Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

06_Holzofen_Halbtotal

Funken stieben, Flammenzungen lecken am Holzstoß bis er Feuer fängt. Endlich beginnen die Holzscheite wohlig zu knistern und zu knacken. Es ist Backtag in den Bergen. Genauer gesagt auf der Kalchkendl-Alm im Rauriser Tal. Die Alm im Salzburgischen Pinzgau gehört Roswitha Huber, die sich selbst stolz „Eigenbrötlerin“ nennt. Ihr „eigenes Brot“ macht die Alm-Bäckerin nach althergebrachten Rezepten mit Sauerteig. Ein paar Scheite Buchenholz werden nachgelegt und die Flammen lodern hell und hoch. Zur hohen Kunst des Brotbackens im Steinbackofen gehört es, das Urelement zu zähmen. Roswitha Huber beherrscht diese Kunst. Ihre runden Laibe werden in einem aus Backstein gemauerten Ofen „gebrannt“. Denn für Huber steht fest: Wahres Brot kommt aus dem Feuer.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ein aromatischer, würziger Geruch liegt in der Luft, als die Laibe frisch aus dem Backofen kommen. „Der Geruch des Brotes ist der Duft aller Düfte. Es ist der Urduft unseres irdischen Lebens, der Duft der Harmonie, des Friedens und der Heimat.“ In den Worten des tschechischen Schriftstellers Jaroslav Seifert schwingt die Einsicht, dass Brot mehr ist als das oft kolportierte Grundnahrungsmittel, es ist ein Symbol des Lebens selbst. „Brot im Haus zu haben“ war noch vor wenigen Jahrzehnten keine Selbstverständlichkeit. Für unsere Vorfahren war das Leben ein „hartes Brot“. Für einen Großteil der Bewohner der „Dritten Welt“ hat sich daran nichts geändert. Es ist noch nicht mal Hundert Jahre her, da waren wir auch hierzulande Selbstversorger. Brötchen und Brezen waren keine Massenware, die um Cent-Beträge aus den SB-Theken der Backshops gefischt werden. Bauern und Arbeiter verdienten ihr im Brot im Schweiße ihres Angesichts.

21_brotinhand_total

Auf dem Land und insbesondere in den Bergen lebten die Leute noch vor zwei, drei Generationen vom eigenen Grund und Boden, von der „Arbeit ihrer Hände“: die Milch, das Getreide, das Fleisch, die Eier – alles stammte vom eigenen Hof. Höfe, die heute zu Nobelhotels und exklusive „Mountain Resorts“ für zahlungskräftige Urlauber aus aller Welt mutiert sind, mussten in der „guten alten Zeit“ vielköpfige Bauernfamilien ernähren. Bis in die 50er Jahre hinein wurde selbst in den kargen Tälern Tirols und des Salzburger Landes Getreide angebaut. Dort wo heute zu den Klängen von DJ Ötzi der Jagertee geschlürft und die Gefrier-Germknödel verputzt werden, wurde früher das Korn gedroschen und in der zum Hof gehörigen Mühle zu Mehl vermahlen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Es war ein steiniger Grund auf dem das Korn mehr schlecht als recht wuchs. Die schroffen Gebirgszüge, die steilen Wiesenhänge, die abgelegenen Höfe – all das was dem zivilisationsmüden Outdoor-Touri heute als romantisch und urig erscheint – bedeutete für die Bergbauen von einst eine knochenharte Arbeit bei kargem Brot. Mit dem „täglichen Brot“ musste sparsam umgegangen werden – denn in den langen, strengen Wintern saß oft genug der Hunger mit am Tisch. Und wenn der Sommer kalt und verregnet war, war das eigene Getreide von miserabler Qualität – und kaum genießbar.

Bild

Wir sollten also vorsichtig sein, die „gute alte Zeit“ nostalgisch zu verbrämen und im Glorienschein zu verklären. Je nach Größe des Hofes wurde alle drei bis acht Wochen gebacken – und man ließ die Laibe für Tage oder Wochen an einem kühlen, dunklen Ort liegen. Denn von alten, abgelegenen Brot wird man leichter satt. Das Brot in den Alpen war jedoch nicht nur altbacken, sondern auch schwer und schwarz. Denn es war nicht aus weißen Weizenmehl, sondern aus Roggen. Roggen ergibt lange haltbares Brot, besonders in Verbindung mit Sauerteig. Was „Brot haben“ bedeutet, ist in der schönen, glitzernden Konsumwelt in Vergessenheit geraten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Wer Brot nur noch als abgepackte „Wegwerfware“ wahrnimmt, der ist wahrlich arm dran. Dem fehlt etwas wesentliches. Das Gefühl von Dankbarkeit, von Demut und Bescheidenheit, wenn ein selbst gebackenes Brot aus dem Ofen kommt. Die goldgelb splitternde Kruste, der würzige Duft des noch warmen Laibs – all das lässt uns erst die Bedeutung des Worts „Lebens-Mittel“ richtig ein und wert zu schätzen. Wir sollten uns der „Gnade“ bewusst werden, dass wir nach Belieben unser „Brot brechen“ können und es für alle genug zu essen gibt. Es hat schon seinen tieferen. mythologischen Grund, dass die Figur des Messias im Evangelium nach Johannes von sich selbst behauptet: „Ich bin das Brot des Lebens.“

Dinesh Bauer

Mehr von mir? Meine eBooks auf Amazon findet ihr…

http://www.amazon.de/Hans-Peter-Dinesh-Bauer/e/B005F2DLJK

Mehr zum Brotbacken im Rauriser Tal:

http://www.schule-am-berg.at/

 

 

Advertisements