebellen wirft einen langen Schatten, aus dem sich der Geist des Widerstands schält. Che verkörpert den uralten Traum, dass es jenseits der bestehenden Herrschaftsordnung, jenseits der Schranken von Kasten und Klassen noch etwas anderes gibt, echte Gemeinschaft und Solidarität mit den Schwächeren und Armen. Der unverbrüchliche Glaube gemeinsam etwas bewegen zu können, die Ketten der Knechtschaft zu sprengen, um die Menschen und damit die Welt zu verbessern. Also im besten Sinn des Wortes Weltverbesserer zu sein. Das hält den Mythos von „El Che“ lebendig und „forever young“! Alles Gute zum 85sten…

Dinesh Bauer

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