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Kreuzwege wie Kalvarienberge gehören zum Oberland. Zumal es im Land vor den Bergen Anhöhen, Hügel, Kuppen und Höhen zu Hauf gibt. Ja der Alpenrand sieht aus, als ob ihn ein Maulwurf von monströsen Ausmaßen umgegraben hat. Die Passion, das Leiden Christi passt hierher wie das im Maßkrug schäumende Bier, die sich unterm Bisenhemd wölbende Wampe und die auf dem weiß-blauen Himmelsmeer segelnden Schäfchenwolken. Jedes schmucke Bauerndorf, ja jedes unansehnliche Kuhkaff hält sich etwas auf seinen Kreuzweg zu Gute. Wohin dieser mehr oder weniger lauschige und beschauliche Weg führt? Hinauf, hinauf zum „Kreuzeshügel“. In vierzehn Stationen hoch nach Golgatha im Land wo der Messias statt Dornenkrone und Lendenschurz Gamsbart und Wadlstrümpfe trägt.

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Live aus Rom! Millionen Menschen verfolgen am Bildschirm die Karfreitags-Prozession am Kreuzweg im antiken Kolosseum. Das blockige, archaische Mauerwerk der Arena dient als perfekte Kulisse, um die Passion Christi – von der Verurteilung durch den römischen Prokurator Pontius Pilatus bis zur Abnahme vom Kreuz – medienwirksam und publikumsträchtig in Szene zu setzen. Das antike Bauwerk, in dem dereinst das Volk von Rom johlte, wenn sich die Löwen brüllend auf die vor Angst schlotternden Delinquenten stürzten und die wehrlosen Opfer einer herzlosen Despotie zerfleischten. Das kolossale Mahnmal ist jedoch mehr als dekorative Staffage. Die Kult- und Vergnügungsstätte der römischen Imperatoren rückt den Kreuzweg in einen historischen Kontext. Jeder Kreuzweg, egal ob in Rom oder Riedering verweist auf das „heilsgeschichtliche Drama“, das sich vor 2000 Jahren auf der Via Dolorosa, der „schmerzensreichen Straße“, in Jerusalem abspielte: die Verurteilung, Geißelung und Kreuzigung des Jesus von Nazareth, seines Zeichens Gottessohn und Messias.

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Der jüdische Jedermann

Kreuzwege rufen – Station für Station – die Leiden Jesus, jenes jüdischen Jedermanns, ins Gedächtnis. Jeder der Stufe für Stufe höher steigt, folgt im übertragenen Sinn den Spuren des Heilands – dessen letzten Weg hinauf nach Golgatha. Ein Kalvarienberg ist – etymologisch besehen – ja nichts anderes als ein „calvariae locus“, sprich eine Schädelstätte. Dieser Ort des Grauens und der nackten Gewalt wird von einer „Grabeskirche“ oder einer Kapelle bekrönt, im Verständnis christlicher Metaphysik überhöht, der gewaltsame Tod transzendiert. Die Stationen entlang des Kreuzwegs reflektieren also beides: die Passion – und die Auferstehung Christi, der durch seinen Kreuzestod zum Erlöser wird, der letztgültig über das Böse triumphiert und die sündige Menschheit von der Sünde erlöst, indem er dem todbringenden Skorpionen des Todes den Stachel zieht.

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Ein letzter Weg in 14 Stationen

Das ein Kreuzweg 14 Stationen hat, war beileibe nicht immer so. Inhalt und Zahl der Stationen veränderten sich im Lauf der Jahrhunderte. In gotischer Zeit waren es sieben, später erhöhte sich die Zahl auf neun Stationen. Die „Sieben“ nimmt als heilige Zahl eine Sonderstellung ein – ihre symbolische Leuchtkraft schimmert auch im Christentum durch die heidnische Textur des mythologischen Webstoffs: die Schöpfung der Welt in sieben Tagen, die sieben Sakramente, die sieben Tugenden und Laster, die sieben Posaunen, die sieben Gleichnisse vom Himmelreich, die sieben letzten Worte Jesu, die sieben mageren und fetten Jahre.  Aus dieser mystischen Konnexion entstanden Kreuzwege mit sieben Stationen, die im deutschen Sprachraum als „sieben Fälle Jesu“ oder „sieben Gänge Jesu“ bezeichnet wurden.

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Erst in der Barockzeit setzte sich die Vorstellung durch, den Kreuzweg in „vierzehn Bildern“ zu versinnbildlichen – also quasi die Sieben zu verdoppeln. Die fünfzehnte Station ist die Kreuzweg-Kirche, die symbolische Entsprechung der Grabeskirche von Jerusalem. In seinem Breve „Unterweisungen über die Art, wie man den Kreuzweg abhalten soll“ zurrte Papst Clemens XII. 1732 die äußere Form der frommen Fürbittgänge fest. Von den 14 Stationen haben sieben einen direkten Bezug zu den Texten der Evangelien, sechs weitere lassen sich mit etwas Einbildungskraft aus der Passionsgeschichte ableiten. Die vierte Station – Jesus begegnet seiner Mutter – entstammt dem apokryphen Legendenschatz.

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 Helfen und Heilen – die Hoffnung über allem

„Auf dem Weg trafen sie einen Mann aus Kyrene namens Simon; ihn zwangen sie, Jesus das Kreuz zu tragen“ – so heißt es beim Evangelisten Matthäus. Die Kreuzweg-Stationen, die hinauf nach Schwarzlack führen, variieren Themen der Passionsgeschichte. Das Ziel des Kreuzwegs durch den Wald ist die über dem Inntal gelegene Wallfahrtskirche Maria-Hilf und St. Johann auf Schwarzlack. Der heutige Kirchenbau stammt aus der Zeit des Rokokos, der Name des Baumeisters steht in den Rechnungsbüchern und Annalen: Philipp Millauer hieß der Architekt, der das „Werck“ 1754 vollendete.

BildDer Bau, von den Grafen Preysing finanzierte Bau entsteht nicht von ungefähr: 1659 siedelte sich in der Abgeschiedenheit des Waldes der Eremit Georg Tanner an und stellte in seiner Klause ein Maria-Hilf Bild auf – bald darauf kamen die ersten Wallfahrer. 1687 wird eine hölzerne Kapelle gezimmert, 1716 eine kleine Kirche aus Stein gemauert. 1750 wird der Grundstein für den Neubau gelegt, noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts um zwei Oratorien und die Orgelempore erweitert, ein Altar gestiftet. Von außen macht die Kirche – ein einfaches Rechteck, mit einer schlichten Fassade – nicht viel her. Innen jedoch überrascht der durch Wandpfeiler und Pilaster gegliederte Bau durch seine zurückhaltend kolorierten Fresken, das elegante weiß, durch seine ganze, großzügige Raumwirkung. Auf dem Altar dominieren die Farben Weiß und Gold. Glanzvollen Mittelpunkt bildet  das Maria-Hilf-Bild, umgeben von Engeln, Wolken und Strahlen, eskortiert von einigen Heiligenfiguren lächelt die Madonna gnädig und huldvoll. Sebastian Rechenauer d. Ä., geboren 1761 in Schweinsteig, einem Bauernhof nur wenig oberhalb der Kirche, übernahm die Malerarbeit, Fresken und Grisaillen, die sich sehen und durch deren allegorischen Symbolgehalt deuten und verstehen lassen. So haben die vier Kartuschen in Grisaille-Malerei die vier Plagen der Menschheit zum Sujet. Die Votivtafeln an den Wänden zeugen gleichfalls von Not, Verzweiflung und Verstrickung – und die ewige Hoffnung der Menschen auf die Hilfe eines „Höheren“.

BildUnd so manchen frommen Wallfahrer überkam die „höhere Erkenntnis“ bei einer besinnlichen „Halben“ oder einigen „messianischen“ Maß Bier im Wirtshaus, das in Bayern ja stets auf Tuchfühlung mit den Heiligen geht.

Dinesh Bauer

Wollt’s mehr von mir lesen? Dann schaut’s euch doch einen von meinen Alpen-Krimis an. Ihr seid’s herzlich eingeladen auf meiner Autorenseite zu stöbern…

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